Schweizer in Tokio

13. März 2011 17:09; Akt: 13.03.2011 19:59 Print

«Zwei Tage Chaos»

von Marius Egger - Die ganze Welt schaut nach Japan, Bettina Gasser und Etienne Staehelin erleben die Ereignisse aus nächster Nähe. Die Schweizer Austauschstudenten berichten über die Situation in Tokio.

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Etienne Staehelin, 23, Austauschstudent, wohnt in einem Studentenheim im Vorort Kawasaki, südlich von Tokio. Nach dem Schock vom Vortag hat sich seine Situation etwas entspannt.

«Es gibt immer noch Nachbeben, es ist aber viel ruhiger geworden. Sandwiches sind derzeit eher schwieriger zu finden, die sind grösstenteils ausverkauft. Einige Läden haben bereits kürzere Öffnungszeiten, um Strom zu sparen. Der ÖV ist noch nicht ganz pünktlich und fährt nicht nach Fahrplan, aber er funktioniert bei uns wieder. Ab Morgen wird zudem turnusgemäss der Strom abgeschaltet. Wann, wo und für wie lange weiss ich noch nicht genau. Offenbar soll jeweils für drei Stunden die Stromzufuhr unterbrochen werden. Das macht mir aber nicht so Sorgen, darauf kann man sich vorbereiten.

Die Lage hat sich auch emotional entspannt. Es ist zwar ein Nachbeben der Stärke 7 angekündigt, das mit 70-prozentiger Sicherheit in den nächsten drei Tagen kommen soll, die Angst ist aber nicht mehr so gross. Die Behörden informieren zwar eher konservativ. Es wäre schön, mehr zu wissen. Aber die westlichen Medien reagieren sehr viel kritischer. Ich habe von einigen gehört, dass sie deshalb auf Druck der Eltern nach Hause reisen oder Tokio verlassen mussten. Viele sind auch in den Süden oder Westen zu Bekannten gegangen. Im Studentenwohnheim hat es mittlerweile nicht mehr viele Leute, die Situation ist aber entspannt.

Laut TV-Angaben geht keine Gefahr vom AKW aus. Die Intensität der Strahlung sei gering und der Wind hat nicht Richtung Tokio gedreht. Mir scheint plausibel, was die Regierung sagt. Die ersten zwei Tage waren recht chaotisch, jetzt hat man das Gefühl, es ist vorbei.


Bettina Gasser, 22, studiert Medienwissenschaften und lebt im Westen von Tokio. Sie fürchtet sich vor der Radioaktivität und hat das Wichtigste jederzeit griffbereit.

«Momentan fahren Autos durch die Strassen, die per Lautsprecher durchgeben, dass der Strom abgestellt wird. Es sollen jeweils einzelne Bezirke für einige Stunden abgestellt werden. Der Fernseher läuft bei mir ständig. Immer wieder wird in Sondermeldungen vor Nachbeben gewarnt. Gewarnt wird derzeit vor einem Beben, das mit 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit mindestens die Stärke 6 erreichen wird. Das Wichtigste habe ich griffbereit in meiner Tasche: Pass, Wasser, Cracker, Geld und ein Radio. Man kommt nie zur Ruhe. Ich habe diese Nacht vier Stunden geschlafen. Die Ungewissheit ist das Schwierigste.

Im TV wurden auch Anweisungen gegeben, wie man sich wegen der Radioaktivität verhalten soll: Fenster nicht öffnen, die Haut zudecken, wenn man nach draussen geht, Schirm aufspannen bei Regen. Die Japaner hier in Tokio machen sich aber nicht so viele Gedanken. Ich habe heute einige gesehen, die in kurzen Hosen und T-Shirt auf der Strasse waren. Ich selber habe ziemlich Angst. Vor allem die Strahlung macht mir Sorgen.

Die AKW-Betreiber sind auch nicht sehr vertrauenerweckend. Der Sprecher im TV wirkte gestern Samstag sehr hilflos, es war ein ziemliches Desaster. Auf Fragen von Journalisten hatte er kaum Antworten. Die Politiker werfen mit Euphemismen um sich und wehren viele Fragen mit «das weiss ich auch noch nicht» ab. Sie sagen nicht, was Sache ist. Man weiss nicht recht, wie die Situation wirklich ist. Ich denke viel an die Tschernobyl-Katastrophe.

Wenn es regnet, werde ich jedenfalls nicht nach draussen gehen. Ich habe mich eingedeckt mit Wasser und Kimchi (eingelegter Chinakohl). Meine Eltern machen sich ebenfalls grosse Sorgen und wollen, dass ich nach Hause komme. Ich habe einige Leute mit Koffer unterwegs Richtung Flughafen gesehen, viele waren Ausländer. Ich überlege mir noch, ob ich zurück in die Schweiz fliege, ich habe aber gehört, dass es schwierig ist, Flugtickets zu bekommen.

Die Züge fahren wieder, aber ziemlich unregelmässig. Einschränkungen gibt es zudem beim Essen. Aus dem Norden kommen derzeit offenbar keine Lieferungen, Nudeln oder Gemüse könnten knapp werden. In vielen Läden gibt es auch nur noch kleine Wasserflaschen zu kaufen, grössere Flaschen sind ausverkauft, ebenso Sandwiches. Snacks, Schokolade und Guetzli gibt’s aber noch genügend.

Als das Erdbeben losging, war ich auf einer dieser künstlichen Inseln. Der Öffentliche Verkehr kam total zum Erliegen. Ich lief erst 20 Minuten zum Bahnhof Shinagawa, dort warteten bereits viele Leute auf eine Reisemöglichkeit. Doch nichts ging. Ich beschloss mit anderen, zum Bahnhof Shinjuku im Westen zu laufen. Erst kamen uns alle Menschen entgegen, weil sie zum Bahnhof Shinagawa wollten. Doch irgendwann liefen dann alle mit uns in die andere Richtung, es war eine richtige Völkerwanderung. Ich bin sechs Stunden gelaufen, bis ich endlich zu Hause war.»