Katastrophe in Fukushima

24. März 2011 12:27; Akt: 24.03.2011 22:29 Print

Die Angst im Schatten des Reaktors

Die Stadt Soma wurde von Erdbeben und Tsunami hart getroffen. Jetzt droht den Menschen eine unsichtbare Gefahr - die Strahlung aus Fukushima.

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Vom Tsunami heimgesucht - und jetzt in grosser Angst vor der Strahlung aus Fukushima: Die Menschen in Japan wissen nicht wie weiter.

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Soma Hidekatsu Sato steht im Eingang seines Hauses und starrt auf das Meer hinaus. Nachdem er wegen der Arbeit einst nach Tokio gezogen war, kehrte der ehemalige Spengler im Rentenalter in seine Heimatstadt Soma zurück. «Ich bin hierhergekommen, um zu sterben. Daran hat sich nichts geändert», sagt der 73-Jährige. «Ich gehe nicht.»

Die Stadt an der Nordostküste Japan wurde von dem verheerenden Erdbeben am 11. März besonders hart getroffen und von dem anschliessenden Tsunami schwer beschädigt. Noch gefährlicher als die Naturkatastrophe könnte jedoch eine unsichtbare Bedrohung werden: die radioaktive Strahlung aus dem nahe gelegenen Atomkraftwerk Fukushima I.

Verwesungsgeruch im Hafen

Getreide und Milch aus der Region gelten bereits als verstrahlt und auch Meeresfrüchte will niemand mehr kaufen. Über dem Hafen - einst beliebt bei Sportfischern und Touristen - liegt Verwesungsgeruch. Zwischen den Trümmern verfault der Fisch.

«Ich hatte nie viel und ich brauche nicht viel», sagt Sato. «Aber ich weiss einfach nicht, wie das enden soll.» Frustriert lässt der alte Mann seinen Blick über die verwüstete Landschaft streifen. «Alles ging so schnell», sagt er. «Häuser, Boote und Lastwagen wurden vom Wasser fortgerissen. Wir haben so etwas seit Generationen nicht gesehen.»

Angst vor Strahlung

Es ist jedoch nicht die Zerstörung, die Sato Sorgen bereitet. Ihn beunruhigt am meisten, was er nicht sehen kann. «Wir Japaner wachsen mit den Geschichten über die Schrecken der Verstrahlung auf, über Hiroshima und Nagasaki», sagt Sato. «Wir haben als Volk eine besondere Angst vor Strahlung. Sie ist mysteriös, sie löst irrationale Ängste aus. Wir wissen nicht, was wir denken sollen.»

Kurz nachdem Schäden am Atomkraftwerk in Fukushima bekannt wurden, ordnete die japanische Regierung innerhalb eines Radius von zehn Kilometern die Evakuierung der Bevölkerung an. Später wurde die Zone auf 20 Kilometer erweitert und die Menschen in einem zehn Kilometer breiten Zusatzstreifen aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben.

Soma liegt knapp ausserhalb der Gefahrenzone. «Wir nehmen nun mehrere Hundert Menschen bei uns auf», sagt Katsuhiro Abe von der Stadtverwaltung in Soma. «Sie kommen zu den 2000 Obdachlosen hinzu, die bereits bei uns leben.»

Nicht auf Atom-Unglück vorbereitet

Soma war gut auf ein Erdbeben vorbereitet. Der Tsunami kam eher unerwartet, aber die Rettungskräfte waren für einen Hochwassereinsatz ausgebildet. Der atomare Zwischenfall hingegen hat Soma kalt erwischt.

Erst jetzt sei die Stadt auf eine Evakuierung vorbereitet, sollte die Regierung die Gefahrenzone weiter ausdehnen, sagt Abe. «Wir beobachten die Entwicklung in den Reaktoren und bereiten uns auf das Schlimmste vor», sagt Abe.

Wir wissen nicht weiter

Die Atomkrise macht den Wiederaufbau nach Erdbeben und Tsunami nun noch komplizierter. «Gäbe es das Atomkraftwerk nicht, könnten wir uns auf den Aufschwung konzentrieren», sagt Abe. «Aber wir wissen nicht, wie es weiter geht.»

Aus Angst vor der Strahlung weigerten sich beispielsweise Lastwagenfahrer, dringend benötigte Baumaterialien nach Soma zu liefern. Zudem fänden die Bauern und Fischer keine Abnehmer für ihre Erzeugnisse, klagt Abe. «Wenn wir unsere Produkte wie Algen und Reis nicht verkaufen können, sind wir dem Untergang geweiht», sagt Abe.

(sda)