Libyen vor Bürgerkrieg

04. März 2011 20:18; Akt: 21.03.2011 15:53 Print

Gaddafi und die Loyalität der Söldner

von Hamsa Hendawi, AP - Über Libyen hängt das Schreckgespenst eines langen, blutigen Bürgerkriegs. Es könnte noch Monate dauern, Staatsführer Muammar Gaddafi von der Macht zu vertreiben.

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Der spätere libysche Diktator Muammar al-Gaddafi wurde im in oder nahe der Stadt Sirte geboren. Schon früh legte er einen ausgeprägten Machtinstinkt an den Tag. putschte der ehrgeizige junge Offizier mit einer Gruppe von Gesinnungsgenossen den libyschen König Idris I. vom Thron. Am Radio verkündete der 27-jährige Oberst am den unblutig verlaufenen Machtwechsel und rief die Arabische Republik Libyen aus. Gaddafi wurde Revolutionsführer und unumschränkter Herrscher über die junge libysche Republik. Gaddafi (l.) mit arabischen Führern: PLO-Chef Arafat, der sudanesische Präsident Numeiri, der ägyptische Präsident Nasser, der saudische König Faisal und der Scheich von Kuwait, Al Sabah (v.l.). Gaddafi hätte gern eine panarabische Union geschmiedet, doch seine Anstrengungen scheiterten. Auch der ägyptische Präsident Sadat (l.) und dessen syrischer Amtskollege Assad konnten nicht für das Vorhaben gewonnen werden. Im Westen verfolgte man die Entwicklung im ölreichen Libyen mit Interesse. schaffte es Gaddafi erstmals auf das Cover des amerikanischen Magazins «Time». Die Verstaatlichung von Banken und Ölindustrie entsprach sowohl den arabisch-nationalistischen wie auch den sozialistischen Elementen der «Grünen Revolution» Gaddafis. Bild: Der Revolutionsführer 1975 mit dem jugoslawischen Präsidenten, Marschall Tito. Aber die libysche Spielart der Revolution war auch islamisch inspiriert: Im ab 1973 publizierten «Grünen Buch» formulierte Gaddafi einen dritten Weg neben Kapitalismus und Kommunismus. gab Gaddafi sein Amt als Generalsekretärs des Allgemeinen Volkskongresses ab, blieb als Revolutionsführer aber de facto der allmächtige Herrscher über Libyen. Gaddafi war stets ein Feind Israels. Er liess jüdischen Besitz enteignen und verfügte, dass alle Schulden, die Nichtjuden bei Juden hätten, hinfällig seien. Nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung verliess Libyen trotz eines Ausreiseverbots. Neben anderen militanten Gruppen unterstützte Gaddafi auch die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO). Am besuchte er den bei einer Notlandung in der libyschen Wüste verletzten PLO-Führer Arafat an dessen Krankenbett. Der Diktator hat seine Macht mit den üblichen Mitteln gefestigt: Verbot der Opposition, repressive Polizei und Aufbau eines Personenkults. Genoss Gaddafi anfänglich im Westen noch Respekt wegen seiner anscheinend selbstlosen Lebensweise, wurde er mit seiner Unterstützung des Terrorismus ab Anfang der 1980er-Jahre bald zum Ausgestossenen. Der Bombenanschlag auf die bei Amerikanern beliebte Berliner Diskothek «La Belle» 1986 ... ... war einer der Gründe für die amerikanische Bombardierung libyscher Städte im April 1986. Rund hundert Menschen