Desaster in Japan

26. März 2011 16:17; Akt: 26.03.2011 16:17 Print

Japans Mafia profiliert sich in der Katastrophe

von Antonio Fumagalli - In Krisenzeiten macht die japanische Yakuza auch noch anderes als erpressen, betrügen und einschüchtern: Sie verteilt Hilfsgüter an die notleidende Bevölkerung.

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Nach dem verheerenden Erdbeben in Japan werden Hilfsgüter an die betroffene Bevölkerung verteilt. Gut möglich, dass sich darunter auch Lieferungen von der Yakuza befinden. (Bild: Keystone)

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Nach dem verheerenden Erdstoss, der Japan tiefgreifend verändert und die Welt erschüttert hat, vergingen nur Stunden, bis die Mafia in Aktion trat: Die Inagawa-kai, eine der einflussreichsten Banden im Land der aufgehenden Sonne, schickte 25 Lastwagen ins Erdbebengebiet in der Region Tohuku. Deren Ladung: Papierwindeln, Taschenlampen und jede Menge Getränke und Esswaren. Auch das mächtigste Syndikat Yamaguchi-gumi versorgt derzeit die notleidende Bevölkerung mit dem Nötigsten – ohne sich vor radioaktiver Strahlung zu fürchten. «In Krisenzeiten nimmt die Yakuza, wie die Mafia in Japan genannt wird, auch stets eine humanitäre Rolle ein», sagt Jake Adelstein, intimer Kenner des organisierten Verbrechens in Japan gegenüber 20 Minuten Online.

Das war 1995 nicht anders: Beim desaströsen Erdbeben von Kobe waren die Yakuza-Mitglieder die Ersten, die den Überlebenden Decken und Lebensmittel verteilt und dafür gesorgt haben, dass Plünderungen weitgehend ausblieben. Der Staat versagte dagegen auf der ganzen Linie: Dringend benötigte Güter kamen erst mit tagelanger Verspätung im Krisengebiet an, Notunterkünfte wurden gar nicht erst bereitgestellt.

Mafiosi mit Visitenkarten

Um die Rolle der Yakuza als Krisenmanagerin zu verstehen, muss man den Hintergrund des organisierten Verbrechens in Japan kennen. Anders als in unseren Breitengraden operiert die Mafia nicht im Untergrund, die blosse Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation ist denn auch nicht strafbar. Die verschiedenen Yakuza-Gruppen haben ihre Hauptquartiere ganz offiziell in gläsernen Bürokomplexen und ihre Mitglieder – in ganz Japan seit Jahrzehnten ziemlich konstant rund 80 000 Personen – weisen sich schon mal mit Visitenkarten aus. Sechs regelmässig erscheinende Fan-Zeitschriften geben ihnen gar eine Plattform, sich einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.

Entsprechend gross ist die gesellschaftliche Akzeptanz der Yakuza. Seit Beginn der Neunzigerjahre gehen die Behörden zwar repressiver gegen sie vor, in der öffentlichen Auffassung ist sie aber noch immer ein notwendiges Übel, um die Kriminalitätsrate niedrig zu halten. «Die Yakuza spielt bei der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung eine wichtige Rolle», sagt Adelstein. Bezeichnend sei beispielsweise der Staatsbesuch von US-Präsident Obama im vergangenen November gewesen: Damals habe die Polizei alle lokalen Mafia-Bosse kontaktiert und sie angehalten, sich ruhig zu verhalten und Probleme zu verhindern. So lange sie nicht im grossen Stil negativ auffalle, habe der Staat also durchaus ein Interesse an einer intakten Struktur der Yakuza. «Zudem gibt es nicht genügend Kapazitäten, um zehntausende Mitglieder in Gefängnisse zu stecken», so Adelstein.

Kriminelle Machenschaften

Bei aller Philanthropie in Krisenzeiten: Die Yakuza darf nicht verklärt werden. Sie verdient ihren Unterhalt mit Erpressungen, illegalen Finanztransaktionen, Schutzgeldeintreibungen, Prostitution und Glückspielen – also durchaus auch Geld, das sie dem «kleinen Mann» abknöpft. Umso zynischer scheint es, wenn sie nun dem notleidenden Volk einen Teil zurückgibt. Geht es also letztendlich um Werbung in eigener Sache? «Das kann ich mir nicht vorstellen. Wenn es eine PR-Aktion sein sollte, dann ist sie miserabel ausgeführt», so Adelstein. Ein ihm persönlich bekanntes Mafia-Mitglied habe erzählt, dass sie sich bewusst nicht zu erkennen gäben, damit die Hilfe nicht von den Behörden zurückgehalten werde. Ein anderer hat ihm gesagt: «Derzeit gibt es keine Yakuza-Mitglieder, keine Normalbürger und keine Ausländer. In diesen schweren Zeiten sind wir alle Japaner.»

