Katastrophe in Japan

06. Dezember 2011 11:04; Akt: 06.12.2011 11:25 Print

Auch Baby-Milch radioaktiv verseucht

Die Atomkatastrophe von Fukushima erreicht nun auch die Allerkleinsten. In 400 000 Dosen Baby-Milchpulver wurde radioaktives Cäsium entdeckt.

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Welche Massnahmen müssen bei einer starken radioaktiven Kontamination zuerst erfolgen? Der Medizinphysiker Michael Fix vom Inselspital Bern: «Wichtig ist zunächst der Abstand zur radioaktiven Quelle. Danach muss der Betroffene sofort die Kleidung ablegen und lauwarm duschen». Diverse Experten warnen davor, beim Duschen Shampoo oder Duschgel zu benutzen. Auch das Reiben der Haut sollte vermieden werden. Auf diese Weise könnten radioaktive Partikel über die Haut in den Organismus transportiert werden. Besonders den Arbeitern, die in unmittelbarer Nähe der Reaktoren von Fukushima tätig sind, droht grösste Gefahr: «Ab 500 Millisievert pro Stunde haben wir es mit einer hoch dosierten Exposition zu tun», sagt Angelika Claussen. Claussen ist Medizinerin, Psychotherapeutin und ehemalige Vorsitzende der Ärzteorganisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung eines Atomkrieges). Sie setzt sich seit vielen Jahren mit den Auswirkungen radioaktiver Strahlung durch Kernkraftwerke auseinander. Für die Expertin ist klar: «Eine derartige Menge kann zu einer Schädigung des Blutbildes und des zentralen Nervensystems führen». Auch vom Menschen aufgenommene radioaktive Stoffe können für die Umwelt problematisch sein. Während radioaktiv verseuchte Nahrung so lange im Organismus strahlt, bis sie ausgeschieden wurde, wird radioaktives Jod über die Luft eingeatmet und in der Schilddrüse gespeichert. Während das dort eingelagerte radioaktive Jod eine Halbwertzeit von nur etwa acht Tagen hat (die Krebsgefahr besteht trotzdem weiter), können andere Nuklide, wie Michael Fix weiss, deutlich länger strahlen. Gefahr geht von den in Knochen oder Organen eingelagerten Stoffen wie Strontium oder Cäsium aus. Je nach Dosis der Strahlung und der Expositionsdauer kann auch die nähere Umgebung in Mitleidenschaft gezogen werden. Ärzte, die einen massiv Kontaminierten medizinisch versorgen, sollten aus diesem Grund unbedingt Schutzkleidung tragen. Gemäss dem Medizinphysiker sind ausserdem eine konsequente Überwachung der Strahlung über ein Personendosimeter und eine kurze Expositionszeit wichtig. Claussen zufolge sind derzeit insbesondere Schwangere in Japan gefährdet: «Das ungeborene Kind muss unbedingt geschützt werden. Am besten, man evakuiert Schwangere in weite Entfernung zur Strahlenquelle», rät die Ärztin. Welchen Einfluss Radioaktivität auf Schwangere haben kann, zeigte das Beispiel Tschernobyl. Kurz nach der Katastrophe stieg die Zahl der Missbildungen und Erkrankungen von Neugeborenen deutlich an. Kurz nachdem der erste Störfall in Fukushima bekannt wurde, rieten Ärzte der Bevölkerung in Japan zu einer sogenannten «Jodblockade». Die Einnahme grösserer Mengen von stabilem Jod soll die Schilddrüse vor der Aufnahme von radioaktivem Jod aus der Luft schützen. Aufgrund der Distanz zu Japan ist für uns die Einnahme von Jod in hohen Dosen aber überflüssig. Sie kann uns sogar gesundheitlichen Schaden zufügen: Hochdosiertes Jod erhöht das Risiko einer schwerwiegenden Schilddrüsenerkrankung und darf deshalb nur im Ernstfall (unter behördlicher Anleitung) eingenommen werden. Auch Jahre nach der Exposition gegenüber starker radioaktiver Strahlung besteht für die Betroffenen ein erhöhtes Krebsrisiko. Eine regelmässige medizinische Kontrolle hilft, Frühstadien von Krebserkrankungen zu erkennen und rechtzeitig zu behandeln. Auch eine gesunde Ernährung wirkt unter Umständen prophylaktisch: «Das in Äpfeln vorkommende Pektin kann dabei helfen, bestimmte radioaktive Stoffe schneller auszuscheiden», weiss Claussen. Allerdings müsse, so die Ärztin, eine weitere Aufnahme von radioaktiven Stoffen (beispielsweise durch Nahrung) vermieden werden. Jede Strahlenart hat eine andere Reichweite und wirkt individuell auf die Umwelt. Alpha-Strahlung hat zwar gemäss dem Medizinphysiker Michael Fix eine geringe Reichweite, dafür schade sie dem Organismus aber ganz besonders. Mit Äpfeln gegen radioaktive Strahlung? Klingt irgendwie verrückt, offenbar aber nicht verrückt genug, denn das deutsche Bundesumweltministerium gab diesbezüglich eine Studie beim Forschungszentrum Jülich und den Strahleninstituten Belgrad/Minsk in Auftrag. (Zitat): ... «(...) Das ist eine signifikante Beschleunigung der natürlichen Cäsiumausscheidung und würde bei kontinuierlicher Fortsetzung der Pektingabe eine entsprechende Reduktion der internen Dosis bewirken. (...) Die Untersuchung der Nebenwirkungen hat keine negativen Effekte gezeigt. Insbesondere wurde keine ungünstige Veränderung des Zink-, Kupfer-, Eisen- und Kaliumgehaltes des Körpers beobachtet.» Tönt vielversprechend – doch es gibt auch . Droht uns zukünftig Gefahr durch verstrahlte japanische Lebensmittel, wie zum Beispiel der Soja-Sauce? «Noch ist es zu früh, hier eine Aussage zu machen», sagt Claussen. In naher Zukunft wäre es aber durchaus sinnvoll, aus Japan kommende Lebensmittel auf ihre radioaktive Belastung zu kontrollieren, so die Expertin. «Zunächst ist es aber wichtig, den Japanern zu helfen und sie mit unbelasteten Lebensmitteln zu versorgen», findet die Expertin. Wurde ein Mensch einer grossen Strahlendosis ausgesetzt, muss er intensivmedizinisch versorgt werden: «Hier müssen die jeweilig auftretenden Symptome behandelt werden. Da das Immunsystem stark geschwächt ist, muss der Organismus selbst vor sonst harmlosen Infekten - zum Beispiel durch eine keimfreie Isolation - geschützt werden.»