kamen dabei ums Leben, Gaddafi selber wurde verletzt. Auch die Residenz des Diktators wurde getroffen; in den Trümmern starb Hanna, die Adoptivtochter Gaddafis (nach anderen Quellen soll er das Kind erst postum adoptiert haben). Ein Mahnmal vor der Ruine erinnert an den Angriff. wurden bei einem Anschlag auf Pan-Am-Flug 103 über dem schottischen Lockerbie 270 Menschen getötet. Der Verdacht fiel schnell auf Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes. Das Land geriet international zunehmend in die Isolation. Nach dem Lockerbie-Anschlag verhängte die UNO erfolgreich Sanktionen gegen Libyen. 1999 schwörte Gaddafi dem Terrorismus ab und lieferte die beiden Verdächtigen aus. 2003 übernahm Libyen die volle Verantwortung für den Lockerbie-Anschlag. Gaddafi zahlte hohe Abfindungen an die Hinterbliebenen. Offener Protest gegen das Regime war lange Zeit nur im Ausland möglich. Im Bild eine Demonstration in Paris anlässlich von Gaddafis Staatsbesuch im Als Gaddafi der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen abgeschworen hatte, war er auf dem diplomatischen Parkett kurzfristig wieder willkommen. Besonders mit dem italienischen Premier Silvio Berlusconi (r.) verband ihn eine tiefe Freundschaft. Allerdings gab es auch nach der internationalen «Rehabilitierung» immer wieder Misstöne, wenn der Wüstensohn im Westen zu Besuch war. Beispielsweise im Jahr in Frankreich, als Präsident Nicolas Sarkozy für seinen unkritischen Empfang des Diktators harsch kritisert wurde. Den Höhepunkt seiner Rehabilitierung erlebte der Revolutionsführer am G-8-Gipfel im im italienischen L'Aquila, als es zum Handschlag mit US-Präsident Barack Obama kam. Trotz der Normalisierung der Beziehungen blieb Gaddafi unberechenbar und stiess das Ausland immer wieder vor den Kopf. So auch im , als er nach der Verhaftung seines Sohns Hannibal in Genf die beiden Schweizer Max Göldi (r.) und Rachid Hamdani in Tripolis als Geiseln nahm. Die Geiselaffäre zog sich über zwei Jahre hin. Verschiedene diplomatische Initiativen der Schweiz, aber auch der EU blieben erfolglos, und Gaddafi liess Max Göldi erst frei, nachdem Bundesrätin Micheline Calmy-Rey sich am persönlich bei ihm für die Behandlung Hannibals in Genf entschuldigt hatte. Rachid Hamdani konnte Libyen bereits fünf Monate zuvor verlassen. Im erreichte der Arabische Frühling Libyen: Wie in anderen Ländern der arabischen Welt gingen Demonstranten mit Forderungen nach politischen Reformen auf die Strasse. Gaddafi liess die Proteste brutal unterdrücken. Am verabschiedete der UNO-Sicherheitsrat eine Resolution zur Einrichtung einer Flugverbotszone über Libyen. In der Folge unterstützten Nato-Jets die Rebellen mit Tausenden Luftangriffen auf die Gaddafi-Truppen. Mit dem Einmarsch der Rebellen in die Hauptstadt Tripolis schienen die Tage von Gaddafis Herrschaft über Libyen gezählt zu sein. Am gaben die Truppen des Nationalen Übergangsrats bekannt, dass sie Muammar Gaddafi gefasst und seine Geburtsstadt Sirte eingenommen haben. Die Bilder des getöteten Diktators gingen um die Welt.

