Natascha Kampusch

10. März 2013 19:31; Akt: 11.03.2013 14:16 Print

Warum hat sie immer ein Foto des Peinigers dabei?

von Karin Leuthold - Der Vater von Natascha Kampusch hinterfragt in einem neuen Buch das Martyrium seiner Tochter. Er denkt, dass sie ihren Entführer krankhaft liebte.

20 Minuten startete im Februar 2012 eine Serie, die den Fall Kampusch in ein neues Licht rückt. (Video: 20 Minuten Online)
Zum Thema
Fehler gesehen?

Ludwig Koch rechnet in «Vermisst - Die Suche eines Vaters nach Natascha Kampusch» mit seiner Tochter Natascha Kampusch ab. Als die 25-Jährige vergangene Woche erstmals von dem Buch erfuhr, reagierte sie empört. Nicht nur hatte ihr Vater hinter ihrem Rücken mit dem britischen Autor Alan Hall an einer neuen Version ihres Entführungsdramas gearbeitet, das Buch zweifelt in allen wesentlichen Aspekten an ihrer eigenen Darstellung.

Das Buch erscheint diese Woche auf Deutsch. Ein Exemplar liegt der Redaktion von 20 Minuten seit Freitag exklusiv vor.

«Vermisst» vertritt ähnliche Thesen, wie sie schon 20 Minuten in einer Spezialserie im Februar 2012 präsentierte. Ganz überraschend ist das nicht: Auch Ludwig Koch hatte Einsicht in bisher geheime Akten zur Causa. Zudem stand er in Kontakt mit dem Bruder des damaligen SOKO-Leiters Franz Kröll.

Der Chefermittler war im Januar 2010 trotz heisser Spur gezwungen worden, die Ermittlungen zu beenden. Sechs Monate später wurde der 59-Jährige tot auf der Terrasse vor seiner Wohnung aufgefunden. Er hatte sich durch einen Kopfschuss das Leben genommen. Seine privaten Notizen waren verschwunden. Koch glaubt, dass der Tod von Franz Kröll mit dem Fall seiner Tochter zu tun hat.

Augenzeugin berichtet von zwei Entführern

Die Aussagen der einzigen Augenzeugin der Entführung am 2. März 1998 werden in «Vermisst» zum grossen Thema: Ischtar A. erzählt von einem zweiten Mann, der am Steuer des weissen Lieferwagens sass, während Wolfgang Priklopil am Strassenrand Natascha Kampusch packte und in den Transporter zwang.

Kampusch hingegen behauptet bis heute, dass nur Wolfgang Priklopil an ihrer Entführung beteiligt gewesen sei. Ischtar A. erzählt in Kochs Buch, dass ihre Rolle als Zeugin ihr das Leben ruiniert habe. «Sie (die Entführer, Anm. der Red.) wissen, dass ich sie gesehen habe. In all den Jahren hatte ich Angst, dass sie zurückkommen, um mich zu holen», sagt sie.

Foto des Peinigers ständig dabei

In einem weiteren Kapitel wird die Beziehung zwischen Kampusch und Priklopil hinterfragt. Ludwig Koch glaubt, dass seine Tochter bis heute noch in Gefahr ist. Wieso erzählt sie nicht die ganze Geschichte? Sollten nur «die Hälfte aller Vermutungen wahr sein», dann sei er sich sicher, dass Natascha bedroht oder erpresst wurde, meint Koch.

Natascha rede einerseits vom «Verbrecher», andererseits trage sie ständig ein Bild von Priklopil mit sich. Ist die Beziehung der beiden zu einer Art Liebe oder Abhängigkeit mutiert und schweigt Natascha darum, um «Priklopils Geheimnisse zu beschützen?», fragt sich der Vater.

Bester Freund «ist Schlüssel des Rätsels»

Die Rolle von Priklopils bestem Freund, Ernst H.*, beschäftigte Ludwig Koch von Beginn an. Heute reflektiert er entsetzt, wieso er selber im Laufe der Ermittlungen in Handschellen endete, während H. nicht nur kein einziges Mal richterlich befragt wurde, sondern «heute ein reicher Mann ist». Es soll seine Tochter Natascha gewesen sein, die H. geholfen habe, an Priklopils Erbe zu kommen. «Eigentlich wäre doch das alles für sie gewesen», glaubt Koch.

Kampuschs Vater fordert, dass H. unter Eid erklärt, wieso er in Priklopils Haus ging, kurz nachdem seine Tochter geflüchtet war und der Täter sich umgebracht hatte. Ludwig Koch ist überzeugt, dass H. ein «aktives» zweites Mitglied der Entführung ist.

Drei Versionen, eine Geschichte

Im März 2012 reichte Koch gar eine Zivilrechtsklage gegen H. ein. Ernst H. müsse seit 1998 über die Entführung informiert gewesen sein, habe es aber unterlassen, die Polizei zu informieren. Dadurch sei das Leid von Natascha Kampusch und ihrer Familie verlängert worden, wird in den Gerichtsunterlagen behauptet.

Mit Kochs Buch erscheint nun eine dritte Version der Kampusch-Geschichte. Kampuschs Mutter Brigitta Sirny hatte kurz nach Nataschas Flucht am 23. August 2006 ein Buch über die Zeit ohne ihre Tochter geschrieben.

FBI und BKA ermitteln

Darin bezweifelt auch sie den Wahrheitsgehalt der Täter-Opfer-Beziehung ihrer Tochter zum Entführer. Die Causa Kampusch liegt seit einigen Wochen in den Händen internationaler Fahnder des FBI und des deutschen BKA. Ob die Wahrheit jemals ans Licht kommt, scheint dennoch fraglich.