Erdbeben Japan

14. März 2011 19:16; Akt: 14.03.2011 19:17 Print

«Wir haben fast nichts zu essen»

Wellen, die bis in den vierten Stock reichten, donnerten über Minamisanriku hinweg. 10 000 Menschen werden vermisst. Nahrung wird knapp. Die Lage spitzt sich zu.

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Eine Gruppe Freiwillige startete eine Rettungsaktion und machte sich auf den Weg in die Geisterstadt Minami Soma. Sie hatten in einer Zeitung das Foto der Shelties entdeckt, die durch die Strassen der verlassenen Stadt in der Nähe des havarierten Atomkraftwerks Fukushima streunten. Die Hunde gehörten einer Züchterin, die seit der Katastrophe in einer Notunterkunft lebte. Die Tierliebhaber entdeckten schliesslich die Hunde an einer Bahnstation in der Nähe des Hauses der Züchterin. Die Retter lockten die Tiere an und verfrachten sie in Autos. Insgesamt 20 Hunde konnten so gerettet werden. Die Retter selbst waren dafür zu hohen Radiationswerten. Während manche Strahlenschutzanzüge trugen, hatten andere nur einfache Regenmäntel dabei. Drei Wochen nach der todbringenden Flutwelle hat die japanische Küstenwache einen Hund von einem im Meer treibenden Hausdach gerettet. Vermutlich hatte das Tier dort seit dem 11. März ausgeharrt und überlebt. Der Hund war von einem Helikopter aus mehrere Kilometer vor der Küste der Präfektur Miyagi im Nordosten Japans entdeckt und in einem Rettungsboot an Land gebracht worden. Ein paar Tage später gibts ein Happy End: Die Besitzerin meldet sich wieder. Noch leben rund 400 000 Menschen in Notunterkünften. Jetzt werden Container für sie aufgestellt. Neun Tage nach dem verheerenden Erdbeben und dem Tsunami in Japan haben die Rettungskräfte eine 80-jährige Frau... ... und ihren 16-jährigen Enkel lebend aus den Trümmern ihres Hauses in der Stadt Ishinomaki geborgen. Die beiden waren sehr geschwächt, der Junge litt zudem an Unterkühlung. Die japanische Austauschstudentin Akiko Kosaka dachte nach dem Tsunami ihre Familie verloren zu haben. Drei Tage später erhielt sie den Link zu einem YouTube-Video, auf dem ihr Haus als einziges unter einem Berg von Schutt zu sehen war. Aus einem der Fenster winkte eine Frau und hielt ein Schild in der Hand mit der Aufschrift: «Uns geht es allen gut.» Die Frau am Fenster war Akikos Schwester Shoko. Eine Mutter aus Oshima Island, in Kesennumaist, ist nach fünf Tagen wieder mit ihren Zwillingen vereint. Rikuzentakata, im Nordosten Japans: Yoshie Murakami weint, als sie die Leiche ihrer Mutter unter den Trümmern ihres Hauses sieht. Die Rettungs- und Bergungsarbeiten gingen weiter - trotz den schwierigen Wetterbedingungen. Die Chancen, in der Stadt Ishimaki noch Überlebende zu finden, waren vier Tage nach dem Erdbeben und dem folgenden Tsunami vom Freitag erheblich gesunken. Doch wie durch ein Wunder haben Rettungskräfte eine 70-jährige Frau lebend aus den Trümmern ihres Hauses geborgen. Sie litt unter Unterkühlung und wurde in ein Spital gebracht, befand sich aber nicht in Lebensgefahr. Ganz in der Nähe wurde zudem ein Mann aus den Trümmern gerettet. Am wurde in der Präfektur Miyagi ein vier Monate altes Baby aus den Trümmern geborgen. Der Retter schlug daraufhin vor, das Kind Kibo – Hoffnung - zu nennen. Das Baby konnte nach der Bergung mit seinem Vater vereint werden, von der Mutter fehlt jedoch noch jede Spur. Ein Mitarbeiter des japanischen Rettungsteams sucht in den Trümmern der Stadt Saito im Nordosten Japans nach Überlebenden. Auf Hilfe warten sie auch in Rikuzentakata in der Präfektur Iwate. Neben dem Notruf SOS ist auf Japanisch das Wort «Essen» geschrieben. In einem Gymnasium in Kawamata sind Menschen untergebracht, die wegen der Atom-Unfälle evakuiert wurden. Tod... ...Verwüstung... ...und ein Überlebender in der zerstörten Stadt Saito. Der Kindergarten in Natori (Präfektur Miyagi) wurde völlig verwüstet. Rettungsteams suchen in den zerstörten Küstenregionen nach Überlebenden und bergen Leichen. Hier in Saito... ...Rikuzentakata... ...Otsuchi (Iwate)... ...Miyako... ...oder Natori, (Miyagi). Ein Überlebender prüft die Listen mit Namen von Überlebenden, die in einer Notunterkunft angeschlagen wurden. In Sendai koordiniert die Armee die Suchtrupps. Bewohner in Hitachi in der Prefäktur Ibaraki stehen Schlange für einen Kanister Benzin. US-Marine-Soldaten in Okinawa stellen eine Kiste mit Esswaren, Wasser, medizinischer Versorgung und Kommunikationsmaterial für den Abflug ins Krisengebiet bereit. Otsuchi (Iwate). Bewohner tragen ihr Hab und Gut aus der Stadt Natori (Miyagi). Retter in einem zerstörten Spital in Minamisanriku. Soldaten und Feuerwehrleute in Matsushima (Miyagi). Eine Frau sucht in Soma (Fukushima) nach ihrer vermissten Familie. Ein vier Monate altes Baby nach der Rettung in Ishimaki (Miyagi). Über die notfallmässig bereit gestellten Telefone versuchen Angehörige in Natori mit ihren Verwandten in Kontakt zu treten... ...und laden die Akkus ihrer Telefongeräte.

