Interview

21. März 2011 17:23; Akt: 21.03.2011 17:23 Print

«Japaner sehen sich als Teil der Gruppe»

Die Bereitschaft zur Aufopferung ist in Japan vielleicht besonders ausgeprägt. Doch warum feiern die Japaner ihre Helden kaum? 20 Minuten Online befragte einen Japanologen.

Infografik: Die Katastrophe in Japan

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Mehrere Tage nach dem verheerenden Erdbeben und dem Tsunami stand Japan unter Schock. Gebannt beobachten die Menschen hier im Westen, wie das Land verzweifelt gegen die nukleare Katastrophe ankämpft. In das Mitleid mischt sich auch Verwunderung und Bewunderung über die Art und Weise, wie die Japaner mit der schlimmsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg umgehen. 20 Minuten Online sprach mit dem Japanologen David Putnam über Stärken und Schwächen des fernöstlichen Inselvolks.

20 Minuten Online: Als die Lage am kritischsten war, kämpften jeweils 50 Arbeiter in den Ruinen des AKW Fukushima I im Schichtbetrieb gegen den Super-GAU. Vermutlich werden sie ihren Einsatz mit dem Leben bezahlen. Warum gibt es kaum Bilder dieser Helden?
David Putnam: In Japan gilt es nicht als erstrebenswert, als Einzelkämpfer zum Helden zu werden. Japaner begreifen sich viel mehr als Teil eines Kollektivs. Sie versuchen die Krise in der Gruppe zu überwinden.

Aber wir alle kennen doch das Bild des Samurai, des auf sich selber gestellten Kämpfers.
Ja, in der Tat. Aber Samurai bedeutet wörtlich nicht Krieger, sondern Diener. Ein Samurai ist Vasall eines Feudalherren und kämpft eben nicht allein, sondern zusammen mit anderen Kriegern. Unser Bild ist dagegen geprägt vom «Ronin», dem herrenlos gewordenen Samurai.

Zurück zu den 50 Helden ...
Die Mitglieder dieses Todeskommandos erinnern mich an die «47 Ronin», eine Legende aus dem 18. Jahrhundert, die heute noch jedes Schulkind kennt. Diese 47 Kämpfer begehen, nachdem sie sich für ein Unrecht gerächt haben, allesamt Harakiri, um ihre Ehre zu retten. Auch in dieser Legende stehen das Kollektiv und der Zusammenhalt der Gruppe im Vordergrund. Heute geht es nicht so sehr um «Ehre», sondern um den Ruf der Firma – oder gar von Japan.

Menschen, die sich wie diese Arbeiter aufopfern – erinnert das nicht auch an die Kamikaze, jene Selbstmordpiloten im Zweiten Weltkrieg?
Ich würde das nicht direkt vergleichen, aber in der Aufopferung für Japan gibt es einen gemeinsamen Nenner; damals im Abwehrkrieg gegen die amerikanische Flotte, heute in der Katastrophensituation. In beiden Fällen sieht man sich in der Defensive.

Und der Zwang? Wurden nicht einige Kamikaze-Piloten zu ihrem Heldentod gezwungen? Ist denn bei den 50 Helden auch sanfter Druck im Spiel?
Vor allem die Mitarbeiter von TEPCO, der Betreibergesellschaft des AKW Fukushima, stehen sicher unter einem gewissen Zugzwang. Und der Gruppendruck ist natürlich enorm. Allerdings würde ich hier nicht nur von Opferbereitschaft sprechen, sondern – ins Positive gewendet – von einer unglaublichen Bereitschaft, in Krisensituationen zusammenzustehen und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten.

Allerdings ist Japan sonst auch nicht gerade extrem bereitwillig, auf internationaler Ebene zu kooperieren. Man denke an die russischen Tschernobyl-Experten, die nicht ins Land hineingelassen wurden.
Die Japaner lassen sich nicht gern von aussen dreinreden, sie haben einen ausgeprägten Nationalstolz. Der Wille zur Zusammenarbeit spielt vor allem innerhalb des eigenen Kollektivs.

