Atomunfall in Japan

13. März 2011 15:50; Akt: 13.03.2011 17:06 Print

«Da können sie nicht mehr viel verschweigen»

von Marius Egger - Die Situation nach dem Atomunfall in Japan sei noch nicht stabil, sagt Nuklear-Experte Georg Schwarz. Es sei jedoch gewährleistet, dass keine grossen Mengen Radioaktivität austreten.

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Herr Schwarz, heute Morgen hat das eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) die Lage nach dem Reaktorunfall erneut beurteilt. Wie ist die Situation?
*Georg Schwarz:Die Situation ist noch nicht stabil. In Reaktor 1 in Fukushima Daiichi wird zur Kühlung immer noch Meerwasser eingepumpt. Derzeit hält das Containment (der Schutzmantel) noch. Es ist zwar Radioaktivität ausgetreten, aber keine grosse Menge. Im Reaktor 3 ist die Kühlung ebenfalls ausgefallen. Auch hier ist mit schweren Kernschäden zu rechnen. Die Situation ist somit ähnlich wie im Fall von Reaktor 1.

Ist die Gefahr für die Bevölkerung in den letzten Stunden gestiegen?
Die ausgetretene Radioaktivität ist laut unseren Angaben relativ gering. Die Gegend ist grossräumig evakuiert, Gefahr für die Bevölkerung besteht derzeit nicht. Auch deshalb, weil der Wind in Richtung Meer weht und austretende Radioaktivität dort hinaustreiben würde.

Was passiert mit der Radioaktivität auf dem Meer?
Sie würde sich sehr rasch im Wasser verteilen und dadurch auf ein ungefährliches Mass verdünnt.

Wie wird das ENSI informiert?
Wir haben die Infos von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), der OECD, der EU und der japanischen Atomaufsichtsbehörde (NISA). Das sind die gesicherten Informationen.

Wie vertrauenswürdig sind die Informationen der NISA, die über die Vorfälle in den Atomkraftwerken informiert?
Die NISA ist die japanische Aufsichtsbehörde und muss die Massnahmen veranlassen. Im vorliegenden Fall hat sie die Evakuierung sehr schnell veranlasst.

Japanische Behörden haben in der Vergangenheit schon zweimal einen Zwischenfall in einem Atomkraftwerk verschwiegen.
Das stimmt. Aber im Moment haben wir keinen Hinweis, dass etwas verschwiegen wird. Wenn sie im Umkreis von 20 Kilometern Tausende Personen evakuieren, können sie nicht mehr viel verschweigen. Zudem informieren die japanischen Behörden derzeit regelmässig.

Die Informationen über die Kernschmelze waren lange widersprüchlich.
Ob Brennstäbe geschmolzen oder schwer beschädigt sind, weiss man derzeit nicht mit Bestimmtheit. Das ist aber nicht der ganz zentrale Punkt. Wichtig ist, dass die Radioaktivität nicht in grossen Mengen austritt. Das scheint gewährleistet.

Arbeiten in den betroffenen Kernkraftwerken Schweizer Techniker?
Meines Wissens nicht.

Politiker fordern eine Neubeurteilung der Risiken in Schweizer Kernkraftwerken. Wird das jetzt vorgenommen?
Unabhängig vom aktuellen Erdbeben hat das ENSI bereits vor vier Jahren eine Neubeurteilung der Erdbebengefährdung veranlasst. Dabei hat sich gezeigt, dass die Erdbebengefährdung in der Vergangenheit unterschätzt wurde. Die schweizerischen KKW wurden aufgefordert, ihre Erdbebensicherheit aufgrund der aktuellen Daten neu zu überprüfen und allenfalls die nötigen Verbesserungsmassnahmen umzusetzen.


*Georg Schwarz ist Leiter des Bereichs Kernkraftwerke beim Eidgenössischen Nuklearinspektorat (Ensi), der Aufsichtsbehörde des Bundes für die nukleare Sicherheit der schweizerischen Kernanlagen.