Katastrophe in Japan

15. März 2011 20:08; Akt: 15.03.2011 20:09 Print

Wenn der Comic Realität wird

von P. Toggweiler - Atom-, Natur- und andere Katastrophen. Was Japan zurzeit erlebt, ist beliebtes Sujet der nationalen Comic-Kultur. Doch in einem Punkt haben sich die Autoren von «Akira» und Co. geirrt.

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Springfluten in den Häuserschluchten, einstürzende Brücken, panische Menschen. Der japanische Trickfilm «Akira» von 1988 endet damit, dass die Stadt Neo Tokyo von einer gigantischen Welle überschwemmt wird. Beginnen tut der Klassiker mit der Erklärung, Tokio sei vor 30 Jahren durch eine Atomexplosion zerstört worden.

Obwohl nur gezeichnet, sind die Parallelen zu den Bildern aus Sendai, Miyako oder Saito erschreckend. Ein Baseballstadion wird bis zum Rand geflutet – im Anime-Klassiker wie auch vor wenigen wenigen Tagen in Realität. Häuser und Schiffe werden weggeschwemmt, ganze Landschaftsstriche unter Wasser gesetzt. Plötzlich liegen Realität und Fiktion dicht beieinander. Auch geografisch. Der Erfinder von «Akira», Katsuhiro Otomo, stammt aus dem heutigen Tome – keine 150 Kilometer von den Reaktoren von Fukushima und nur einen Katzensprung von Sendai entfernt.

Atom- und andere Katastrophen

Auch in der ebenfalls im Westen höchst erfolgreichen Trickfilmserie «Neon Genesis Evangelion» ist die Welt aus den Fugen geraten – und zwar sprichwörtlich. Nach einer gigantischen Explosion, verursacht durch ein Experiment an einem ausserirdischen Wesen, verschiebt sich die Erdachse, der Südpol schmilzt und der Meeresspiegel steigt. Milliarden Menschen sterben. In Realität haben Geologen nach dem Seebeben vor Sendai tatsächlich eine Verschiebung der Erdachse festgestellt, um rund 10 Zentimeter.

Und noch ein Beispiel: Der äusserst brutale Anime «First Fist of the North Star» von Yoshiyuki Okamura spielt in einer Zeit nach einer nuklearen Katastrophe. Die Welt besteht zu grossen Teilen nur noch aus Wüste – die wenigen Überlebenden kämpfen in Sippen um Wasser und Rohstoffe. Egal ob Atom- oder Naturkatastrophen: Post-apokalyptische Szenarien sind beliebt in Japans diversifizierter Comic-Kultur.

Dies sei eine Möglichkeit, die für ein ganzes Volk traumatischen Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki zu verarbeiten, sagen Experten. Andere suchen den Ursprung noch weiter zurück – in Japans strikter Herrschaftskultur, die nur durch folgenschwere Ereignisse durchbrochen werden kann. Und dann gibt es noch diejenigen, welche die Erdbeben dafür verantwortlich machen, welche in Japan zur Tagesordnung gehören. Momentan sieht es aber eher danach aus, als wären sie einfach nur düstere Prophezeiungen.

Entscheidender Unterschied

In «Akira» terrorisieren Motorradgangs die Stadt, Studenten demonstrieren gegen die repressive Regierung und das in Realität äusserst saubere Tokio gleicht in seiner Neo-Version einer Müllhalde. In «Nausicaä aus dem Tal der Winde» bekämpfen sich die Menschen 1000 Jahre nach einem verheerenden Atomkrieg erneut und in «First Fist of the North Star» zählt nur das Recht des Stärkeren.

In diesem Punkt haben sich die Erfinder der Mangas zum Glück geirrt. Solch dystopische Szenen, wie gezeichnet, sind in Japan bisher ausgeblieben. Auch Einkaufsläden mit kaputten Fenstern werden nicht geplündert. Inmitten von Chaos, Angst und Ungewissheit hält das Volk die soziale Ordnung aufrecht. Japans Gesellschaft sorgt besser für sich, als sie das in den gezeichneten Geschichten tut – vielleicht genau wegen der Comics.