Beben in Japan

12. März 2011 11:38; Akt: 12.03.2011 13:23 Print

«Mir droht kein Strahlentod»

von Annette Hirschberg - Etienne Staehelin, Zürcher Austauschstudent in Tokio, erzählt 20 Minuten Online, wie er sich auf die atomare Bedrohung einstellt.

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Etienne Staehelin ist in Tokio in einem Studentenheim und versucht sich so gut wie möglich vor atomaren Strahlen zu schützen.

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In Japan droht nach dem Erdbeben der Stärke 8.9 die atomare Katastrophe. Betroffen von den sich überschlagenden Ereignissen ist auch Austauschstudent Etienne Staehelin aus Hettlingen bei Winterthur ZH. Er wohnt in einem Studentenheim im Vorort Kawasaki, südlich von Tokio und versucht sich nach dem Schock des Erdbebens nun auf die nukleare Bedrohung einzustellen.

«Die Regierung warnt bereits vor atomarem Niederschlag in Tokio, nachdem in einem der Atomkraftwerke radioaktiver Dampf abgelassen wurde. Dieser wird hier auf den Abend zusammen mit Regen erwartet», erzählt Etienne gegenüber 20 Minuten Online. Der Student, der seit sechs Monaten in Tokio Japanologie studiert, versucht pragmatisch mit der nächsten Bedrohung umzugehen. «Ich habe mich übers Internet informiert, um meine Gefährdung einzuschätzen», erzählt der 23-Jährige. Sein Fazit: Schlimmer als 1986 im russischen Tschernobyl sollte die Katastrophe nicht werden.

Unmengen an Vorräten

«Hier in Kawasaki bin ich immerhin schon 400 Kilometer vom Atomkraftwerk Fukushima entfernt. Der Strahlentod droht mir also nicht», meint er nüchtern. Langfristige Schäden schliesst er aber nicht völlig aus. Einen kurzen Moment habe er sich überlegt, den nächsten Flieger nach Hause zu nehmen. «Aber dafür bin ich jetzt sicher schon zu spät dran. Heimkommen würde ich sowieso frühestens in ein paar Tagen», so Staehelin.

Stattdessen versucht er sich so gut wie möglich auf die Situation vorzubereiten. Er füllt die Badewanne in seiner Studentenwohnung voll Wasser - «falls das Wasser verstrahlt wird oder abgestellt werden muss». Ausserdem hat er sich mit genügend Lebensmitteln eingedeckt. «Ich habe mir japanische Instant-Nudelsuppen, Unmengen an Snacks, Tee und andere ohne Kühlung haltbare Vorräte gekauft.»

Den ganzen Samstagabend bleibt er zusammen mit seinen Mitstudenten im Wohnheim. Auch in den nächsten Tagen hat er vor, das Haus nur selten zu verlassen. «Der atomare Niederschlag ist dann gefährlich, wenn man mit ihm in Berührung kommt, darum gilt es das zu vermeiden.»

«Ich dachte, jetzt geht es zu Ende»

Seit dem Erdbeben am Freitagnachmittag fühlt sich Etienne Staehelin von einer lebensbedrohlichen Situation in die nächste katapultiert. «Das Beben ging mir durch Mark und Bein», erzählt er. Er habe sich in seinem Zimmer unter den Tisch verkrochen als es anfing zu schütteln. Die Stösse seien nicht nur horizontal gewesen sondern auch vertikal. «Es war wie in einem Flugzeug, das herumgeworfen wird. Mein Körper hatte schon beschlossen, dass es jetzt zu Ende geht», erzählt Staehelin.

Dabei seien ihm Gedanken wirr durch den Kopf geschossen. «Ich dachte, was wenn das Gebäude über mir zusammenbricht, was soll ich tun, wie kann ich mich retten, ist das Leben jetzt fertig?» Noch während dem Beben habe er sich dann aber gefasst und versucht nach vorn zu blicken.

Bis zu dreissig Nachbeben

«Der Schock sitzt mir aber jetzt noch in den Knochen», sagt er. Darum konnte er die halbe Nacht nicht schlafen. «Bei den rund dreissig Nachbeben kam immer wieder die Angst vor einer weiteren Katastrophe hoch.» Zweimal rannte er auch ins Freie, um sich in Sicherheit zu bringen. Erst irgendwann gegen Morgen dämmerte er vor Erschöpfung weg.

Im Vergleich zu seinen Mitstudenten verdaut Staehelin die Situation aber recht gut. «Andere hier im Wohnheim sind sehr aufgeschreckt und in Panik.» Darum versucht er, sie zu beruhigen und zu informieren. «Wenn wir uns richtig verhalten, kommt schon alles gut.»