Erdbebensicherheit

12. März 2011 07:20; Akt: 12.03.2011 07:20 Print

Japan lebt auf schwankendem Grund

von Peter Blunschi - Ein Frühwarnsystem, Hochhäuser mit Stossdämpfern und Notfall-Schulungen – Japan ist so gut auf Erdbeben vorbereitet wie kein anderes Land.

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Das Erdbeben in Kobe am 17. Januar 1995 forderte rund 6500 Todesopfer. Danach wurden die Vorschriften nochmals verschärft. (Bild: Keystone)

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Mit einer Stärke von 8,9 ist das Erdbeben vom Freitag das schwerste in Japan seit Beginn der Messungen. Der folgende Tsunami richtete schwere Verwüstungen an. Die vorläufige Schadensbilanz wirkt dennoch bescheiden verglichen etwa mit dem Beben mit Stärke 7,0 vor einem Jahr in Haiti, das mehr als 200 000 Menschenleben forderte. Damals lag das Epizentrum unweit der Hauptstadt Port-au-Prince, in Japan befand es sich vor der Küste im Nordosten der Hauptinsel Honshu.

Trotzdem ist es kein Zufall, dass die Japaner vergleichsweise glimpflich davongekommen sind. Anders als die Haitianer sind sie das Leben auf schwankendem Grund gewohnt. Rund 100 000 Erdbeben werden jährlich in Japan gemessen. Die meisten sind zu schwach, um von Menschen bemerkt zu werden. Immer wieder aber schlägt die Natur heftig zu, so wie beim grossen Beben von 1923, das rund 140 000 Todesopfer forderte und die Hauptstadt Tokio weitgehend zerstörte. Oder 1995 in Kobe mit rund 6500 Toten.

Jene Katastrophe hat die Japaner aufgeschreckt, danach wurden die Vorschriften nochmals verschärft. Deshalb ist Japan «wohl das Land, das am besten vorbereitet ist», wie der Seismologe Heiko Woitz vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam im Interview mit «sueddeutsche.de» erklärte. Erdbebensicheres Bauen ist Pflicht: Neue Hochhäuser werden auf einer Art Stossdämpfer errichtet, die Erdbebenwellen absorbieren sollen. Gebäude und Brücken werden nicht starr, sondern möglichst «elastisch» gebaut.

Alarm via SMS

Seit vier Jahren existiert zudem ein flächendeckendes Alarmsystem, das auf einem ausgeklügelten Messverfahren basiert. Es registriert schwere Erdbeben schon, bevor sie für Menschen spürbar sind, und verschickt automatisch ein SMS an alle Handybesitzer. Das Ganze ist eine Sache von Sekunden. Wie man sich verhalten muss, lernen die Japaner in der Schule und in speziellen Informationszentren. Dort üben sie unter anderem, wie man vor giftigem Rauch flüchtet (den Kopf so tief wie möglich halten, weil der Rauch nach oben steigt).

In einem speziellen Zimmer erfährt man zudem, wie sich ein Erdbeben der Stärke 7 anfühlt. Ein eindrückliches Erlebnis, wie der Schreibende aus eigener Erfahrung bezeugen kann. Die Anweisung in diesem Fall lautet: Sofort unter einen Tisch kriechen, dort ist das Risiko am geringsten, von herunterfallenden und herumfliegenden Objekten getroffen zu werden. Denn auch diese Grundregel wird einem bei der Schulung eingebläut: Nicht das Beben an sich tötet, sondern kollabierende Häuser und herabstürzende Gegenstände.

Züge und Atomkraftwerke gestoppt

Auch heikle Einrichtungen werden speziell geschützt. Die Shinkansen-Züge, die mit bis zu 300 km/h durch das Land brausen, werden bei einem starken Beben automatisch gestoppt. Gleiches gilt für Atomkraftwerke (AKW), die im rohstoffarmen Land eine wichtige Rolle bei der Energieversorgung spielen. Seit Kobe müssen Reaktoren Erdstössen von mindestens 7,75 standhalten können. Das Beben vom Freitag allerdings war um einiges stärker, prompt kam es in AKWs zu Problemen. Die Regierung musste den atomaren Notstand erklären.

Das Beispiel zeigt, dass die beste Vorbereitung wenig nützt, wenn die Natur mit voller Härte zuschlägt. Weshalb sich Japan vor dem Tag fürchtet, an dem ein schweres Erdbeben die Region Tokio-Yokohama treffen wird, mit rund 30 Millionen Einwohnern der grösste städtische Ballungsraum der Welt. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass dies in nicht allzu ferner Zukunft geschehen wird. Dann wird mit einer enormen Opferzahl gerechnet, denn vor allem ältere Gebäude sind kaum erdbebensicher. Die japanische Regierung hat zudem errechnet, dass ein solches Beben Schäden von rund einer Billion Franken anrichten könnte.