Kalifornien

17. März 2011 16:55; Akt: 17.03.2011 17:05 Print

Besorgnis über AKW in der «Teufelsschlucht»

Atomkraftwerke in erdbebengefährdeten Zonen bereiten auch in den USA Sorge. Eine kürzlich entdeckte Erdbebenspalte in nur 800 Meter Entfernung vom AKW Diablo Canyon in Kalifornien.

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Das AKW im Diablo Canyon liegt in einer Zone wo sich gleich zwei Gräben auftun und verheerende Erdbeben auslösen könnten. (Bild: Keystone/AP)

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Das Kernkraftwerk «Teufelsschlucht» an einer Steilküste über dem Pazifik steht nicht allein in einer heiklen Lage. Ein Netz von Rissen in der Erdkruste durchzieht das ganze Land und weckt angesichts der Katastrophe in Japan Bedenken über die Sicherheit älterer Atommeiler. Die Anlage Indian Point beispielsweise liegt an einer Spalte 55 Kilometer nördlich von Manhattan; der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo ordnete nun eine Sicherheitsüberprüfung an.

Eine Lageeinschätzung ist aber nirgendwo so dringend wie in Kalifornien, dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat, der seit 1900 von etwa zehn heftigen Beben der Stärke über sieben getroffen wurde. Erste Untersuchungen in Diablo Canyon ergaben, dass seine zwei Reaktoren ein Erdbeben überstehen könnten, das von dem Ende 2008 entdeckten sogenannten Shoreline-Graben direkt vor der Küste ausginge.

Doch das reicht der kalifornischen Aufsichtsbehörde nicht. Sie drängt den Betreiber Pacific Gas & Electric (PG&E), eingehende und von unabhängiger Seite überprüfte Studien anzustellen, um das Risiko für die Anlage in rund 300 Kilometer Entfernung vom Ballungsraum Los Angeles umfassend abschätzen zu können.

Beben im Doppelpack

Der Shoreline-Graben verläuft nicht weit von einem weiteren, grösseren Riss, dem Hosgri-Graben, fünf Kilometer vor der Küste und könnte sich mit ihm überschneiden. Befürchtet wird, dass beide Spalten zugleich zu beben beginnen und zusammen heftigere Erdstösse erzeugen könnten, als es eine allein vermöchte. «Wir haben noch keine eindeutige Vorstellung von der Gefahr, die der Shoreline-Graben darstellt», erklärt Thomas Brocher, Direktor des Erdbebenforschungsinstituts, dessen Team die Spalte entdeckt hat.

Diablo Canyon wurde in den 60er Jahren geplant. Die Entdeckung des Hosgri-Grabens 1971 machte kostspielige Bauänderungen erforderlich. In Betrieb gingen die beiden Westinghouse-Druckwasserreaktoren Mitte der 80er Jahre.

Der Landespolitiker und Seismologe Sam Blakeslee fordert von PG&E, einen Antrag auf Laufzeitverlängerung um 20 Jahre zurückzuziehen, bis man mehr weiss. «Ältere Atomkraftwerke und grosse, aktive Grabensysteme sollten nicht nahe beieinanderliegen. Dazu muss man nicht besonders schlau sein», sagt er. Weil der Shoreline-Graben so dicht bei Diablo Canyon verlaufe, «kann er Erschütterungen hervorrufen, die weit über das erwartete Mass hinausgehen», warnt er.

Gründliche Untersuchungen verlangt

Die beiden kalifornischen Senatorinnen Barbara Boxer und Dianne Feinstein forderten die US-Atomaufsichtsbehörde NRC schriftlich auf, eine «gründliche Inspektion» der Anlagen Diablo Canyon und San Onofre an der Küste des San Diego County zu veranlassen.

Die NRC und der Betreiber erklären, die Anlage Diablo Canyon sei sicher und darauf ausgelegt, ein Erdbeben von 7,5 auszuhalten, der an dieser Stelle maximal erwarteten Stärke. Auch Beschädigungen durch einen Tsunami seien unwahrscheinlich, weil die Anlage auf einer 26 Meter hohen Steilküste liegt.

Für Professor Naj Meshkati von der University of Southern California, Experte für Erdbeben und Atomkraftwerke, liegt das Risiko gleichwohl nicht so sehr in den massiven Anlagenbauten, sondern vielmehr in der Zuverlässigkeit der Backup-Systeme - wie sie jetzt in Japan versagt haben.

(ap)