Nach der Katastrophe

18. März 2011 13:06; Akt: 18.03.2011 14:58 Print

«Müssen uns überlegen, wie wir überleben»

Sie kauern eng aneinander, um nicht zu erfrieren. In den Trümmern suchen sie nach Erinnerungen. Eine halbe Million obdachlose Japaner kämpft ums Überleben. Und über allen schwebt das Damoklesschwert Fukushima.

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Die Japaner müssen noch sechs Monate mit Stromausfällen rechnen. Keine Kleinigkeit in einer Millionen-Metropole, die für 40 Prozent der japanischen Wirtschaftskraft verantwortlich ist. Schon jetzt wird in Tokio täglich drei Stunden lang der Strom abgestellt. Pendlerzüge stehen still, Ampeln fallen aus. Vier Reaktoren sind ausgefallen und werden wohl auch nicht wieder ans Netz gehen. «Es kommen gewaltige Störungen und Ausgaben» auf Japan zu, erklärte der Vizepräsident von Argus Media, Jason Feer, der den Energiemarkt analysiert. Der Stromversorger Tokyo Electric Power Co. (Tepco) erklärte, wegen des Verlusts von Fukushima und anderer Erdbebenschäden sei die erzeugte Strommenge auf 33,5 Millionen Kilowatt pro Tag gesunken. Das ist 25 Prozent weniger, als nachfragt wird. Die Bürger in der 35-Millionen-Metropole waren zum Stromsparen aufgerufen worden, um den Verbrauchshöhepunkt am Abend zu überstehen. Zunächst werden die japanischen Versorger die Lücke, die die Atomkraft hinterlassen hat, mit Gas, Öl und Kohle füllen. Aber noch während die Stromversorger das Netz wieder aufbauen, wird die Nachfrage im Sommer erneut steigen. «Es wird schwierig für die Regierung, die Nachfrage der Haushalte nach Strom zu kontrollieren», sagte Analyst Masaaki Kanno von JP Morgan. «Aber die Regierung könnte die Unternehmen auffordern, Strom zu sparen.» «Die Auswirkungen der Stromausfälle werden also die Industrie härter treffen, besonders im Sommer.» Eine rasche Besserung der Lage ist nicht in Sicht, schliesslich ist Japan wie kaum ein anderes Land in der Welt abhängig von der Atomkraft.

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Viel ist ihr nicht geblieben. Doch nach dem Wenigen sucht Keiko Ohashi am Freitagmorgen, dort, wo einst ihr Haus stand. «Ich konnte nicht viele Sachen retten. Ich musste um mein Leben rennen», sagt sie dem Fernsehreporter. Jetzt hofft sie, dass sie noch etwas Geld findet, vielleicht ein paar Fotos. So wie Ohashi hoffen viele in den Trümmern der zerstörten Stadt Miyako. Vor sieben Tagen spülte die schwarze Monsterwelle alles weg, jetzt liegt Schnee auf den Resten, die einst eine Stadt bildeten. Takeo Yoshida sagt in die TV-Kamera: «Der Wiederaufbau wird lange dauern. Aber bevor wir daran denken können, müssen wir überlegen, wie wir überleben».

Die Lage nach der Naturkatastrophe wird angesichts des Wintereinbruchs immer dramatischer – vor allem für die obdachlosen Japaner. Am Freitagmorgen sanken die Temperaturen im Nordosten Japans unter Null. Eine halbe Million Menschen soll derzeit obdachlos sein. Sie kämpfen gegen den Hunger und die Kälte.

In Turnhallen ohne Heizung kauern Menschen eng aneinander, um sich gegenseitig Wärme zu spenden, wie der TV-Sender NHK am Freitagmorgen (Ortszeit) mit Aufnahmen aus dem stark verwüsteten Nordosten zeigte. Es seien zwar teilweise Öfen und Heizungen vorhanden, aber es mangle meist an Strom und Heizöl für den Betrieb. Auf den TV-Bildern waren zitternde Menschen zu sehen, die Holz oder ähnlichen Brennstoff in Tonnen verfeuerten und sich so wärmten.

