Fall Kampusch Teil 11

28. Februar 2012 07:56; Akt: 16.04.2012 14:08 Print

Versteckt, vertuscht, perfekt vermarktet

von K. Leuthold/F. Burch - In sterreich wird ber die Widersprche im Fall Kampusch kaum berichtet. Erst jetzt wird zgerlich zitiert. Soll die sorgfltig aufgebaute Marke Kampusch nicht beschdigt werden?

Karl Krll, Bruder des toten Hauptermittlers, sowie die Politiker Werner Amon (VP) und Peter Pilz (Grne) ber die Rolle der Medien im Fall Kampusch.
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Nein, kein Druck, keine Drohungen, sagt ein Redaktor der Tageszeitung Kurier gegenber 20 Minuten Online, als er gefragt wird, ob er jemals daran gehindert worden sei, ber den Fall Kampusch zu berichten. Er habe weder von politischer Seite Einwnde gehrt, noch sei er von den Anwlten von Frau Kampusch zurckgepfiffen worden. Gleich ging es Jochen Prller von der Zeitung sterreich, einem anderen Journalisten, den 20 Minuten Online zur Berichterstattung und den journalistischen Mglichkeiten rund um den Kampusch-Fall befragt hat. Trotzdem kommt einem die Kampusch-Berichterstattung im Nachbarland merkwrdig vor, erst recht, seit ein Journalist, der auf Tondokumenten mit Ernst H.* zu hren ist, 20 Minuten Online zuerst drohend, dann flehentlich bittet (Ich werde verklagt), das Dokument ja nicht ffentlich zu machen.

Die Kampusch-Berichterstattung auf 20 Minuten Online, speziell der Bericht zum Zweifel am Selbstmord Priklopils, warf erst in Deutschland, dann auch im englischsprachigen Ausland schnell Wellen. Einzig die sterreichischen Medien, allen voran der Staatssender ORF und insbesondere die dominierende Boulevardzeitung Krone, blieben stumm.

Kaum draussen, wird Kampusch schon vermarktet

Dabei spielte vor allem der ORF unmittelbar nach dem Wiederauftauchen Natascha Kampuschs eine massgebliche Rolle. Im Staatssender wurde Kampusch in einem Exklusivinterview wenige Tage nach Verlassen ihres Verlieses am 23. August 2006 befragt. Hier wurde die Version einer jungen Frau prsentiert, die eigentlich die letzten acht Jahre mehr oder weniger im Dunkeln verbracht hatte und jetzt aufgrund ihrer an die Helligkeit nicht gewohnten Augen stndig blinzeln musste. Die ganze Welt nahm Anteil.

Der Umgang mit den Medien ist nach acht Jahren im Verlies wohl koordiniert und auf Tempo bedacht. Natascha Kampuschs Rechte werden von der mchtigen Wiener Anwaltskanzlei Lansky, Ganzger + Partner vertreten. Kampusch erteilt noch in der letzten Augustwoche 2006 den Anwlten eine persnliche Vollmacht, mit der unter anderem die Webadressen rund um den Namen Kampusch erworben werden. Zudem werden erste Verhandlungen fr das Exklusivinterview mit dem ORF und Vorgesprche fr eine Autobiografie gefhrt.

Vom Krankenbett direkt ins Rampenlicht

Zeit wird auch sonst nicht verloren. Unmittelbar nach der Flucht Kampuschs setzt die Vermarktungsstrategie ein. Wie Johann Rzeszut, ehemaliger Prsident des Obersten Gerichtshofs in Wien, in seinem vertraulichen Schreiben an die Parteivositzenden der fnf sterreichischen Parlamentsparteien vom 30. September 2010 ausfhrt, hat die Promotionskampagne bereits unmittelbar nach der Flucht auf Initiative der Anwaltskanzlei begonnen.

Natascha Kampusch wird nach den ersten Befragungen in ein Spital gebracht. Bereits am 1. September 2006 neun Tage nach der Flucht - gelangt ein Hinweis an die Polizei, dass die Kanzlei Lansky, Ganzger + Partner vorhabe, die eben Geflchtete aus dem Krankenhaus wegzubringen, da sie verschiedene Vertrge mit verschiedenen Medien in sterreich und Deutschland habe. Erst durch die tatkrftige Intervention von Personen aus dem damaligen Betreuerteam und der Polizei kann das Unterfangen unterbunden werden.

Kampusch-Anwalt und oberster Staatsanwalt sind enge Gesinnungsgenossen

Nachdem die Anwaltspartnerschaft Lansky/Ganzger die Vertretung von Natascha Kampusch bernommen hatte, wurde die Beziehung zwischen der Kanzlei und der staatsanwaltschaftlichen Fhrungsebene hinterfragt. Rechtsanwalt Gabriel Lansky und der zustndige Oberstaatsanwalt Werner Pleischl sind laut Insidern enge Gesinnungsgenossen und gehren ein und derselben parteipolitischen Akademikervereinigung an.