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Das Schicksal des ölreichen Landes dürfte davon abhängen, wie lange Gaddafis Truppen, Söldner und die Stämme Libyens, die noch auf seiner Seite sind, ihre Loyalität zu ihm beibehalten - und natürlich davon, ob der Westen militärisch im Land eingreift.

Ein langer Konflikt im Wüstenstaat könnte Libyen ruinieren, das Land entlang von Stammesgrenzen aufsplittern und noch viele weitere der sechs Millionen Einwohner zu Flüchtlingen machen. Gaddafi hat bisher in keiner Weise Ambitionen gezeigt, sich zurückzuziehen. Stattdessen hat er geschworen, bis zum Ende zu kämpfen.

«Gaddafi hat wenig Spielraum. Im besten Fall könnte er auf Asyl im Tschad oder in Simbabwe hoffen», sagt Marina Ottaway, Nahost-Direktorin beim US-Think Tank Carnegie Endowment. «Die wichtigste Frage ist, wie lange es Menschen gibt, die gewillt sind, ihn zu verteidigen.»

Auch US-Aussenministerin Hillary Clinton meinte in dieser Woche, das Land «könnte eine friedliche Demokratie werden oder sich mit einem langwierigen Bürgerkrieg konfrontiert sehen».

Westen könnte Pattstellung beenden

Die internationale Gemeinschaft könnte die Entscheidung bringen, doch sie ringt noch um eine gemeinsame Position im Bezug auf ein militärisches Eingreifen. Russland dürfte sich weiterhin gegen eine Flugverbotszone über Libyen stellen, was ein gemeinsames Vorgehen unter UN-Mandat unmöglich macht. Viele politische Analysten glauben zudem, dass die USA und Europa auch angesichts der Einsätze in Afghanistan und im Irak keine neue Front in Libyen öffnen wollen.

Doch Gaddafis martialische Drohungen könnten diese Dynamik ändern, sagt Anthony Cordesman vom Zentrum für Strategische und Internationale Studien in Washington. «Wenn er diese Drohungen wahr macht, wird er den Westen zwingen, sich deutlicher einzuschalten.»

Das derzeitige Patt zwischen Gaddafis Truppen und den Regimegegnern wurde in dieser Woche am Kampf um den strategisch wichtigen Ölhafen Brega, 740 Kilometer östlich von Tripolis, deutlich. Regierungssoldaten hatten die Stadt kurzfristig von den Rebellen zurückerobert, bevor sie wieder in die Flucht geschlagen wurden. Und auch näher an der Hauptstadt wurden die Gaddafi-Kämpfer immer wieder von Einwohnern zurückgeschlagen, die sich mit desertierten Soldaten verbündet hatten.

Waffen plünderten die Rebellen aus den Munitionslagern des libyschen Heers und dort liegen immer noch Unmengen an Material ungenutzt, sagt Anthony Cordesman. Denn Gaddafis 50.000 Mann starkes Heer ist zu klein und zu schlecht ausgebildet, um die riesigen Waffenreserven auch zu nutzen.

Gaddafi hielt sein Heer schwach

Das hat einen Grund. Denn Gaddafi hat seine Streitkräfte bewusst geschwächt, um einen möglichen Militärputsch zu verhindern - mit einem solchen kam auch er 1969 an die Macht. Vielmehr investierte er in seine loyalen Milizen und Söldner aus dem Ausland, die ihn umgeben. Sein Schicksal ruht bei diesen Kämpfern, vor allem bei der Brigade, die Gaddafis Sohn Chamis leitet, sagt Nordafrika-Experte George Joffe. «So lange sie loyal bleiben, kann er überleben», sagt Joffe, der an der Universität von Cambridge lehrt. Doch angesichts der internationalen Sanktionen könnte Gaddafi das Geld für seine Söldner ausgehen.

Einer von Gaddafis Söldnern aus dem Nachbarland Mali sieht das Geld hingegen nicht als Kriterium. «Wir Ausländer haben keine grosse Wahl, wir müssen Gaddafi unterstützen. Wegen ihm sind wir hier. Wenn wir irgendwie das Land verlassen könnten, würden wir das tun.» Seinen Namen will der Mann aus Angst vor Vergeltungsmassnahmen im Telefongespräch mit der Associated Press nicht nennen, doch eine weitere Einschätzung fügt er hinzu: «Der einzige Weg zu einem Sturz Gaddafis ist, dass ihm jemand eine Kugel in den Kopf jagt. Und das kann ich mir nicht vorstellen. Die Soldaten um ihn würden das niemals zulassen.»