Augenzeuge

20. März 2011 17:37; Akt: 21.03.2011 09:29 Print

«Es ist wie eine Apokalypse»

von Todd Pitmann*, AP - Selbst erfahrene Journalisten sind erschüttert über die Folgen des Erdbebens und Tsunamis in Japan. Ein Bericht von der Front.

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Die Universität Sheffield hat eine interessante Grafik veröffentlicht, in welcher die Welt nach dem Erdbebenrisiko gewichtet zeigt (). Die Situation in den 2400 Evakuierungszentren wird prekär: Wasser, Heizöl und Essen müssen rationiert werden. In vielen Dörfern, in denen keine Evakuierungszentren eingerichtet werden können, ziehen die Nachbarn zusammen. Damit sparen sie Energie beim Kochen und je mehr Menschen sich in den Wohnräumen aufhalten, umso höher ist die Raumtemperatur. Viele Japaner besorgen Esswaren auf provisorischen Märkten. «Ich nehme das, was es gibt», sagt eine ältere Frau, «und bin für alles dankbar.» In einigen vom Tsunami betroffenen Städten wurden die Strassen frei geräumt - nun kann effizienter evakuiert werden. Im Katastrophegebiet erschweren derzeit Schneeschauer die Rettungsarbeiten. Rettungskräfte kämpfen sich mühsam durch die überflutete Einöde. Sie suchen weiter nach Überlebenden, obwohl die Chancen mit jeder Minute sinken. «Der starke Verwesungsgeruch und das dreckige Meerwasser machen die Suche extrem schwierig», sagt Helfer Yin Guanghui. Als sei die Lage nicht schon schlimm genug, liegen die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. An vielen Tankstellen bilden sich lange Schlangen. Die Menschen decken sich dort mit Heizöl ein. Die Zerstörung der Stadt Itsuchi in der Präfektur Iwate. Die Stadt existiert nicht mehr. Minamisanriku in der Präfektur Miyagi - dem Erdboden gleich. Minamisanriku in der Präfektur Miyagi - nichts bleibt übrig nach dem Tsunami. Sendai wurde vom Tsunami am härtesten getroffen. Eine Frau aus Miyako hat ihre Mutter und ihren dreijährigen Sohn verloren. Die toten Körper wurden im Haus gefunden. Eine Frau und ihre Tante in tiefer Trauer, als sie sich nach dem Erdbeben und Tsunami wieder treffen. Ein Schulzimmer in Otsuchi. Angestellte einer Firma geschockt, als sie ihren Arbeitsplatz wiedersehen in Minamisanriku, Miyagi. Überlebende vor den Toten in Rikuzentakata. Eine Harley Davidson sitzt auf Trümmern in Soma in der Präfektur Fukushima. Eine alte Frau kehrt zurück nach Hause - oder was davon übrig geblieben ist - in Otsuchi. Die Stadt Otsuchi - nichts bleibt übrig. Das Wasser ist hochgradig verschmutzt in Fudai. Schiffe in Kesennuma sind dort, wo sie nicht sein sollten. Der Tsunami beförderte Boote weit ins Landesinnere. Auch grosse Schiffe wurden von der Flutwelle wie Spielzeuge mitgerissen. Überlebende des Erdbebens versuchen, sich über die Dächer der eingestürzten Häuser in Sicherheit zu bringen. Nach wie vor wird fieberhaft nach Überlebenden des Tsunami gesucht. Die Flutwelle brachte meterhoch Schlamm in die Küstengebiete, was die Arbeit der Helfer erschwert. Trauer und Verzweiflung in Japan: Vielfach können Menschen nur noch tot geborgen werden. Die Versorgung mit Lebensmitteln ist schwierig. Wo es noch Waren gibt, bilden sich endlose Menschenschlangen. In Japan bilden sich derweil Schlangen vor den Supermärkten. Die Regale sind aber praktisch leer. Hunderttausende wurden aus den gefährdeten Gebieten evakuiert. Sie müssen in temporär eingerichteten Warteräumen übernachten. Einen Tag nach dem schweren Beben bietet die Stadt Sendai ein Bild der Verwüstung. Überall sind die Spuren der Verwüstung zu sehen. Die Strassen sind kaputt oder voller Schlamm. Die Welle drang bis zu zehn Kilometer ins Landesinnere ein. Kaputte Autos liegen herum, ... ... sogar Kleinflugzeuge. Angesichts Tausender Vermisster hat die japanische Regierung am 12. März 2011 ein grosses Militäraufgebot für Rettungsaktionen abgestellt. Hierzu sind 50 000 Soldaten für die Rettung von Überlebenden mobilisiert worden. Zahlreiche Städte und Dörfer entlang eines 2100 Kilometer langen Küstenabschnitts im Nordosten Japans sind betroffen. Mit der Flutwelle sind ganze Zugkompositionen weggeschwemmt worden. Die zuständige Eisenbahngesellschaft erklärte, sie wisse nicht, wie viele Menschen sich in den Zügen befunden hätten. In vielen Strassen an der Ostküste steht noch das Wasser. Rettungskräfte sind mit Booten unterwegs. Hunderte Menschen warten geduldig vor den wenigen Supermärkten, die wieder geöffnet haben, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Auf Luftaufnahmen war zu sehen, wie Helikopter der Armee mit Leinen verzweifelte Menschen von Dächern ... ... und aus Hausruinen bargen. Dafür waren 190 Militärflugzeuge und Helikopter ... ... sowie 25 Schiffe in die von dem Erdbeben betroffenen Gebiete unterwegs. Wegen zerstörten Zufahrtsstrassen haben Rettungskräfte bislang nicht zum Küstenstreifen vordringen können. In weiten Teilen Nordjapans hat das Erdbeben schwere Schäden angerichtet. Die Flutwelle erreichte eine Höhe von zehn Metern. Eine unbekannte Zahl von Opfern ist vermutlich von herabfallendem Mauerwerk verschüttet worden. Der Tsunami riss Schiffe, ... ... Autos, ... ... Container am Hafen, ... ... ganze Gebäude ... ... und tonnenweise Schutt und Geröll mit sich. Eine Retterin in Kesennuma.

