Erdbeben Japan

17. März 2011 18:15; Akt: 17.03.2011 18:15 Print

«Ich gehe jetzt in den Süden»

von Annette Hirschberg - Die Lebensmittel werden rationiert, für Benzin muss er Stunden anstehen und über die Strahlung wird nicht informiert. Trotzdem will der Schweizer Michael Dennler Japan nicht verlassen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Seit das Eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) die Schweizer im Norden Japans dringend auffordert, das Land zu verlassen, ringt der Berner Michael Dennler mit sich. Für seine japanische Frau Yoko kommt es nicht in Frage wegzugehen. Sie arbeitet auf dem Gemeindebüro der Stadt Tokai und ist seit dem Beben als Helferin tätig. Dennlers Schule hingegen, wo der 32-Jährige Englisch unterrichtet, ist geschlossen. Je länger er zu Hause sitzt und sich über die Lage informiert, desto grösser sind seine Bedenken.

Seine Frau und er wohnen im Moment bei seinen Schwiegereltern, wo es Strom und fliessend Wasser gibt. Doch der Ort liegt wie seine eigene Wohnung nur etwa 150 Kilometer südlich von Fukushima. Die Nachrichten über die Strahlenbelastung sind spärlich, wie hoch die Radioaktivität an seinem Ort ist, weiss Dennler nicht. Die Japaner haben offenbar keine Angst. «Sie flicken draussen ihre Häuser und ihre Kinder spielen nebenan. Sie glauben der Regierung und empfinden die Nachrichten der Medien als aufgebauscht.»

Rationierte Lebensmittel

Dennler selbst hat nach langen Gesprächen mit seinen Schwiegereltern und seiner Frau beschlossen, für eine Weile in den Süden zu gehen: «Ich besuche einen Freund in Yosaka.» Wie er dort hinkommt, ist noch unklar. Immer noch ist das Benzin rationiert und die Züge fahren nicht.

Gestern Mittwoch hat er versucht, sein Auto vollzutanken und war zusammen mit seinem Schwiegervater früh am Morgen losgefahren. Die meisten Läden waren geschlossen. Benzin gab es an einer Tankstelle bei einem Shopping-Center. Dort wartete aber schon eine grosse Menschenmenge. «Nach zwei Stunden stand ich endlich vor der Pumpe und konnte etwa 15 Liter einfüllen», erzählt Dennler.

Vier Stunden anstehen - für nichts

Dach versuchten sein Schwiegervater und er noch Lebensmittel zu kaufen. Beim Eingang eines Ladens wurden rationierte Pakete abgegeben. «Pro Person gab es einen Karton Eier, ein Brot und einen Liter Milch, mehr nicht. Und das in einem Land, wo man normalerweise an jeder Ecke etwas zu essen oder zu trinken kriegt - unvorstellbar.»

In der Gegend um Safu ist die Lage erträglich. Im 25 Kilometer entfernten Tokai, wo Dennlers Wohnung liegt, sieht es schon ernster aus. Dort gibt es noch immer kein Wasser und der Strom geht auch immer wieder weg. Entsprechend seien die Leute dort bereits ungeduldiger und drängelten auch. Ein Kollege von Dennler stand an, um Wasser zu kaufen. «Nach vier Stunden erfuhr er, dass es für heute kein Wasser mehr gibt.» Dort seien sogar die Japanern langsam frustriert.

Unzählige Nachbeben

Während die Sorge ums Land gross ist, schwingt auch die Angst ums eigene Leben stets mit. Immer wieder gebe es Nachbeben und Tsunami-Warnungen. Dennler und seine Frau sind bereit für die Evakuation. «Die Schuhe stehen neben dem Bett, warme Kleider und Jacken sind griffbereit. Immer wenn wir denken, es sei vorbei, bebt die Erde erneut», so Dennler

Auch die Informationen, die Dennler täglich im Fernsehen sieht oder im Internet liest, hinterlassen Spuren. Manchmal sei es fast nicht mehr möglich, die vielen schlechten Nachrichten zu verdauen. «Zwischendurch ist es derart überwältigend, dass man am liebsten abschalten und alles für eine Weile vergessen möchte», sagt Dennler. Auf der anderen Seite stumpfe man auch ab. «Die Nachrichten über Leute, welche ihr Leben verloren haben, werden zur täglichen Routine.»