Reportage

04. Juni 2011 14:36; Akt: 04.06.2011 16:25 Print

Im Auge der vergessenen Katastrophe

von F. Burch - Japan verarbeitet den Tsunami. Der Schweizer David Glättli war im Katastrophengebiet, wo es immer noch aussieht wie nach einem Krieg. Die Menschen erzählten ihm herzzerreissende Geschichten.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Familienfotos, Küchengeräte, tote Fische, Kleider, Teile von Autos, Poulets, die einmal tiefgefroren waren. Trümmer, überall Trümmer, die ineinander verschachtelt sind, Abfälle und Gestank. Als David Glättli vor wenigen Tagen in Ishinomaki ankam, bot sich ihm ein Bild der Zerstörung. Fast drei Monate sind seit dem verheerenden Tsunami vergangen, der am 11. März Japan überrollte und die Stadt mit der Grösse von Lausanne dem Erdboden gleichmachte. «Noch immer sieht es aus wie im Krieg», versucht Glättli zu beschreiben, was fast nicht beschrieben werden könne. Ganze Landstriche haben sich bei Ishinomaki um 1,5 Meter gesenkt, was zur Folge hat, dass das Meer bei Flut in die Stadt strömt. «Jetzt werden Dämme aufgeschüttet, viele Menschen werden aber nie mehr in ihre Häuser zurückkehren können und müssen umziehen.»

Der 33-jährige Schweizer stand im Gebiet für die Non-Profit-Organisation «On The Road» im Einsatz und krampfte zehn Stunden pro Tag im Katastrophengebiet. «Unsere Hauptaufgabe bestand darin, Möbel aus überschwemmten Häusern zu tragen, diese auf Lastwagen zu verfrachten und sie abzutransportieren», sagt Glättli. Sämtliche Habseligkeiten seien durch das Salzwasser angegriffen worden, die Häuser von Schimmel befallen und voller Schlamm gewesen, penetranter Gestank habe geherrscht. «Alles musste raus, bis auf Fotos und Bilder, die wir den Hausbewohnern, die bei den Räumungen immer dabei sind, übergaben.»

«Es war Nachmittag, aber stockdunkel»

Die Menschen, die zuschauen müssen, wie ihr durchnässtes Hab und Gut entsorgt wird, wohnen immer noch in Notunterkünften. So auch ein älteres Ehepaar, das die Monsterwelle überlebte. «Das Beben warf mich zu Boden», erzählte der Mann Glättli. Nur 15 Minuten später sei bereits Wasser in seine Wohnung geflossen. Er habe noch versucht die Haustüre zu schliessen, doch die Wassermengen seien zu stark gewesen. «Der Pegel stieg so rasch, dass ich mich mit Schwimmen knapp unter der Zimmerdecke über Wasser halten konnte.» Das eiskalte Wasser habe selbst die schwersten Möbel umhergewirbelt, er habe Angst gehabt, von diesen erdrückt zu werden, so der alte Mann.

Irgendwie schaffte er es auf einen Schrank zu steigen, in welchem er trockene Kleider fand, die er überstreifte. Dann wartete er stundenlang. «Obwohl die Welle um 15 Uhr kam, war es stockfinster», beschrieb der Mann die bangen Minuten. Er verharrte auf dem Schrank, bis der Morgen kam. Dann wollte er sein Haus verlassen. Weil sich aber Trümmer meterhoch rund um den Bau türmten, gelang ihm dies nicht. «Irgendwann rettete mich jemand, sofort machte ich mich auf die Suche nach meiner Frau.» Diese überstand die Katastrophe glücklicherweise unversehrt bei Bekannten. Das gemeinsame Haus wurde jedoch völlig zerstört, trotzdem jammerte das Ehepaar nicht. «Im Gegensatz zu vielen anderen starb uns niemand weg, wir müssen um keine geliebten Menschen trauern», sagte die Frau. Das mache das Ganze ein wenig einfacher.

Schicksale wie diese - traurige Geschichten - haben in den Notunterkünften fast alle zu erzählen. Allzu viel Zeit, solche anzuhören, hatte Glättli während seines einwöchigen Einsatzes nicht. Er schuftete von 7 Uhr morgens bis um 18 Uhr am Abend in den Häusern, Strassen, ehemaligen Wohnsiedlungen.

Mehr Trümmer und Abfälle als in den letzten 25 Jahren

Hinter der Küstenstadt Ishinomaki türmen sich in provisorischen Deponien die Trümmer. Die Menge, die sich seit dem 11. März angesammelt habe, übersteige jetzt schon die der letzten 25 Jahre, wurde Glättli beim Vorbeifahren gesagt. «Während meines Einsatzes wurde mir bewusst, wie viele Menschen durch den Tsunami ihr Leben verloren haben, dass Hunderttausende von der Katastrophe noch immer betroffen sind und es noch lange sein werden», sagt Glättli.

Der Wiederaufbau sei «nicht schlecht organisiert», Kritik werde aber immer lauter. Die Japaner bemängelten, dass kein langfristiger Plan existiere, keine Perspektiven geschaffen würden. Tausende sind obdach- und arbeitslos, Frustration mache sich breit. Und Glättli spürte noch etwas, das die Einheimischen beängstigt: der immer noch drohende Atom-Supergau und die Angst vor weiteren Beben, vor einem weiteren Tsunami.

David Glättli wohnt und arbeitet in Osaka. Lesen Sie morgen, was die Leute ausserhalb des Katastrophengebiets beschäftigt.