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Leichen liegen verstreut in den Trümmern, wo einst Städte waren. Militärhubschrauber rattern über unseren Köpfen. Überlebende, die alles verloren haben, wickeln sich in Notunterkünften in Decken.

Nach Jahren, in denen ich als Journalist aus Kriegsregionen auf aller Welt berichtet habe, sind diese Szenen beunruhigend vertraut. Es ist diesmal die Kulisse, die anders ist.

Grösste Herausforderung

Hier, in einem der reichsten und fortschrittlichsten Länder der Welt, stehe ich einer der grössten Herausforderungen meiner Karriere gegenüber.

Die Katastrophe in Japan nahm ihren Ausgang in einem der stärksten Erdbeben, das die Menschheit je gesehen hatte, gefolgt von einem Tsunami, der mehr als 10 000 Menschen tötete und grosse Teile der nordöstlichen Küste des Landes komplett zerstörte. Das Atomunglück, das darauf folgte, verstärkte das Gefühl noch weiter, hier der Apokalypse beizuwohnen.

Die erschütternden Bilder wurden vielfach mit der Zerstörung verglichen, die Japan im Zweiten Weltkrieg erfahren musste. Mich erinnern sie aber auch an den Libanon 2006, als Israels Raketen gegen die Hisbollah ganze Dörfer dem Erdboden gleichmachten.

14 Stunden für 300 Kilometer

Als ich am Tag nach dem Beben aus dem Flugzeug steige, ist der Narita International Airport ruhig. Die Rolltreppen sind abgeschaltet, gestrandete Passagiere liegen im Terminal auf Schlafsäcken, vor dem Gebäude wartet kein einziges Taxi. Nach langem Suchen und Bitten nimmt uns schliesslich ein Taxifahrer ins Zentrum mit.

