Lange Nacht

11. März 2011 14:45; Akt: 11.03.2011 18:17 Print

«In mein Büro gehe ich nicht zurück»

In Japans Hauptstadt sind Tausende Personen gestrandet. Sie suchen nach einer Schlafstelle, kaufen die Lebensmittelgeschäfte leer - und versuchen, den ersten Schock zu überwinden.

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Es ist die erste Nacht nach einem der stärksten Erdbeben in der Geschichte. Ein Beben, das Ayaka Yamazaki, 27-jährige Büroangestellte, so schnell nicht aus dem Kopf gehen wird. «So ein starkes Erdbeben habe ich noch nie erlebt.» Zusammen mit ihrer Kollegin wollte sie urprünglich am Abend trinken und feiern gehen, sagt sie gegenüber der «Japan Times». «Das haben wir gestrichen, jetzt wissen wir nicht einmal, ob wir nach Hause kommen.» Um zu Fuss zu ihrer Wohnung zu gehen, bräuchte sie mehrere Stunden. «Und an den Taxi-Ständen sind die Schlangen ewig lang», seufzt sie.

So wie Yamazaki geht es Tausenden Angestellten in Tokio. «Die Bahnen fahren nicht, ich werde die zehn Kilometer laufen müssen», sagt Miyuki Kanegawa. In den Bahnhöfen warten derzeit Tausende Passagiere auf eine Reisemöglichkeit. Vielen von ihnen steht eine lange Heimreise bevor: «Ich habe mehr als 40 Kilometer zu gehen», sagt ein 59 Jahre alter Angestellter aus Yokohama.

Stromausfall in Sendai

Während in Tokio die Elektrizität noch grösstenteils funktionierte, strandeten in der schwer getroffenen Küstenstadt Sendai Tausende unter provisorischen Leuchten, nachdem der Strom ausfiel.

In der Hauptstadt sind Taxis kaum mehr zu kriegen. Auf den Strassen herrscht Chaos, Büroleute sitzen in der Innenstadt fest und können nicht nach Hause.

Leere Regale

Vor den Lebensmittelgeschäften, Warenhäusern und Imbissläden bildeten sich bereits am frühen Abend riesige Schlangen. Die Leute statteten sich für einen langen Marsch nach Hause oder eine Nacht im Büro aus. In einigen Geschäften waren die Waren innert Kürze weg, Konsumenten fanden nur noch leere Regale vor. Lange anstehen musste man auch vor öffentlichen Telefonkabinen. Jeder wollte seine Angehörigen informieren, doch das Handynetz war zusammengebrochen.

Eine Angestellte, die in einer Schlange eines Imbissstandes wartete, hatte bereits Taschen voller Getränke und Snacks in den Händen. «Meine Kolleginnen und ich übernachten im Büro und rüsten uns dafür aus», sagte sie.

Schock nach dem Beben

Der britische Büroangestellte Mark Heath, 40, hingegen wartete noch am Bahnhof. «Ich hoffe, dass die Bahn ihren Betrieb wieder aufnimmt. Ich weiss nicht, wie ich sonst nach Hause kommen soll.» Der Schock vom Erdbeben sitzt ihm noch tief in den Knochen. «Die Unterlagen flogen herum und Ordner kippten aus den Schränken, als es anfing zu beben. Ich arbeite im 10. Stock. Meine Kollegen und ich flüchteten über die Nottreppe in einen nahen Park.»

Ein anderer gestrandeter Mann, der das Erdbeben in seinem Büro im 26. Stock eines Hochhauses miterlebte, sagt am Abend immer noch sichtlich schockiert: «Auch wenn ich nicht nach Hause kann, in mein Büro gehe ich heute bestimmt nicht zurück.»

(ann/meg)