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Kaum ein Gebäude steht noch in Minamisanriku in der Präfektur Miyagi. Überall türmen sich Schlammhaufen voller geborstener Hausteile. Häuser stehen kaum mehr. Sogar das dreistöckige Stadthaus, das Feuerwehr-, das Polizei- und das Katastrophenschutz-Gebäude sind wie vom Erdboden verschluckt. «Ein Grossteil der Stadt wurde zerstört», sagt Takehisa Iwabuchi, ein 37-jähriger Stadthaus-Angestellter gegenüber der japanischen Zeitung «Asahi Shimbun».

Nach den ersten Erdstössen wurden Patienten hochgetragen

Mit welcher Höhe und Wucht die Flut über das Städtchen hereinbrach lassen die Berichte aus dem Spital Shizugawa erahnen. Im Krankenhaus überlebten nur gerade 30 der 110 Patienten die grosse Flut. Dabei wurde gemäss einer Angestellten sofort nach den ersten Erdstössen gehandelt. Die Mitarbeiter trugen die Patienten auf dem Rücken hinauf in den dritten Stock.

Etwa eine halbe Stunde später traf eine riesige Welle das Gebäude. Das Wasser drang in den dritten und vierten Stock und riss die meisten Patienten mit. Die Menschen hätten versucht, in den fünften Stock und aufs Dach zu fliehen – meist vergeblich. Von neun Kranken weiss man sicher, dass sie tot sind. 70 Patienten wurden vom Wasser weggespült.

Das Dach des Katastrophenschutzgebäudes bot keine Sicherheit

Vom Dach des Spitals konnte ein 35-jähriger Krankenpfleger beobachten, wie zahlreiche Stadthausangestellte aufs Dach des dreistöckigen Katastrophenschutzgebäudes flohen. «Aber die Wellen schlugen über das Haus hinweg.»

Ähnliches erzählt eine 75-jährige Frau, die in einem Gebäude neben dem Stadthaus an einem Anlass war. Sie sei im 3. Stock gewesen, als jemand schrie: «Hier kommt ein Tsunami.» Dann hätten dunkle Wellen voller Bäume und Hausteile die Fenster bersten lassen. Sie habe sich zusammen mit anderen in den fünften Stock retten können und dort die Nacht verbracht. «Ich glaube die meisten haben es in die höheren Stockwerke geschafft», meint die 75-jährige.

Spitäler können Patienten nicht mehr versorgen

In den Rettungszentren in Minamisanriku haben 9000 Personen Zuflucht gefunden und schlafen seither in der Primarschule und einem Sportzentrum. «Viele Notunterkünfte sind isoliert und haben keinen Zugang zu Informationen», sagt der Stadtangestellte Takehisa Iwabuchi. «Die Nahrungsmittelsituation ist sehr Ernst, wir haben fast nichts mehr zu essen», fügt er an.

Im Allgemeinkrankenhaus Senen in Takajo, einer Kleinstadt in der Präfektur Sendai geht praktisch nichts mehr. «Wir können nur noch das Allernotwendigste tun», sagt Verwaltungschef Ryoichi Hashiguchi. Vier Patienten sind bisher gestorben, alle über 90 Jahre alt und schon vor der Katastrophe schwerstkrank. Weitere 80 waren transportfähig und konnten in ein nahes Auffanglager verlegt werden.

Kein Wasser für die Toiletten

Es gibt weder Strom noch fliessend Wasser. In den ersten beiden Tagen teilten sich Belegschaft und Patienten ein paar tiefgefrorene Nudeln und Gemüse, die aus einem umgestürzten Gefrierschrank gerettet werden konnten.

Die Schwestern schneiden verdreckte Infusionspackungen auf und rubbeln schlammige Pillenpackungen mit Alkohol sauber. Der Gestank aus den Toiletten, die hunderte Menschen tagelang ohne Wasserspülung benutzt haben, ist unerträglich.

Zwei Reiskugeln pro Tag

Den Supermärkten im Ort gehe allmählich die Ware aus, berichtet der 61-jährige Osamu Hayasaka. Am Sonntag stand er zweieinhalb Stunden lang an und durfte nur wenige Sachen kaufen, eine Grapefruit etwa und eine Orange. In einem Seniorenheim am Stadtrand wurden am Sonntag zwei Reiskugeln zugeteilt, wie ein Mitarbeiter berichtet, eine morgens und eine abends.

In einem Gemeindezentrum, in dem sich hunderte Menschen drängen, gibt es auch nicht viel mehr zu essen. «Heute hatte ich ein bisschen Kuchen und eine Orange», erzählt der 15-jährige Yuto Hariyu, dessen Mittelschule am Tag vor seiner Abschlussfeier zertrümmert wurde. «Ich habe Hunger - aber am meisten vermisse ich Möbel, so wie ein Bett, und einen Fernseher», sagt sein Klassenkamerad Shio Fujimura.

(ann/ap)