Partielle Kernschmelze

28. März 2011 13:36; Akt: 13.04.2011 13:12 Print

Das Tschernobyl des Westens

Während die Ingenieure in Japan gegen den Super-GAU im AKW Fukushima I ankämpfen, erinnert sich der Westen an den Atomunfall in Three Mile Island vor genau 32 Jahren.

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Kernschmelze, Radioaktivität in der Umwelt, Evakuierungen – was derzeit in Japan vor sich geht, beherrschte vor exakt 32 Jahren schon einmal die Schlagzeilen. Der Störfall im Reaktorblock 2 des Atomkraftwerks Three Mile Island in Harrisburg, Pennsylvania, war der schlimmste Atomunfall des Westens. Und wie jetzt in Japan rückten die Behörden auch in Harrisburg nur scheibchenweise mit der Wahrheit heraus.

Die Kette der unheilvollen Ereignisse begann am frühen Morgen des 28. März 1979. Kurz nach vier Uhr fielen zwei Pumpen im sekundären, nicht-radioaktiven Kühlkreislauf aus, was die Kühlung der beiden Dampferzeuger verhinderte. Dies wiederum führte zur Notabschaltung des Kernreaktors. Obwohl damit die Kettenraktion beendet war, wurde weiterhin Wärme in beträchtlichem Masse freigesetzt — die Nachzerfallswärme. Nun stieg der Druck im radioaktiven Primärkreislauf stark an, worauf sich ein Sicherheitsventil öffnete, das mehr als zwei Stunden offenblieb. Die Belegschaft bemerkte die Fehlfunktion nicht. In der Folge traten grosse Mengen von Kühlmittel — eine Tonne pro Minute — ins Containment, den Sicherheitsbehälter des Reaktors, aus.

Kernschmelze

Da die Füllstandsanzeige des primären Kreislaufs durch eine Fehlkonstruktion bedingt nicht korrekt war und die Belegschaft dadurch fälschlich annahm, es sei zu viel Kühlwasser vorhanden, wurde die Notkühlung heruntergefahren. Immer mehr Wasser im Primärkreislauf verdampfte, so dass der obere Teil des Reaktors 130 Minuten nach dem Beginn des Störfalls nicht mehr von Kühlflüssigkeit umgeben war. In den Brennstäben begann nun die Kernschmelze, die bis zur Entdeckung des Störfalls bereits weit fortgeschritten war. Tonnen von geschmolzenem Material aus den Brennstäben sammelte sich auf dem Boden des Containments — zum grossen Glück hielt er der enormen Hitze und dem Gewicht lange genug stand.

Inzwischen gelangten radioaktive Gase in die Umwelt, weil das stark radioaktive Kühlmittel, das sich im Containment angesammelt hatte, durch einen Schaltfehler in einen externen Sammeltank in einem Nebengebäude gepumpt wurde.

In die Atmosphäre geblasen

Erst nach dem Schichtwechsel um sechs Uhr zog die neue Belegschaft die richtigen Schlüsse aus der hohen Temperatur im Reaktorsystem; das Sicherheitsventil wurde geschlossen und der Kühlmittelverlust gestoppt. Neues Wasser wurde in den Kühlmittelkreislauf gespeist. Es dauerte jedoch mehrere Tage, bis die Situation in der Anlage wieder unter Kontrolle war. Dabei wurde erneut kontaminiertes Material zum Teil durch direkte Entlüftung in die Atmosphäre abgegeben.

Es dauerte bis kurz vor halb acht Uhr, bis der Schichtleiter endlich die höchste Alarmstufe auslöste. Während nun die Behörden — und schliesslich auch Präsident Jimmy Carter — informiert wurden, beruhigte man die Bevölkerung mit falschen Angaben. So behauptete ein Sprecher der Betreiberfirma, Radioaktivität sei nicht entwichen — dies zu einem Zeitpunkt, als bereits radioaktives Gas und Wasser in die Atmosphäre und in den Fluss Susquehanna gelangt waren.

Erhöhte Krebshäufigkeit

Am Freitag liess der Gouverneur von Pennsylvania schwangere Frauen und kleine Kinder in einem Umkreis von acht Kilometern um die Anlage herum evakuieren. Nun kam Panik auf und um die 140 000 Menschen suchten das Weite.

1985, sechs Jahre nach dem Unfall, zeigte eine unabhängige Studie, dass die Krebshäufigkeit auf der Lee-Seite (wo der Wind damals hinwehte) deutlich höher war als auf der windabgewandten Seite. Sie lag um bis zu 150 Prozent höher als der Durchschnitt in der nahegelegenen Stadt Harrisburg.

Weckruf für die Anti-AKW-Bewegung

Heute ist der Unfall von Three Mile Island fast in Vergessenheit geraten. Die Katastrophe von Tschernobyl sieben Jahre später und der aktuelle Super-GAU in Japan haben das schlimmste Atomunglück, das sich bisher im Westen ereignete, zusätzlich in den Hintergrund gedrängt. Dabei war Three Mile Island ein Weckruf für die Atomindustrie und mehr noch für die Anti-AKW-Bewegung, die gewaltigen Auftrieb erhielt. Seit Three Mile Island ging in den USA kein neues AKW mehr ans Netz.

(dhr)