Immer wieder, wenn es darum ging, die offizielle Kampusch-Version gegen aufkommende Fragen zum Wahrheitsgehalt zu verteidigen, zeigte Pleischl, im Namen des Opferschutzes von Natascha Kampusch, viel Verstndnis. Den Angaben der Zeugin Ischtar A., die einen zweiten Tter gesehen hatte, wurde kein Glauben geschenkt und das Verfahren trotz weiterer Widersprche eingestellt. Zahlreiche Dokumente blieben unter Verschluss. Nicht einmal Sonderermittler Franz Krll soll Einsicht bekommen haben.

Kampuschs in den Medien verbreitete und vermarktete Version hatte dadurch Bestand. Dass Kampusch kaum bzw. nur kurzfristig im sogenannten Verlies gewesen sein knnte, sollte ebenso im Hintergrund bleiben wie die Tatzeugin Ischtar A., die mit ihrer Wahrnehmung von zwei Entfhrern nicht Recht haben durfte, weil sonst ein wesentlicher Teil der Opferversion zusammengebrochen wre, so eine Einschtzung aus sterreichischen Justizkreisen gegenber 20 Minuten Online.

Kein Vertrauen mehr in sterreich

Nach der Kampusch-Serie von 20 Minuten Online zieht nun auch der deutsche Spiegel nach - und zeigt dabei das Foto der Leiche von Wolfgang Priklopil, das 20 Minuten Online bereits am 8. Februar exklusiv verffentlichte. Die Geschichte wird jetzt auch in sterreich aufgenommen. Wie verunsichert die sterreichischen Medien in Bezug auf die Kampusch-Ermittlungen inzwischen sind, zeigt die Meldung, die unter anderem von der Kronen-Zeitung verbreitet wurde, dass die Ermittlungen vom FBI oder dem BKA bernommen werden knnten den eigenen Ermittlungsbehrden traut man offenbar nichts mehr zu.

Die Medien glauben den Ermittlungsbehrden nicht mehr und die sterreichischen Brger trauen den eigenen Medien entweder nichts mehr zu oder nicht mehr ber den Weg. Das Schweigen der sterreichischen vierten Gewalt und die offenbare Unfhigkeit, die Recherchen aufzunehmen, schrt ein grosses Misstrauen, das sich in zahlreichen Kommentaren auf 20 Minuten Online widerspiegelt. Matthias Egle kommentierte stellvertretend am Donnerstag: Ich komme aus sterreich und muss mich bei 20 Minuten Online bedanken, dass sie den Fall aufarbeiten, unsere Presse und Justiz sind dazu kaum in der Lage. Genauso wenig wird jetzt, nachdem sich 20 Minuten Online mit dem Fall beschftigt hat, darber berichtet, sondern alles totgeschwiegen. Armes sterreich!

Natascha Kampusch wollte keine Stellung zum Fall nehmen. Wolfgang Brunner, der ihre medialen Aktivitten koordiniert, schrieb 20 Minuten Online: Frau Kampusch gibt derzeit keine Interviews. Sie hat sich in hunderten Interviews zum Hergang ihrer Entfhrung geussert, ebenso handelt ihre Biografie davon.

Ernst H. - fr den die Unschuldsvermutung gilt - nahm zum Fall keine Stellung. Sein Anwalt Manfred Ainedter sagte zu 20 Minuten Online: Dazu knnen und wollen wir uns zurzeit nicht ussern.

*Name der Redaktion bekannt

Video: Mathieu Gilliand/20 Minuten Online (Mitarbeit: Guido Grandt, Udo Schulze)

Mit diesem Artikel beendet 20 Minuten Online die Serie ber die Widersprche im Fall Kampusch. Die Redaktion wird aber laufend und aktuell ber weitere Entwicklungen in der Causa Kampusch berichten.


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Ausgewählte Leser-Kommentare

Ein grosses Lob an 20Minuten, der Fall Kampusch wurde hier sehr ausfhrlich und ausgewogen dargelegt. Ich hoffe auch, dass die Artikel einiges Bewegung, und der Fall von der sterreichischen Justiz (oder evtl. externen Stellen) nochmals unabhngig aufgerollt wird. Momentan sind einfach zu viele Fragen offen, die auch ein schlechtes Licht auf einige Beteiligten werfen. – Dan Wi

Die Medien haben eine wichtige Funktion in der Kontrolle des staatlichen Gewaltmonopols und der Politik. Wie es scheint, haben die Medien in sterreich versagt, weil sie zu stark mit der Politik verbunden sind. Die Redaktion von 20 Minuten verdient deshalb Anerkennung, weil sie die Missstnde hartnckig aufdeckt. – Beruno Brtschi

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Toni am 28.02.2012 14:01 Report Diesen Beitrag melden

    Ein neues Gesicht.

