Nach der Katastrophe

17. März 2011 12:11; Akt: 17.03.2011 13:12 Print

Es wird eng in den Evakuierungszentren

Über eine halbe Million Japaner leben seit Tagen in Notfallunterkünften. Die Situation wird prekär: Es fehlt am Nötigsten und Dutzende sind bereits gestorben.

Bildstrecke im Grossformat »
Die Universität Sheffield hat eine interessante Grafik veröffentlicht, in welcher die Welt nach dem Erdbebenrisiko gewichtet zeigt (). Die Situation in den 2400 Evakuierungszentren wird prekär: Wasser, Heizöl und Essen müssen rationiert werden. In vielen Dörfern, in denen keine Evakuierungszentren eingerichtet werden können, ziehen die Nachbarn zusammen. Damit sparen sie Energie beim Kochen und je mehr Menschen sich in den Wohnräumen aufhalten, umso höher ist die Raumtemperatur. Viele Japaner besorgen Esswaren auf provisorischen Märkten. «Ich nehme das, was es gibt», sagt eine ältere Frau, «und bin für alles dankbar.» In einigen vom Tsunami betroffenen Städten wurden die Strassen frei geräumt - nun kann effizienter evakuiert werden. Im Katastrophegebiet erschweren derzeit Schneeschauer die Rettungsarbeiten. Rettungskräfte kämpfen sich mühsam durch die überflutete Einöde. Sie suchen weiter nach Überlebenden, obwohl die Chancen mit jeder Minute sinken. «Der starke Verwesungsgeruch und das dreckige Meerwasser machen die Suche extrem schwierig», sagt Helfer Yin Guanghui. Als sei die Lage nicht schon schlimm genug, liegen die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. An vielen Tankstellen bilden sich lange Schlangen. Die Menschen decken sich dort mit Heizöl ein. Die Zerstörung der Stadt Itsuchi in der Präfektur Iwate. Die Stadt existiert nicht mehr. Minamisanriku in der Präfektur Miyagi - dem Erdboden gleich. Minamisanriku in der Präfektur Miyagi - nichts bleibt übrig nach dem Tsunami. Sendai wurde vom Tsunami am härtesten getroffen. Eine Frau aus Miyako hat ihre Mutter und ihren dreijährigen Sohn verloren. Die toten Körper wurden im Haus gefunden. Eine Frau und ihre Tante in tiefer Trauer, als sie sich nach dem Erdbeben und Tsunami wieder treffen. Ein Schulzimmer in Otsuchi. Angestellte einer Firma geschockt, als sie ihren Arbeitsplatz wiedersehen in Minamisanriku, Miyagi. Überlebende vor den Toten in Rikuzentakata. Eine Harley Davidson sitzt auf Trümmern in Soma in der Präfektur Fukushima. Eine alte Frau kehrt zurück nach Hause - oder was davon übrig geblieben ist - in Otsuchi. Die Stadt Otsuchi - nichts bleibt übrig. Das Wasser ist hochgradig verschmutzt in Fudai. Schiffe in Kesennuma sind dort, wo sie nicht sein sollten. Der Tsunami beförderte Boote weit ins Landesinnere. Auch grosse Schiffe wurden von der Flutwelle wie Spielzeuge mitgerissen. Überlebende des Erdbebens versuchen, sich über die Dächer der eingestürzten Häuser in Sicherheit zu bringen. Nach wie vor wird fieberhaft nach Überlebenden des Tsunami gesucht. Die Flutwelle brachte meterhoch Schlamm in die Küstengebiete, was die Arbeit der Helfer erschwert. Trauer und Verzweiflung in Japan: Vielfach können Menschen nur noch tot geborgen werden. Die Versorgung mit Lebensmitteln ist schwierig. Wo es noch Waren gibt, bilden sich endlose Menschenschlangen. In Japan bilden sich derweil Schlangen vor den Supermärkten. Die Regale sind aber praktisch leer. Hunderttausende wurden aus den gefährdeten Gebieten evakuiert. Sie müssen in temporär eingerichteten Warteräumen übernachten. Einen Tag nach dem schweren Beben bietet die Stadt Sendai ein Bild der Verwüstung. Überall sind die Spuren der Verwüstung zu sehen. Die Strassen sind kaputt oder voller Schlamm. Die Welle drang bis zu zehn Kilometer ins Landesinnere ein. Kaputte Autos liegen herum, ... ... sogar Kleinflugzeuge. Angesichts Tausender Vermisster hat die japanische Regierung am 12. März 2011 ein grosses Militäraufgebot für Rettungsaktionen abgestellt. Hierzu sind 50 000 Soldaten für die Rettung von Überlebenden mobilisiert worden. Zahlreiche Städte und Dörfer entlang eines 2100 Kilometer langen Küstenabschnitts im Nordosten Japans sind betroffen. Mit der Flutwelle sind ganze Zugkompositionen weggeschwemmt worden. Die zuständige Eisenbahngesellschaft erklärte, sie wisse nicht, wie viele Menschen sich in den Zügen befunden hätten. In vielen Strassen an der Ostküste steht noch das Wasser. Rettungskräfte sind mit Booten unterwegs. Hunderte Menschen warten geduldig vor den wenigen Supermärkten, die wieder geöffnet haben, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Auf Luftaufnahmen war zu sehen, wie Helikopter der Armee mit Leinen verzweifelte Menschen von Dächern ... ... und aus Hausruinen bargen. Dafür waren 190 Militärflugzeuge und Helikopter ... ... sowie 25 Schiffe in die von dem Erdbeben betroffenen Gebiete unterwegs. Wegen zerstörten Zufahrtsstrassen haben Rettungskräfte bislang nicht zum Küstenstreifen vordringen können. In weiten Teilen Nordjapans hat das Erdbeben schwere Schäden angerichtet. Die Flutwelle erreichte eine Höhe von zehn Metern. Eine unbekannte Zahl von Opfern ist vermutlich von herabfallendem Mauerwerk verschüttet worden. Der Tsunami riss Schiffe, ... ... Autos, ... ... Container am Hafen, ... ... ganze Gebäude ... ... und tonnenweise Schutt und Geröll mit sich. Eine Retterin in Kesennuma.