Es fehlt an Trinkwasser und Essen

Mindestens 25 Menschen sollen in den Lagern bereits gestorben sein. Sie seien meist alt und total entkräftet gewesen - womöglich wären sie ohne den Kälteeinbruch noch am Leben. Wegen der Treibstoffknappheit gestattete die Präfektur-Regierung, dass Opfer ohne Verbrennung bestattet werden dürfen. Neben dem Problem mit der Kälte fehle es weiterhin an Trinkwasser und Essen.

Stromausfälle machen auch jenen Städten der Region zu schaffen, die vom Tsunami verschont blieben. NHK berichtet von zahlreichen Verkehrsunfällen, die sich in der Nacht ereignet hätten, weil die Lichtsignale ausfielen. Die Polizei rät vom Auto- und Velofahren in der Nacht ab.

Nur 45 Kilometer vom AKW Fukushima entfernt kämpfen sie noch mit einem anderen Problem: Der Angst vor dem unsichtbaren Strahlengift. Die Klinik Iwaki Kyoritsu ist das grösste Krankenhaus der Region. Von 108 Ärzten sind Klinikchef Nobuo Hiwatashi noch 60 geblieben. «Entweder können die Mitarbeiter nicht zur Arbeit erscheinen, weil sie kein Benzin haben, um herzufahren, oder sie kommen nicht, weil sie sich vor einer möglichen Verstrahlung fürchten», sagte Hiwatashi zu Spiegel Online. Nebst Ärzten fehlt es an Medikamenten, auch das Essen ist knapp. Und die Atom-Wolke hängt wie ein Damoklesschwert über der Region.

Erste Erfolge im Krisengebiet

Doch es sind auch Erfolge zu vermelden. An manchen Orten konnten zerstörte Strassen, Flughäfen und Häfen wieder so weit hergestellt werden, dass Rettungskräfte in die Katastrophengebiete vordringen sowie Flugzeuge und Helikopter starten und landen können. Rund 90 000 Helfer sind derzeit in der Krisenregion im Einsatz, darunter auch Polizisten und Soldaten.

Um die Versorgung mit Nahrungsmitteln sicherzustellen, öffneten am Freitag fast alle Geschäfte in einer Einkaufsstrasse in Sendai, in jenem Ort, wo die Monsterwelle über den Flughafen hinwegfegte. Auch die Läden in Tome boten den Kunden eine Woche nach dem Erdbeben das Nötigste, nachdem die Stromversorgung wieder aufgebaut war, wie die Nachrichtenagentur Kyodo am Freitag berichtet.

«Hier ist nichts mehr»

In Saito sind sie von solchen Zuständen weit entfernt. Dort und der ganzen Region gibt es keine Elektrizität, kein fliessendes Wasser, Generatoren sind nirgendwo zu hören, in der Nacht ist es stockdunkel, Geschäfte gibt es ohnehin keine mehr. «Hier ist nichts mehr», sagte der Dorfbewohner Toshio Abe einem Korrespondenten der Nachrichtenagentur AP. Das Dorf wurde vom Tsunami komplett weggespült.

Am vergangenen Montag kamen die Feuerwehrmänner. In ihren gelben oder orangen Overalls, mit Schutzbrillen und Atemmasken sahen sie aus wie Astronauten, sagte Abe. Mit Spitzhacken und Kettensägen bahnen sie sich ihren Weg durch die Zerstörung, graben Leichen aus dem Schlamm.

Die Strasse, die durch Saito führte, ist nur noch an wenigen Stellen intakt. Doch folgt man ihr, gelangt man in ein ruhiges Nachbardorf, das der Tsunami nicht erreichte. Hier stehen Einfamilienhäuser völlig unbeschädigt da, nicht einmal die Fenster sind geborsten. So, als wäre gar nichts passiert.

(meg/sda/ap)