Japans Atomanlagen

14. März 2011 14:53; Akt: 15.03.2011 09:44 Print

Tote Arbeiter und vertuschte Unfälle

von Peter Blunschi - Bereits vor Fukushima war es in japanischen Atomanlagen zu zahlreichen Störfällen gekommen. Experten warnen seit Jahren vor mangelhaften Kraftwerken.

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Im Atomkraftwerk Tsuruga kam es in den ersten Monaten des Jahres 1981 bei Reparaturarbeiten zu einer Reihe von Zwischenfällen. Rund 300 Personen wurden überhöhter Strahlung ausgesetzt, 15 Tonnen radioaktives Wasser flossen ins Meer. Dabei stellte sich heraus, dass es bereits 1974 zu einem ähnlichen Störfall gekommen war. Das Kraftwerk wurde für sechs Monate stillgelegt. Nur etwa ein Jahr war das Kraftwerk Monju in Betrieb, als es am 8. Dezember 1995 zu einem schweren Zwischenfall kam: Aus einem Leck waren rund drei Tonnen Natrium freigesetzt worden. Das einzige japanische Kraftwerk vom Typ «Schneller Brüter» wurde abgestellt und erst 2010, nach einem zehn Jahre dauernden Rechtsstreit, wieder in Betrieb genommen. Am 20. November 1997 wurden nach einem Brand und einer Explosion in der Wiederaufbereitungsanlage Tokaimura im Norden von Tokio 37 Personen verstrahlt. Die Behörden wurden erst mit vierstündiger Verspätung über den Austritt von Radioaktivität informiert. Weit gravierender war ein Vorfall in Tokaimura am 1. Oktober 1999: Weil zu viel Uran in einen Tank gefüllt wurde, kam es zu einer unkontrollierbaren Kettenreaktion. Zwei Mitarbeiter starben Monate später, hunderte Anwohner wurden erhöhter Strahlenbelastung ausgesetzt und ärztlich untersucht. Es war der schwerste Atomunfall seit Tschernobyl. Einer von drei Reaktoren der Atomanlage Mihama schaltete sich am 9. August 2004 automatisch ab. Daraufhin trat nicht radioaktiver, aber extrem heisser Wasserdampf aus. Vier Arbeiter kamen ums Leben, sieben weiter wurden teils schwer verletzt. Ein Erdbeben der Stärke 6,6 erschütterte am 16. Juli 2007 das weltgrösste Atomkraftwerk Kashiwazaki-Kariwa. Dabei geriet ein Transformator in Brand, ausserdem floss radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer. Eine Untersuchung ergab rund 50 Defekte, die von der Betreiberfirma Tepco grösstenteils verschwiegen wurden. Das Kraftwerk wurde für fast zwei Jahre abgestellt. Ein Erdbeben der Stärke 9,0 verwüstete am 11. März 2011 den Nordosten Japans. Im Atomkraftwerk Fukushima I fiel die Kühlung aus, in drei der vier Reaktoren kam es zu Explosionen. Dabei ist Radioaktivität ausgetreten. In einem Umkreis von 20 Kilometer wurden sämtliche Menschen evakuiert. Das genaue Ausmass der Katastrophe ist noch unklar, eine Kernschmelze ist wahrscheinlich.

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Mit Tōkyō Denryoku geht es steil bergab: Die Tokioter Börse musste den Handel mit der Aktie des Unternehmens, das nach der Abkürzung seines englischen Namens (Tokyo Electric Power Company) nur Tepco genannt wird, am Montag stoppen. Panikartig hatten die Anleger versucht, das Papier loszuwerden. Die schwere Havarie im Atomkraftwerk Fukushima I droht den ohnehin beschädigten Ruf der Firma endgültig zu zerstören.

Tepco ist der grösste Stromversorger Asiens und einer der grössten Energiekonzerne der Welt. Das 1951 gegründete Unternehmen betreibt neben Wasser- und Wärmekraftwerken auch drei Atomkraftwerke (Fukushima I und II sowie Kashiwazaki-Kariwa) mit insgesamt 17 Reaktorblöcken. Seit Jahren steht das Unternehmen wegen seiner Informationspolitik in der Kritik. Im August 2002 hatte die Regierung bekannt gegeben, dass Tepco über Jahre hinweg Sicherheitsberichte gefälscht und 29 «Vorfälle» in seinen Anlagen vertuscht hatte.

Reaktoren abgeschaltet

Die Konsequenzen waren einschneidend: Alle 17 Tepco-Reaktoren wurden abgeschaltet und teilweise erst nach mehreren Jahren wieder hochgefahren, oft gegen den Widerstand der lokalen Bevölkerung. Fünf Mitglieder der Konzernleitung mussten zurücktreten. 2006 und 2007 wurde Tepco erneut vorgeworfen, Daten über die Kühlwassertemperatur in den Reaktoren gefälscht zu haben. Das Unternehmen gab zu, den Behörden Risse in Wasser- und Dampfrohren sowie das Austreten radioaktiven Dampfes verschwiegen zu haben.

Ein schwerer Störfall ereignete sich im Juli 2007 in Kashiwazaki-Kariwa, dem grössten Atomkraftwerk der Welt mit einer Leistung von 8,2 Gigawatt. Nach einem Erdbeben der Stärke 6,6 war radioaktives Wasser aus einem Becken ins japanische Meer geschwappt. Eine Untersuchung ergab rund 50 Defekte als Folge des Bebens, die von Tepco nicht gemeldet worden waren. Das Riesenkraftwerk wurde für knapp zwei Jahre vom Netz genommen. Anwohner klagten erfolglos gegen die Betriebsbewilligung.

Schwindende Akzeptanz

Die Vorfälle in Fukushima nach dem katastrophalen Beben und dem Tsunami vom letzten Freitag werfen erneut ein schiefes Licht auf die Tepco-Führung. Einmal mehr wirkt die Informationspolitik dürftig, die Konzernleitung verschanzt sich hinter der Regierung. Dabei war das Misstrauen der Japaner gegenüber der Atomenergie schon vor den jüngsten Ereignissen gross. Umfragen zeigen eine seit Jahren schwindende Akzeptanz.

Die historische Erfahrung mit den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki spielt dabei eine wichtige Rolle, doch auch in «zivilen» Nuklearanlagen gab es Tote: 1999 starben zwei Arbeiter in der Wiederaufbereitungsanlage Tokaimura, weil Sicherheitsvorschriften krass missachtet wurden. Mehr als 600 Menschen wurden verstrahlt. 2004 wurden vier Arbeiter in der Atomanlage Mihama durch explosionsartig austretenden Wasserdampf getötet, sieben weiter erlitten teils schwerste Verbrennungen. Radioaktivität wurde keine freigesetzt.

Zu wenig robust gebaut

Experten warnen seit Jahren vor den «fatalen Mängeln» japanischer Atomanlagen. Der Seismologe Katsuhiko Ishibashi von der Universität Kobe betonte laut dem «Guardian» schon 2007, dass die Atomkraftwerke bei grossen Erdbeben «sehr verwundbar» seien. Das Problem reiche 40 Jahre zurück, in die Anfänge des japanischen Atomprogramms. Damals sei die Erde relativ ruhig gewesen, die Kraftwerke seien deshalb zu wenig robust gebaut worden. Erst nach dem schweren Beben 1995 in Kobe wurden die Anforderungen verschärft.

Trotz aller Widerstände und Bedenken haben Japans Regierungen stets eisern am Atomstrom festgehalten (siehe Infobox). Die Katastrophe von Fukushima könnte den weiteren Expansionsplänen einen Strich durch die Rechnung machen.