Zum Thema
Fehler gesehen?

In den ersten Stunden nach der Katastrophe schafften es die japanischen Behörden, 2400 Evakuierungszentren für die Opfer des Erdbebens und des darauffolgenden Tsunamis einzurichten. Familien mit Kindern, ältere Menschen, Kranke und Obdachlose kamen mit dem Allernötigsten. Insgesamt wohnen seit Freitag rund 560 000 Menschen in Turnhallen, Sportzentren und Schulen. Sie schlafen auf dem Boden, sie trösten sich gegenseitig.

Doch nach sechs Tagen wird auch die Situation in den Notlagern schwierig: Das Essen droht auszugehen, knapp wird es derzeit auch um die Wasser- und Heizölvorräte. Hygieneartikel werden zu Luxusware und der Strom wird nachts rationiert. Die Menschen sitzen viele Stunden in den kalten und stockfinsteren Hallen.

«Ich kann nicht schlafen»

Doch was den Rettungsorganisationen am meisten Sorgen macht, ist die medizinische Versorgung. In einigen Notlagern ist ein Arzt oder eine Krankenschwester. Sie machen jeden Morgen einen Rundgang und untersuchen die Schwachen und Kranken. Viele der Evakuierten sind am Tag des Unglücks mit nichts, also auch ohne Medikamente geflüchtet. Am Donnerstag wurden bereits die ersten Opfer bekannt gegeben: 26 Menschen sind nach Angaben der Behörden gestorben, weil sie in den letzten Tagen nicht die nötige ärztliche Verpflegung erhielten. In einem Spital der betroffenen Präfektur Miyagi starben zudem acht Menschen an Unterkühlung, weil das Heizöl ausging.

Auch vielen gesunden Menschen macht die schwierige Situation zu schaffen. Die meisten klagen, nachts vor Kälte - und womöglich auch vor Sorge - nicht schlafen zu können. Die jungen Menschen verlassen tagsüber die Notunterkünfte und gehen an den Ort, wo ihre Häuser gestanden haben, um nach Angehörigen unter den Trümmern zu suchen. Manche gehen nach dem starken Schneefall vom Mittwoch mit Schaufeln und Plastiksäcken Schnee sammeln, um die Toiletten spülen zu können. Viele nutzen die Gelegenheit, in einem Restaurant eine warme Nudelmahlzeit zu sich zu nehmen. Viele Imbissbuden bieten aus Solidarität ihre Menus gratis an – solange der Vorrat reicht.

«Wir wissen nicht, wann wir wieder nach Hause gehen können», sagt ein junger Mann in einem Notlager in Ibaraki gegenüber dem Nachrichtensender NHK. Er wolle seine verstorbenen Angehörigen begraben, aber das sei momentan unmöglich.

Nachbarn ziehen zusammen

Seit Mittwoch rollt eine Kältewelle über den Norden Japans. Weil das Kerosin knapp wird, ziehen in vielen Dörfern, in denen keine Evakuierungszentren eingerichtet werden können, die Nachbarn zusammen. Damit sparen sie Energie beim Kochen und je mehr Menschen sich in den Wohnräumen aufhalten, desto höher ist die Raumtemperatur. Sie besorgen Esswaren auf provisorischen Märkten. «Ich nehme das, was es gibt», sagt eine ältere Frau, «und bin für alles dankbar.»

(kle)