Auf dem Weg in die Tsunami-Zone benötigen wir 14 Stunden, um auf Nebenstrassen 300 Kilometer zurückzulegen. Strassen sind durch Erdrutsche blockiert oder existieren gar nicht mehr. Das GPS nützt hier nichts. Als wir am nächsten Morgen im zerstörten Teil der Stadt Sendai ankommen, sehen wir Überlebende mit Mundschutz, die in den Trümmern ihrer ausgelöschten Stadt nach Überlebenden, Toten oder ihren Besitztümern stochern.

Die Bilder, die sich hier in diesem hochtechnisierten Land bieten, könnten aus einem apokalyptischen Roman stammen: Abgeschnitten von der Aussenwelt, ohne Strom oder Telefonverbindung, warten die Hungrigen in langen Schlangen vor leergeräumten Lebensmittelläden. Verzweifelte Obdachlose stehen frierend im tiefen Schnee und wärmen ihre Hände an einem Feuer, das mit den Resten ihrer eigenen Häuser angefacht wird.


Alles steht still

Die meisten dieser Städte haben aufgehört zu existieren. Weiter im Inland ist immer noch alles geschlossen, Restaurants, Läden, auch Geldautomaten funktionieren nicht mehr, weil der Strom fehlt.

Wir halten uns hauptsächlich mit Snacks am Leben - Nüsse, Chips und Kaffee -, die wir uns aus fast leergeräumten Strassenautomaten ziehen können.

Benzin ist ebenso knapp, lange Schlangen von Autos stehen an den Tankstellen, auch an denen, die ohnehin geschlossen haben. Bis zu 36 Stunden warten sie, um an den rationierten Treibstoff zu kommen. Wir brauchen Benzin nicht nur, um uns fortzubewegen, wir müssen Laptops und Satellitenübertragungsgeräte laden, alles am Zigarettenanzünder des Autos, der einmal sogar wegen Überladung droht, unsere Mission zu stoppen.

Wir schlafen in den Notlagern in Schulen, Gemeindezentren und Turnhallen, neben den Überlebenden der Katastrophe, eine andere Möglichkeit gibt es nicht. In all diesen Unterkünften stehen die Uhren fast genau auf 14.46 Uhr, dem Zeitpunkt, als das Erdbeben alles veränderte. Die Lager sind so gut organisiert, dass in einem von ihnen sogar der Müll recycelt wird.

Die Überlebenden sind geduldig, dankbar, dass sie am Leben sind. Menschen, die alles verloren haben, teilen mit uns Miso-Suppe und Reisbällchen. An der Oberfläche scheint die Emotion zu fehlen, die stoische Ruhe scheint zu gross. Doch Verlust und Tod sind allgegenwärtig.

Kommen wir noch weg?

Jeden Morgen werden wir von Nachbeben geweckt. Wir hören immer wieder Bruchstücke von Nachrichten von der möglichen Kernschmelze in Fukushima-Daiichi, 240 Kilometer von unserem Arbeitsgebiet entfernt. Associated Press stellte mir ein Taschen-«Dosimeter» zur Verfügung, mit dem ich Strahlung messen kann, sowie eine Ration Kaliumjodid-Tabletten, um mich vor Schilddrüsenkrebs zu bewahren, sollte es zum Schlimmsten kommen.

Der schwere Schneefall trägt noch weiter zum Gefühl der Trostlosigkeit bei und manchmal frage ich mich: Wenn es schlimmer wird, kommen wir dann noch von dieser Insel weg?

(*Pitman ist Leiter des Büros von AP in Bangkok. Er hat im Laufe seiner Karriere aus Kriegsgebieten wie Afghanistan, Irak und dem Nahen Osten, sowie aus einigen der konfliktreichsten Länder Afrikas berichtet.)