Tsunami verwüstet Spital

22. März 2011 12:51; Akt: 22.03.2011 13:22 Print

«Das Schlimmste ist die Kälte»

von Jay Alabaster, AP - 200 Menschen lagen im Senen-Allgemeinkrankenhaus, als der Tsunami anrollte. Wer konnte, ist geflüchtet.

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Der Tsunami richtete im Senen-Allgemeinkrankenhaus einiges Unheil an. (Bild: Keystone)

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Wenn man hereinkommt, fühlt es sich gleich noch ein paar Grad kälter an. Seit anderthalb Wochen gibt es im Senen-Allgemeinkrankenhaus weder Gas noch Strom noch fliessend Wasser. Der gewaltige Tsunami nach dem Erdbeben hatte das gesamte Erdgeschoss des zwischen Meer und Fluss gelegenen Betonbaus überflutet. Das Personal - teilweise selbst obdachlos geworden - kämpft rund um die Uhr darum, die verbliebenen Patienten am Leben zu halten. «Das Schlimmste ist die Kälte», sagt die Krankenschwester Takako Suzuki.

Ein bis zwei Todesfälle gibt es am Tag, alles ältere und schwache Patienten, für die die Eiseskälte besonders gefährlich ist. Für diese Woche werden wieder Temperaturen unter dem Gefrierpunkt und Regen erwartet.

Im überfluteten Keller schwimmen die Fische. Heizkessel, Elektrik und andere Haustechnik stehen in den sieben Meter hohen Räumen unter Wasser. Zwei kleine Generatoren pumpen und pumpen und schaffen vielleicht einen Zentimeter die Stunde.

Improvisation ist alles

Weil die Medikamentenvorräte im Erdgeschoss überschwemmt wurden und auch die Küche hinüber ist, müssen die Mitarbeiter improvisieren. Sie füllen Plastik-Saftflaschen mit warmem Wasser und stecken sie den Kranken unter die Decke. Sorgfältig säubern sie verschlammte Arzneimittelpackungen und versuchen Windeln mit Zeitungspapier abzuputzen, damit sie länger halten. «Die Mitarbeiter sind fantastisch. Manche leben in Notunterkünften, andere fahren drei Stunden lang mit dem Fahrrad, um zum Dienst zu kommen», sagt die Ärztin Satsuki Ishigaki.

Ohne Standard-Behandlungsmethoden wie Sauerstoff und Antibiotika würden die Patienten immer schwächer, berichtet sie. «Diejenigen, die bis jetzt gestorben sind, waren ältere Menschen. Aber wir hätten ihr Leben verlängern können, wenn wir gehabt hätten, was wir brauchen», sagt Ishigaki.

Beben und Tsunami haben das Erdgeschoss und einen Flügel des fünfstöckigen Gebäudes verwüstet, so dass zeitweise acht Patienten in ein Zimmer gequetscht wurden, Männer und Frauen Seite an Seite. In einem der Krankenzimmer liegen ältere Patienten unter Bergen von Decken gegen die Kälte im Dämmerlicht, Krankenschwestern füttern ihnen eine kalte Mahlzeit.

«Wir nehmen, was wir kriegen können»

Schwester Suzuki kommt kilometerweit mit dem Rad zur Schicht und macht zwischendurch ein Nickerchen auf einer Matratze im Schwesternzimmer. Ihr Auto war vom Krankenhausparkplatz weggerissen und zertrümmert worden. Selbst wenn es heil geblieben wäre, hätte sie nicht die Zeit, sich stundenlang nach Benzin anzustellen.

Allmählich treffen Hilfe und Nachschub ein. Mit einem grossen Generator von der Regierung und Treibstoff von den Streitkräften können jetzt nachts zwei Stunden lang die Flure beleuchtet werden. Die Patienten werden mit Handtüchern gewaschen, die Nachbarn gespendet haben. Auf einem Gasherd, gestiftet von einem örtlichen Versorgungsunternehmen, wird eine warme Mahlzeit am Tag gekocht. Für die Mitarbeiter gibt es jetzt zwei Chemieklosetts statt bloss Zeitungspapier.

«Wir nehmen alles, was wir von irgendjemandem kriegen können», sagt Verwaltungschef Takahiro Suzuki. «Ich verstehe ja, dass der Staat überfordert ist, aber es dauert alles zu lange.»

Zur Zeit des Erdbebens hatte das Krankenhaus rund 200 Patienten. Wer in halbwegs stabilem Zustand für eine Notunterkunft war, ist gegangen. Die noch funktionierenden Krankenhäuser im Katastrophengebiet sind überfüllt, doch einige erklärten sich bereit, die schwereren Fälle aufzunehmen. Anfang der Woche sind noch 52 Patienten übrig. Manche haben keine Familien mehr und sind zu krank, um für sich selbst zu sorgen. Andere haben noch Angehörige, aber die haben kein Dach mehr über dem Kopf.