    Bravo! 20 Minuten. Sie haben mich zum nachdenken gebracht. Ich habe diese Serie gespannt verfolgt. Jedoch war ich nicht sofort berzeugt. Aber die Beweise und Hinweise sind eindeutig. War sehr interessant!

  • rudolf fahrni am 28.02.2012 15:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    betruth

    Gratulation zu dieser serie!!!

  • Beruno Brtschi am 28.02.2012 13:45 Report Diesen Beitrag melden

    Funktion der Medien

    Die Medien haben eine wichtige Funktion in der Kontrolle des staatlichen Gewaltmonopols und der Politik. Wie es scheint, haben die Medien in sterreich versagt, weil sie zu stark mit der Politik verbunden sind. Die Redaktion von 20 Minuten verdient deshalb Anerkennung, weil sie die Missstnde hartnckig aufdeckt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • maRio am 29.02.2012 16:18 Report Diesen Beitrag melden

    Super!

    Ganz toll 20min, ihr seid meine Helden! Ihr kmpft fr Recht und Ordnung. Weiter so, lasst Frau Kampusch auf keinen Fall dieses Kapitel abhaken.

  • Woody Apple am 29.02.2012 12:53 Report Diesen Beitrag melden

    Mafise Strukturen

    Vielen Dank fr die ausfhrliche Berichterstattung! Wahnsinn, was da in abgeht. Bewute Vertuschung, Stillschweigen der Medien, Lobbying in der Justiz, Besachwaltung von Zeugen!!! Es war klar, dass die Wahrheit wenn berhaupt nur auf Druck vom Ausland ans Licht kommen wird. Wahrscheinlich wirds noch einen Sndenbock geben und ndern wird sich genau gar nichts.

  • Heinz am 29.02.2012 11:12 Report Diesen Beitrag melden

    Alles bestens, Fall abgeschlossen!

    Im Zusammenhang mit den bisher hier aufgezeigten Ungereimtheiten ist die ORF Sendung Zib 2 vom 27.2.2012 SEHR bemerkenswert. Motto: Fall abgeschlossen...

    • Peter Piltz am 01.03.2012 06:06 Report Diesen Beitrag melden

      Die ZIB 2 kann angeschaut werden ORF.at

      Werner Amon VP hat in dem Interwiev nicht den Eindruck gemacht! Finde es bemerkenswert wenn er als Steierer Politiker der am meisten beschuldigten Partei im Falle NK als Aufdecker gilt. Das ist meine Hoffnung, und nicht ein FPler, oder Grner. Der sprach von Cold Casses, "alter Fall" und ev FBI etc. . Hoffen wir, dass Licht in den Fall kommt.

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  • KarinY am 29.02.2012 10:18 Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    danke liebes 20 min. Team fr den informativen Beitrag. Ich, selbst aus sterreich stammend, bekomme es live mit, wie sterr. Medien parteiNAHE berichten MSSEN. Es gab vor kurzem einen Generalaufstand der Journalisten. Kein Wunder also, wird ber NK nicht berichtet.

  • M. K. am 28.02.2012 22:33 Report Diesen Beitrag melden

    Eigenen schreben sammeln, wre besser

    Jetzt hat ein Reporter von 20min Welt entdeckt, ber die Grenze. Was ist mit Fllen in der Schweiz? Wo ABSICHTLICH GELOGEN UND BETROGEN WIRD, damit auch komplette System versagt und niemand interesse hat was zu schreiben oder auf Entdeckerreise zu gehen, Detektiv spielen und solch ein Profil und vergleich, auch Bildlich zu rekonstruiren, dann Wahrheiten verffentlichen! Flle gibt es genug, aber Mut wenig. Alles was kollegen dort vorgeworfen wird, sollte man in eigenem Land besser und beste daraus machen. Sorry :-(

    • Marie am 29.02.2012 11:15 Report Diesen Beitrag melden

      Das stimmt schon

      Aber dieser Fall ist in sterreich passiert, jedoch von internationalem Interesse. Denn hchstwahrscheinlich zieht sich der Kreis der Beteiligten durch ganz Europa. Vielleicht kann man mit der Aufklrung auch in anderen Lndern - auch der Schweiz - Flle lsen. Hier geht es eventuell um internationalen Menschenhandel (mit Kindern noch schlimmer) und Kinderpornographie. Die Schweiz kann hier vielleicht auch profitieren, wie andere Lnder auch. Ausserdem sind vor allem die sterreicher froh, wenn sich auslndische Medien damit befassen. Die Grnde lasse ich lieber weg, sonst werde ich zensiert.

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