Ob aus Nächstenliebe oder durchtriebenem Geschäftssinn – die Hilfslieferungen scheinen die Not der betroffenen Bevölkerung auf jeden Fall zu lindern. Sie ist gar so effizient, dass Jake Adelstein seinen persönlichen Beitrag in die Hände der Yakuza gegeben hat, anstatt die offiziellen Kanäle zu benutzen: «Ich habe einem Yakuza-Mitglied zwei Kisten mit Hilfsgütern aller Art überbracht. Da weiss ich, dass sie sicher ankommen.»

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Andi am 26.03.2011 16:35 Report Diesen Beitrag melden

    Staat=Mafia

    Die Mafia scheint dort, wie im Artikel erwähnt, regelrecht Aufgaben des Staates zu übernehmen. Und mal ganz ehrlich, ob nun irgend ein Politikersumpf auf jeden Mist Steuern (Schutzgeld, dass auch zwangsweise eingetrieben wird) erhebt und das beinahe Monopol auf Glückspiele hält (Lotto) oder ob das eine private Organisation tut... ich sehe da nur einen relativ geringen Unterschied bei der Legitimierung und dieser Unterschied dürfte sogar bei vielen Ländern auch nicht existieren.

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  • Jan Rokyta am 27.03.2011 05:18 Report Diesen Beitrag melden

    Breitengrad?

    ... Anders als in unseren Breitengraden operiert die Mafia nicht im Untergrund, ... Breitengrade gehen von Nordpol nach Südpol. Japan ist nicht sehr weit vom Breitengrad der Schweiz entfernt. Längengrad wäre der zutreffendere Ausdruck.

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  • Peter Adler am 26.03.2011 18:24 Report Diesen Beitrag melden

    Die Taktik ist wie bei den Politikern...

    Ja irgendwie müsen die sich ja auch zuerst beliebt machen, bevor sie dann das Volk knebeln.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Lhakee Sutter am 26.08.2011 15:18 Report Diesen Beitrag melden

    Japans Mafia

    Ja, aus purer Patriotismus handeln sie, dies ist schwierig für Europäer zu verstehen. Alles wird ja aus westlichen Perspektive betrachtet und bewertet.

  • Cybot am 28.03.2011 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Standard-Mafia-Taktik

    Das macht die Mafia doch überall auf der Welt. So bringt man die Leute auf seine Seite. Gerade bei den Ärmeren zieht das immer, egal ob in Brasilien, Italien, oder jetzt halt in Japan. Kaum gehts den Leuten wieder besser, wird die Mafia den erwiesenen "Gefallen" wieder einfordern. Neu ist das nicht gerade.

  • Rolf Raess am 28.03.2011 12:03 Report Diesen Beitrag melden

    Grösste Mafia ist die TEPCO!

    Wie auch bei uns, bilden die grösste "Mafia" die Atom-Kraftwerk-Betreiber selbst. Mehr Schaden kann keiner anrichten. Und schmieren tun sie allesamt (Ohne Offenlegung der Schweizer Parteienfinanzierung keine Demokratie möglich).

  • Tina am 28.03.2011 08:53 Report Diesen Beitrag melden

    Das war zu erwarten

    Wer sich ein kleines bischen mit Japan auskennt, hat das vorausgesehen. Schon bei früheren Kriesen in Japan war die Yakuza schneller mit Hilfe bei den Leuten als die Regierung.

  • the bert am 27.03.2011 13:45 Report Diesen Beitrag melden

    Ein hoch auf die Mafia!

    Es scheint die Mafia ist recht beliebt hier auf 20 min wenn man die Kommentare so anschaut. Ihr könnt ja damit anfangen mir Schutzgeld zu zahlen wenn ihr umbedingt eine Mafia wollt.

    • Konstanze am 28.03.2011 08:55 Report Diesen Beitrag melden

      Vergleiche nicht Äpfel mit Birnen

      Die Yakuza sind mit der italienischen oder der russischen Mafia nicht zu vergleichen. Lies dich ein bischen in die japanische Geschichte ein, dann weisst du was ich meine.

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