«Fukushima 50»

18. März 2011 12:41; Akt: 18.03.2011 19:07 Print

«Vater opfert sich, um euch zu schützen»

Im Kampf gegen den Super-GAU im japanischen AKW Fukushima stehen die «50 Tapferen» seit Tagen im Mittelpunkt. Jetzt melden sich erstmals ihre Angehörigen zu Wort.

Die Männer des «Fukushima 50»-Teams arbeiten am Reaktor.
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Seit über einer Woche kämpft ein Team des AKW-Betreibers Tepco gegen eine Atomkatastrophe. Sie sind täglich Strahlenwerten ausgesetzt, die dem Tausendfachen dessen entsprechen, was ein Mensch über ein ganzes Jahr hinweg an zusätzlicher Strahlung aufnehmen sollte. Und sie wissen, dass sie damit «ein Todesurteil» unterzeichnet haben.

Wie der Fernsehsender NKH am Donnerstag berichtete, haben die «Fukushima 50», wie sie in den Medien oft genannt werden, ihren Familien rührende Botschaften zukommen lassen, in denen sie ihnen mitteilen, dass ihnen bewusst ist, welcher Gefahr sie ausgesetzt sind. Sie akzeptierten ihr Schicksal, schreiben sie. Sie wüssten, dass sie sich «auf einer Selbstmord-Mission» befänden.

Resignation und Tapferkeit

«Mein Mann hat mir geschrieben: 'Bitte lebe wohl. Ich werde eine Weile weg sein'», erzählt die Ehefrau eines Tepco-Angestellten, der seit dem Erdbeben nicht mehr nach Hause ging. Die Strahlenbelastung sei so hoch, dass diese Männer wohl früher sterben werden, meint der Präsident der deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz, Sebastian Pflugbeil.

Die 50 Todgeweihten, deren Identität vom Unternehmen streng geheim gehalten wird, sind die ältesten von einem 700-Mann-Team. Man habe die Männer ausdrücklich nach ihrem Alter und ihrer Lebensgeschichte ausgewählt, berichtet NHK weiter. Dabei seien Familienväter vor jüngeren kinderlosen Männern ins Team geholt worden, da die Strahlenbelastung Unfruchtbarkeit verursachen kann.

«Bitte, Papa, komm lebend heim»

Experten vermuten allerdings, dass dem Team «Fukushima 50» 200 Männer angehören. Trotz der Gefahr ist es Tepco offenbar gelungen, zusätzliche Freiwillige zu rekrutieren. Nach einem Aufruf des Unternehmens haben sich sowohl Firmenmitarbeiter als auch Mitarbeiter anderer Unternehmen gemeldet. «Mein Vater hat sich freiwillig gemeldet, obwohl er schon pensioniert ist. Ich bin so stolz auf ihn. Ich hoffe, er kehrt gesund zurück», erzählte die Tochter eines 59-Jährigen im Interview.

Die Männer arbeiten derzeit in Schichten und wohnen auf dem Gelände. Im Kurznachrichtenportal Twitter meldete die Tochter eines weiteren Arbeiters: «Ich habe meine Mutter noch nie so stark weinen sehen. Menschen im Kraftwerk opfern sich, um euch zu schützen. Bitte, Papa, komm lebend heim.»

Die Lage hat sich in den letzten Tagen verschlechtert

Michiko Otsuki, eine Arbeiterin des AKW Fukushima II, erinnert sich an die Katastrophennacht: «Um drei Uhr morgens kam plötzlich der Alarm. Wir konnten nichts sehen, versuchten aber alles zu tun, um die Kühlsysteme der Reaktoren wieder zum Laufen zu bringen. Die Geräte stehen direkt am Meeresufer und sie waren vom Tsunami schwer beschädigt. Alle taten ihr Möglichstes, um sie zu reparieren. Wir waren müde und hatten Hunger. Draussen war es stockdunkel und bitterkalt.» Einige der Arbeiter seien seit jener Nacht immer noch nicht in Kontakt mit ihren Verwandten getreten.

Dr. Michio Kaku glaubt, dass sich seitdem die Situation verschlimmert hat. «Wir sprechen hier von Männern, die am Reaktor selbst arbeiten», erklärt der Physiker gegenüber dem Nachrichtensender ABC. «Es ist eine Art Selbstmord-Kommando. Sie haben sich ihren Aufgaben hingegeben, obwohl sie wissen, dass sie damit ihr Leben aufs Spiel setzen. Aber vielleicht müssen sie bald das sinkende Schiff verlassen.»

(kle)