Heikle Aufgabe

22. März 2011 16:56; Akt: 22.03.2011 17:41 Print

Wer ist Freund, wer ist Feind?

Kampfpiloten sollen das Leben von libyschen Zivilisten schützen. Diese aus dem Cockpit von Rebellen und regulären Truppen zu unterscheiden, ist nicht ganz einfach.

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Auf den westlichen Kampfpiloten über Libyen lastet grosser Druck. Zivile Todesopfer sind inakzeptabel und doch schwierig zu vermeiden. (Archivbild: USAF/SSgt Jeffery Allen)

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Der Auftrag der Allierten in Libyen klingt simpel: Zivilisten beschützen. Doch in der konkreten Ausführung birgt er grosse Risiken. Sollten bei den Luftangriffen Zivilisten nicht beschützt, sondern versehentlich getötet werden, würde das die breite Unterstützung für die Militärintervention strapazieren. Weder die europäische noch die arabische Öffentlichkeit werden zivile Todesopfer lange hinnehmen.

Dieser enorme Druck lastet letztlich auf den Kampfpiloten, die in diesen Tagen Einsätze gegen die libysche Armee fliegen. Nachts auf 6000 Metern über Meer und mit knapp 1000 Kilometern pro Stunde unterwegs müssen sie zwischen regulären Einheiten, Rebellen und Zivilisten unterscheiden.

Die Piloten haben sehr restriktive Einsatzregeln bekommen und sollen «zurückhaltende» Entscheidungen treffen, zitiert die «Huffington Post» einen ungenannten Vertreter des US-Verteidigungsministeriums. «Wir können es uns einfach nicht erlauben, möglicherweise jene Menschen zu treffen, die wir beschützen sollen», sagte er.

Libyen schwieriger als Afghanistan

Im Hinterkopf steckt immer Afghanistan, wo zivile Opfer wiederholt für Unmut in der afghanischen Bevölkerung und Regierung gesorgt haben. Die Bedingungen in Libyen sind sogar noch schwieriger: Hier fehlen Bodentruppen, die den Piloten Augenzeugeninformationen liefern können.

«Das grösste Dilemma der modernen Kriegsführung ist zwischen Kämpfern und Zivilisten zu unterscheiden. Früher trugen Soldaten Uniformen und es gab Regeln», sagte Loren Thompson vom Think Tank Lexington Institute gegenüber der «Huffington Post». All das gelte heute nicht mehr. «Ein, zwei Fehltreffer können die gesamten Kriegsanstrengungen zunichte machen.» Im Zweifelsfall heisst das wohl, den Einsatz abzubrechen. Grossbritannien hatte in der zweiten Nacht der Militärintervention einen Luftangriff gestpoppt. Es hatte sich herausgestellt, dass sich an dem angepeilten Ziel auch Zivilisten aufhielten.

Im Fall Libyen kommt ein weiterer Faktor erwschwerend hinzu: Die reguläre Armee und die Rebellen benutzen dieselben alten russischen Waffen und Fahrzeuge. Manche Waffen der Rebellen aus den Arsenalen im Osten des Landes sind allerdings noch älter als jene der Gaddafi-treuen Truppen im Westen. Das gibt den Piloten immerhin einen Hinweis.

«Im Besprechungszimmer einfacher als im Cockpit»

Angenommen der Pilot weiss, mit wem er es zu tun hat, hat er ein zweites Problem: Was ist der Unterschied zwischen einem bewaffneten Zivilisten (schutzbefohlen) und einem Rebellen (nicht-schutzbefohlen)? Was sollte ein Pilot tun, wenn Rebellen reguläre Truppen angreifen und dabei Zivilisten in Gefahr bringen? «Es ist keine klare Unterscheidung», gab US-General Carter Ham, der Oberkommandierende der Alliierten, am Montag bei einer Pressekonferenz zu. «Manchmal sind diese Strategien im Besprechungszimmer einfacher als im Cockpit eines Flugzeugs», seufzte er.

In ihren Kampfflugzeugen vom Typ F-15E und F-16 verfügen die amerikanischen Piloten über ein modernes Navigations- und Zielsystem. Video- und Infrarotsensoren liefern ihnen Tag und Nacht Nahaufnahmen vom Boden in vergleichbarer Qualität wie eine Predator-Drohne. Ein US-Pilot in Afghanistan sagte gegenüber der «Huffington Post», dass die Sensoren seiner F-15E so gut seien, dass er die Hände eines Aufständischen an dem Baum sehen könne, hinter dem er sich versteckt. Gleichzeitig zeigte er sich skeptisch, dass das in Libyen viel bringt.Die USA haben im Einsatz in Libyen ihren ersten Kampfjet verloren. Das Wrack ist in einem Feld in der Nähe von Bengasi gefunden worden. (Video: APTN-Video; 22.03.2011)

(kri)