Japan nach dem Beben

23. März 2011 11:50; Akt: 23.03.2011 12:50 Print

Die Toten werden nur provisorisch begraben

9400 Menschen sind in Japan tot gefunden worden. Die riesige Zahl überfordert Behörden und Priester. Statt die Menschen zu kremieren, werden sie provisorisch begraben.

Die Unglücksgebiete haben nach dem Erdbeben und dem Tsunami ein riesiges Problem mit den vielen Toten. Deshalb finden vielerorts provisorische Beerdigungen ohne Einäscherung statt. (Quelle: AP Video)
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Wegen der grossen Zahl der Todesopfer nach Erdbeben und Tsunami müssen in Japan, etwa in der Stadt Higashi Matsushima (siehe Video) die Menschen in Massengräbern beigesetzt werden. Es fehlt an Leichensäcken und an Särgen. Zudem sind die Kapazitäten der Krematorien beschränkt.

Um Seuchen zu verhindern, werden deshalb überall im Land Massengräber ausgehoben und Todeszeremonien durchgeführt. Weil allerdings die Japaner traditionellerweise kremiert werden, sollen die Leute später wieder ausgegraben und dem Feuer übergeben werden, heisst es seitens der zuständigen Behörden.

Tote in der Bowlingbahn

Auch sonst greifen die Menschen in Japan zu ungewöhnlichen Hilfsmitteln und Leichenhallen. Wer in der Stadt Natori seine Toten sucht, geht auf die Bowlingbahn. Die gesprungenen Stufen hinauf, durch die Glastür, vorbei an der Neonreklame «Trink Coca-Cola» und dem Wandgemälde mit der in die Kegel krachenden Kugel. Dann studieren die Menschen die Namenslisten und die Beschreibungen der unbekannten Toten. Drinnen, in der provisorischen Leichenhalle auf der Bahn, gehen sie langsam durch die ordentlichen Reihen der Särge und werfen einen Blick hinein. Nur selten finden sie, wen sie suchen.

Eine Bowlingbahn ist nicht der rechte Ort für Trauer. Doch viele Überlebende an der verwüsteten Nordostküste Japans bedrückt ein anderer, vielleicht ebenso schmerzlicher Kummer: Sie finden überhaupt niemanden, um ihn beizusetzen.

«Es müssten mehr Tote sein», sagt Marius Du Toit, der Leiter eines südafrikanischen Such- und Bergungstrupps. Sein Team wühlte sich durch die Überreste hunderter Häuser in der zerstörten Hafenstadt Natori und suchte unter den Trümmern nach Leichen.

Keiner weiss, wo sie geblieben sind

Elf Tage, nachdem der Tsunami nach dem gewaltigen Erdbeben am 11. März ganze Ortschaften ausgelöscht hat, sind über 9400 Todesopfer gefunden worden - doch rund 14 000 Menschen sind noch als vermisst gemeldet. Nach Schätzung der Polizei sind allein in der Provinz Miyagi, in der Natori liegt, mehr als 15 000 Menschen umgekommen.

Einige der Vermissten werden irgendwo auftauchen. Sie waren vielleicht im Krankenhaus, bei Verwandten oder verreist. Es werden auch mehr Leichen geborgen werden, wenn die Helfer die Berge von Trümmern und Schlamm beiseitezuräumen beginnen. Doch mehr und mehr gehen Helfer und Behörden davon aus, dass viele Opfer nie gefunden werden.

Vor ein paar Tagen noch fanden die Rettungstrupps in dieser Gegend bis zu 50 Tote am Tag; die Leichensäcke wurden knapp. Jetzt sind es nur noch ein paar Leichen täglich. «Wir wissen nicht, wo sie sind», sagt Du Toit.

«Die Hoffnung noch nicht aufgeben»

Bürgermeister Isoo Sasaki ist aus Yoriage, dem Viertel von Natori, wo Du Toit mit seinen Leuten gesucht hat. Es lag in der Altstadt und war jahrhundertealt, aus einer Zeit, lange bevor das Fischerdorf zu einer modernen Stadt mit 73 000 Einwohnern heranwuchs. Seit der Katastrophe übernachtet Sasaki in seinem Amtszimmer auf dem Fussboden. «Es ist so schrecklich, den Leichnam eines lieben Menschen zu finden», sagt er. «Aber vielleicht haben diese Familien auch Glück. Viele Menschen werden gar keinen Toten finden.»

Der Erfahrung nach dürften Tausende verschollen bleiben. Von den 164 000 Menschen, die in Indonesien bei dem Tsunami 2004 umkamen, blieben 37 000 einfach verschwunden; ihre Leichen wurden vermutlich vom Meer mitgerissen. Der Katastrophenschutzbeamte Iskandar aus der Provionz Aceh hat über ein Jahr damit zugebracht, mühselig eine genaue Aufstellung der Toten und Vermissten in seinem Land auszuarbeiten. Er ist sicher, dass viele Opfer in Japan immer noch gefunden werden können: «Man soll die Hoffnung noch nicht aufgeben!»

Ungewissheit bleibt

So halten es viele Überlebende, die noch nicht wahrhaben wollen, dass sie Angehörige und Freunde wohl nicht wiedersehen werden. Die 23-jährige Eriko Sato suchte das ganze Wochenende über im Ort Kesennuma nach einer Freundin und klammerte sich an ihrer Hoffnung fest. «Sie lebt, sie lebt, sie lebt!», wiederholte Sato immer wieder. «Wenn ich aufhöre, das zu sagen oder zu denken, dann tritt vielleicht das Schlimmste ein.»

Irgendwann gehen die Überlebenden von Natori alle den Weg zur Bowlingbahn. Erst lesen sie die Beschreibungen der unbekannten Toten durch: «Tätowierter Anker am linken Oberarm» steht da, oder «Schwarzer Kurzhaarschnitt, weinroter Pullover». Dann treten sie ein und wissen nicht, ob sie finden werden, was sie am meisten fürchten. Oder ob sie es nie erfahren.

(uwb/ap)