Woher kommt eigentlich diese erstaunliche Gelassenheit, diese Disziplin angesichts des Desasters?
Die Japaner haben, ähnlich wie die Briten, gute Manieren. Selbstdisziplin wird den Kleinen schon von der Primarschule an antrainiert. In der Schule wird man zum Teil des Kollektivs geformt; zu Hause muss man nicht so stark auf die Einhaltung von Verhaltensregeln achten.

Das ist hier doch auch so.
Ja, aber der Kontrast zwischen privatem und öffentlichem Leben ist in Japan ungleich grösser als hier.

Wie ist es eigentlich für die Japaner, dass ihre hochgelobte Sicherheitstechnik den Naturgewalten nicht gewachsen war? Empfinden sie das als Gesichtsverlust?
Das wird im Moment noch unter den Teppich gekehrt.

Sucht man denn nicht nach Schuldigen?
Japaner bekunden allgemein Mühe damit, Fehler einzugestehen. Bis jetzt ist die ganze Schuldfrage noch nicht so dringend. Ist ja auch nicht so wichtig – der Kampf gegen die Folgen der Katastrophe hat jetzt Vorrang.

Viele Japaner, die im Ausland leben, kehren jetzt in ihre Heimat zurück. Warum tun sie das?
Die ganze ungeheure Katastrophe stärkt das Gefühl des Zusammenhalts, auch das Heimatgefühl. Und ich glaube, es ist eine Art Déjà-vu-Erlebnis mit im Spiel; die Erinnerung an die Tragödie von Hiroshima und Nagasaki ist noch lebendig.

Das ist doch schon über 65 Jahre her ...
Ja, aber diese Zeit des Leidens ist auch vor der aktuellen Notlage oft beschworen worden, viele Japaner sind heute noch stolz auf diese Zeit und idealisieren sie fast wehmütig. «Der Tenno hat nichts falsch gemacht», hört man immer wieder.

Der heutige Tenno, Kaiser Akihito, hat sich erst nach fünf Tagen erstmals an sein Volk gewandt. Für westliche Massstäbe ein undenkbares Verhalten.
Wann immer der Tenno auftritt, fühlen sich die Japaner geehrt. Der Tenno ist gewissermassen das Herz von Japan, das Nationalsymbol. Zudem ist es in Japan oft wichtiger, wie man etwas sagt, als was man sagt. Formalismen sind ungemein wichtig in Japan; sie dienen dazu, den Gruppenzusammenhalt zu stärken.

Die Geste des Kaisers, aus Solidarität zu seinem Volk ebenfalls jeden Tag zwei Stunden auf Strom zu verzichten, kann auf westliche Beobachter etwas heuchlerisch wirken.
Die Funktion des Tenno ist es, zu trösten und Anteilnahme zu zeigen. Für viele Japaner ist er nach wie vor ein Halbgott, darum kommt auch der symbolische Akt gut an, dass er wie ein Normalsterblicher auf Strom verzichtet.

Der Tenno steht ausserhalb der politischen Landschaft in Japan. Wird die Katastrophe diese Landschaft durcheinanderschütteln?
Ich glaube, dies wird eher weniger der Fall sein. Die marginale grüne Partei wird wohl nicht in der gleichen Weise profitieren wie ihre westlichen Pendants nach Tschernobyl. Japan hat eben auch kaum Alternativen zum Atomstrom. Eine Zusammenarbeit zwischen der Demokratischen Partei und der mit ihr verfeindeten Liberal-Demokratischen Partei scheint sich aber anzubahnen.

Was können wir von den Japanern lernen?
Es ist mir wichtig, die Japaner weder zu idealisieren noch zu verteufeln. Es gibt Eigenschaften wie die Gelassenheit und die Opferbereitschaft, an denen man sich ein Beispiel nehmen könnte. Kritisch sollte man die manchmal vorhandene politische Naivität und die Obrigkeitsgläubigkeit sehen.

(dhr)