Alltag in Japan

24. März 2011 14:12; Akt: 24.03.2011 14:58 Print

«Verstrahlt? In 20 Jahren werden wir es wissen»

von Karin Leuthold - Nach der Warnung vor radioaktivem Jod im Leitungswasser Tokios sind Wasserflaschen ausverkauft. Verwirrende Informationen verunsichern die Einwohner.

Die 35-jährige Immobilienmaklerin Reiko Matsumoto ist über die möglichen Auswirkungen des kontaminierten Leitungswassers auf ihre 5-jährigen Tochter Reina besorgt. (Video: APTN-Video)
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Die Behörden hatten am Mittwoch angeordnet, dass Babys in 23 Stadtteilen der japanischen Hauptstadt Tokio und in fünf weiteren Städten kein Leitungswasser mehr trinken sollten. Wenige Stunden später gab es in den Geschäften kaum noch abgefülltes Wasser in Flaschen zu kaufen. Viele Bewohner der Hauptstadt versuchten daraufhin, in Online-Shops Wasser zu bestellen.

Inzwischen ist das Wasser ausverkauft und die Supermärkte haben andere grundlegende Haushaltsartikel wie Milch, Reis oder Toilettenartikel rationiert, erzählt die Japanerin Michiko Watanabe gegenüber 20 Minuten Online. Auch die zahlreichen Getränkeautomaten in Tokio stehen leer. Die Stadtverwaltung von Tokio kündigte an, abgefülltes Wasser für rund 80 000 Familien mit Kindern unter zwölf Monaten bereitzustellen. Die Mineralwasser-Abfüllunternehmen wurden dazu aufgerufen, ihre Produktion hochzufahren.

In Tokio herrscht Fatalismus

Doch in Tokio herrscht grosse Verwirrung – vor allem aufgrund der widersprüchlichen Aussagen der Expertenschar, die rund um die Uhr im Fernsehen ihre Meinung äussert. Während einige meinen, die Leute sollten zu Hause bleiben und kein Leitungswasser sowie kein Gemüse zu sich nehmen, erklären andere, dass die Mengen Jod, die in die Wasser-Aufbereitungsanlage gelangten, «keine Folgen für den Menschen» hätten.

«Wir wissen nicht mehr, was wir davon halten sollen», erzählt Watanabe weiter. In Tokio herrsche derzeit eine Art Fatalismus. «Die Leuten haben resigniert. Sie sagen ‹wir können eh nichts machen›, also leben sie weiter mit ihrer Angst und schalten die Nachrichten ein.» Das Vertrauen in die Regierung haben inzwischen viele verloren. «Wir werden erst in 20 Jahren merken, ob das, was sie uns jetzt sagen, wahr ist oder nicht.»

Notfallkoffer immer bereit

Grosse Sorgen machen sich besonders ihre Freundinnen mit Kleinkindern. Sie befürchten, bald keine Milch mehr für ihre Kleinen vorbereiten zu können. Ans Wegziehen denkt aber kaum jemand. Die Firma, für die Watanabe arbeitet, das deutsche Transportunternehmen Schenker, habe die Kosten fürs Auslogieren von Müttern und Kindern übernommen. Die Männer bleiben in Tokio und arbeiten weiter. Was jedoch nicht für die deutschen Mitarbeiter gilt: «Die sind alle sofort ausgereist und arbeiten ausschliesslich von Deutschland aus.»

«In den ersten Tagen, nach dem Beben, sind viele Familie aus Tokio geflüchtet. Doch nach einer Woche kamen alle wieder zurück.» Trotzdem hält man sich für eine weitere Katastrophe bereit: «Mein Notfallkoffer steht bei der Tür. Und so wie ich haben alle nach dem Erdbeben ein ‹Fluchtkit› gepackt.»