Zum Thema
Fehler gesehen?

Erstmals seit der Atomkatastrophe in Fukushima ist in Japan laut einem Medienbericht radioaktives Cäsium in Milchpulver für Babys festgestellt worden.

Nach Informationen der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo vom Dienstag wurde in einer Probe des Nahrungsmittelherstellers Meiji Cäsium von bis zu 30,8 Becquerel pro Kilogramm gefunden.

Wie das Isotop in das Milchpulver gelangte, sei noch unklar. Das Unternehmen selbst vermute jedoch, dass es auf die Atomruine in Fukushima zurückzuführen sei, meldete Kyodo unter Berufung auf informierte Kreise. Die Höhe der Belastung des Milchpulvers liege jedoch deutlich unter dem von der Regierung festgesetzten Grenzwert von 200 Becquerel pro Kilogramm.

400 000 Dosen betroffen

Der japanische Hersteller plane trotzdem, den Kunden anzubieten, das Produkt zu tauschen. Betroffen seien rund 400 000 Dosen des Milchpulvers Meiji Step, hiess es.

Angesichts der besonderen Gefährdung von Babys durch Strahlen plant die Regierung, neue Grenzwerte für Babynahrung festzusetzen. Das Isotop in dem Meiji-Milchpulver wurde in Dosen gefunden, deren Verfallsdaten auf den 4., 21., 22. und 24. Oktober des kommenden Jahres lauten.

Das japanische Militär beginnt an diesem Mittwoch mit Dekontaminierungsarbeiten in der 20-Kilometer-Sperrzone um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima Eins. Das Kabinett billigte am Dienstag dafür den Einsatz von rund 900 Soldaten der Selbstverteidigungsstreitkräfte.

Sie sollen in vier Orten in der Provinz Fukushima öffentliche Gebäude von radioaktiven Strahlen reinigen. Die Gebäude in den Ortschaften Namie, Naraha, Tomioka und Iitate sollen als Stützpunkte für eine grossangelegte Dekontaminierung verstrahlter Gebiete dienen, mit der die Regierung im Januar beginnen will. Der Einsatz der Streitkräfte ist auf etwa zwei Wochen angelegt.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Chili am 06.12.2011 12:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht verwunderlich

    Da ich vom Berufs wegen Kenntnisse über Radioaktivität besitze verwundern mich solche Schlagzeilen immer wieder. In Japan und rund um Fukushima ist Alles und Jeder radioaktiv belastet. Vom Fisch und den Meerestieren über alle Agrarprodukte und jedes Lebewesen, sowie Produkte die aus verseuchten Grundstoffen hergestellt worden sind. Die frage ist nur wie hoch die Verstrahlung ist und wie lange sie bestehen bleibt! Es muss also nach Lösungen für die Versorgung und Behandlung der Betroffenen gesucht werden statt zu melden wo nun wieder etwas verstrahltes entdeckt wurde.

  • Ton Ton am 07.12.2011 00:01 Report Diesen Beitrag melden

    Widerspruch

    Die Regierung setzt den Wert mit 200 Becquerel an und die Produzenten nehmen die Milch wegen 30.8 Becquerel vom Markt? Warum? Der Grenzwert ist doch um das 6.5-fache unterschritten, was doch vollkommen unbedenklich sein müsste.

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  • Ton Ton am 07.12.2011 00:01 Report Diesen Beitrag melden

    Widerspruch

    Die Regierung setzt den Wert mit 200 Becquerel an und die Produzenten nehmen die Milch wegen 30.8 Becquerel vom Markt? Warum? Der Grenzwert ist doch um das 6.5-fache unterschritten, was doch vollkommen unbedenklich sein müsste.

  • Chili am 06.12.2011 12:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht verwunderlich

    Da ich vom Berufs wegen Kenntnisse über Radioaktivität besitze verwundern mich solche Schlagzeilen immer wieder. In Japan und rund um Fukushima ist Alles und Jeder radioaktiv belastet. Vom Fisch und den Meerestieren über alle Agrarprodukte und jedes Lebewesen, sowie Produkte die aus verseuchten Grundstoffen hergestellt worden sind. Die frage ist nur wie hoch die Verstrahlung ist und wie lange sie bestehen bleibt! Es muss also nach Lösungen für die Versorgung und Behandlung der Betroffenen gesucht werden statt zu melden wo nun wieder etwas verstrahltes entdeckt wurde.