Tsunami-Opfer

31. März 2011 10:40; Akt: 31.03.2011 10:54 Print

Zufluchtsort Atomkraftwerk

von Jay Alabaster, AP - Als der Tsunami über Onagawa hereinbrach, flüchteten Hunderte Einwohner an den sichersten Platz, der ihnen einfiel: das örtliche Atomkraftwerk.

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Durch 9 Meter hohe Mauern geschützt: Das AKW Onagawa zwei Tage, nachdem der Tsunami das Fischerdorf zerstört hat (siehe Seitenbild). (Bild: Keystone/AP)

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Knapp drei Wochen später leben 240 Menschen noch immer da, sehen fern oder spielen mit ihren Kindern Fussball neben den drei Reaktoren. Der Kontrast zum Katastrophenkraftwerk Fukushima 120 Kilometer weiter südöstlich könnte kaum krasser sein.

Das traute Verhältnis der Bürger von Onagawa zu ihrem Kernkraftwerk spiegelt die Haltung der Mehrheit in Japan wider - zumindest vor der aktuellen Krise. Kernenergie wurde akzeptiert und als Tauschgeschäft verstanden: saubere und zuverlässige Energie gegen das Restrisiko einer Katastrophe, wie sie sich gerade in Fukushima-Daiichi abspielt.

Schwer abzusehen, wie viel Rückhalt die Kernenergie künftig in Japan noch haben wird. Doch in Onagawa wie anderswo in Japan, das 30 Prozent seines Energiebedarfs nuklear deckt, wird es wenig realistische Alternativen geben.

Dankbar und glücklich

«Ich bin sehr glücklich hier, jeder ist dem Kraftwerksbetreiber sehr dankbar», versichert die 63-jährige Mitsuko Saito, deren Heim vom Tsunami dem Erdboden gleichgemacht wurde. «Es ist sehr sauber da drinnen. Wir haben Strom und schöne Toiletten.» Die Menschen im Kraftwerk leben in relativem Luxus verglichen mit anderen Überlebenden. Onagawa liegt zum Grossteil noch immer unter einer dicken Dreckschicht, es gibt weder fliessend Wasser noch ein Mobilfunknetz und Strom nur in einigen wenigen Vierteln. Fast 1.100 der 10.000 Einwohner sind tot oder vermisst. 5.500 sind in Schulen und Bürgerzentren untergebracht.

Im Atomkraftwerk sind die Anlagen blitzsauber, der Anschluss ans Stromnetz funktioniert, und die Evakuierten können das werkseigene Telefonnetz für Anrufe benutzen. «Normalerweise darf die breite Öffentlichkeit nicht herein, aber in diesem Fall hielten wir es für richtig so», sagt Unternehmenssprecher Yoshitake Kanda.

Die Werkseingänge sind streng bewacht. Reporter lässt die Betreiberfirma Tohoko nicht auf das Gelände, sodass sich viele Einzelheiten dieses Berichts auf Auskünfte von Mitarbeitern und Flüchtlingen stützen, die durch das Tor kommen.

Essen und Wasser eingeflogen

Nach dem Erdbeben und Tsunami am 11. März flüchteten viele Einwohner zunächst zu einem Informationszentrum des Versorgungsunternehmens, das an erhöhter Stelle gleich neben dem Kraftwerkskomplex liegt. Doch das Gebäude war beschädigt und hatte weder Wasser noch Strom, sodass sie erst in einen Konferenzsaal innerhalb der Anlage und schliesslich in die Sporthalle für Mitarbeiter gebracht wurden, wo sie sich einrichteten. Da die Küstenstrasse unpassierbar war, liess das Unternehmen Wasser und Lebensmittel per Hubschrauber einfliegen.

In der grossen Turnhalle waren zu Spitzenzeiten 360 Menschen untergebracht, etwa ein Drittel der Menschenmengen, die in vergleichbar grossen Räumen in der Gegend einquartiert waren. «Es verteilt sich ganz gut. Die Leute liegen so herum und ruhen sich aus», berichtet Tatsuya Abe, der mit seiner Frau und der dreijährigen Tochter im Atomkraftwerk untergekommen ist. «Es gibt noch viele Nachbeben, aber es ist sicher hier.»

Das AKW Onagawa wurde so gebaut, dass es neun Meter hohen Tsunamis standhält - Fukushima war nur auf 5,40 Meter ausgelegt. Es gab nur geringe Schäden, unter anderem einen Brand in der Nähe einer Turbine und etwas Wasser, das aus einem Abklingbecken schwappte. Erhöhte Strahlenwerte wurden der aus Fukushima entwichenen Radioaktivität zugeschrieben.