Drohende Kernschmelze

13. März 2011 22:38; Akt: 14.03.2011 10:18 Print

Was tun gegen den Super-GAU?

von Jeff Donn, AP - Gleich bei drei Atomkraftwerken in Japan herrscht Alarmzustand. Eine Reihe von Massnahmen soll die Katastrophe nun verhindern.

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Die Verantwortlichen im Atomkraftwerk Fukushima waren sich des Risikos bewusst, trotzdem beschlossen sie, mit Wasserstoff versetzten Dampf aus dem stark überhitzten Reaktorbehälter abzulassen. Sie wussten, es könnte zu einer Knallgasexplosion kommen - und so kam es. Aber nur so konnte eine Kernschmelze abgewendet werden. Zumindest vorläufig.

Die Kettenreaktion nahm am Freitag ihren Lauf. Das Erdbeben der Stärke 9,0 und der darauf folgende Tsunami kappten die Stromversorgung und legten das Kühlsystem des Kraftwerks Fukushima 1 (Daiichi) etwa 270 Kilometer nordöstlich von Tokio lahm. In einem der Reaktorblöcke versagte die Notstromversorgung.

Von da an verschlechterte sich die Lage ständig, obwohl Regierung und Experten das Gegenteil behaupteten. Stunden nach der Explosion gaben sie an, dass die Radioaktivität eingedämmt und die Lage in dem 439-Megawatt-Reaktor 1 unter Kontrolle sei.

Brennstäbe mit Meerwasser gekühlt

Behelfsmässig wurde Meerwasser in den Reaktor gepumpt, um die überhitzten Brennstäbe zu kühlen. Robert Alvarez, Berater der US-Regierung in Energiefragen, sagte auf einer Pressekonferenz, das Hineinpumpen von Meerwasser sei eine verzweifelte Massnahme. Nur die Wiederherstellung der Stromversorgung könne langfristig Abhilfe schaffen.

Wegen der Ereignisse in Daiichi wurde am Freitag der Notstand ausgerufen. Die Gegend um das Kraftwerk wurde evakuiert. Nach der Explosion am Samstag und der Zerstörung der Reaktorhülle stellte sich heraus, dass die Verantwortlichen das Risiko bewusst eingegangen waren.

Lieber Knallgasexplosion als Kernschmelze

Shinji Kinjo, Sprecher der japanischen Atombehörde sagte, es sei bekannt gewesen, dass der Dampf Wasserstoff enthalten habe. Der Dampf wurde aus dem Sicherheitsbehälter abgelassen, um eine Explosion des Behälters abzuwenden.

Die Temperaturen im Reaktor stiegen, die mit dem Schwermetall Zirkonium versetzten Verschalungen der Stäbe erhitzten sich. Als sie bis 1200 Grad Celsius aufgeheizt waren, reagierte das Zirkonium mit dem zugeführten Wasser, es entstand Wasserstoff. Als dieses mit dem Dampf abgelassen wurde, reagierte es mit dem Sauerstoff der Umgebungsluft, es kam zur Knallgasexplosion.

Gefahren der Kernschmelze

Sollten die Temperaturen im Reaktor in Fukushima 2200 Grad Celsius erreichen, würden die Pellets in den Brennstäben schmelzen, eine Kernschmelze käme in Gang. Die geschmolzenen Brennelemente würden sich durch den Druckbehälter und den Sicherheitsbehälter fressen, Uran und anderes radioaktives Material würde in die Umwelt entweichen.

Der Reaktordruckbehälter aus 15 Zentimetern rostfreiem Stahl könnte zu einer glühenden Masse schmelzen, die beim Auftreffen auf Wasser zu einer Explosion führen könnte, die weitaus grösser wäre als die Knallgasexplosion vom Samstag. Radioaktives Material würde dadurch in der Umgebung verteilt.

Sollte es so weit kommen, müsste dann damit begonnen werden, die gesamte Anlage mit Zement und Sand zu bedecken, so wie nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl 1986, sagte Peter Bradford, früheres Mitglied der US-Atombehörde. Viele Helfer begäben sich in Lebensgefahr.