Nervöse Anleger

22. Februar 2011 17:10; Akt: 21.03.2011 16:47 Print

Libyen-Krise schüttelt Börsen durch

Die Unruhen in Libyen lassen die Märkte verrückt spielen: Die Preise für einzelne Aktien fallen, der Ölpreis steigt. Anleger flüchten sich in den Franken und den Dollar.

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Die Aktien des in Zug ansässigen Raffineriebetreibers Petroplus sackten im Verlauf des Dienstags um rund sechs Prozent ab. Händler sagten, sie befürchteten, dass die Lage im Krisengebiet den gesamten Ölsektor längere Zeit negativ beeinflussen könnte. Der Leitindex der Schweizer Börse, der Swiss Market Index (SMI), verlor im Verlaufe des Morgens um über ein Prozent und lag am Nachmittag noch 0,7 Prozent tiefer. Auch der EuroStoxx50 für die Euro-Zone verlor bis am Nachmittag 0,8 Prozent, die US-Börsen gingen mit Verlusten in den Handel. Am Morgen waren bereits die Börsen in Asien auf Talfahrt gegangen.

Die Weiterentwicklung ist kaum vorhersebar. Klar ist aber: Bleibt die Angst, bleibt die Unsicherheit und damit damit verbunden auch ein höherer Preis für Öl. Im Verlaufe des Dienstag stiegen die Rohöl- Preise jedenfalls bereits auf den höchsten Stand seit zweieinhalb Jahren.

Vor allem die US-Ölsorte WTI verteuerte sich drastisch: Mit 94.49 Dollar kostete ein Fass zeitweise 9,6 Prozent mehr als noch am Montagabend und damit so viel wie seit Oktober 2008 nicht mehr. Die für Europa massgebliche Nordseeöl der Sorte Brent kostete mit 108.18 Dollar je Fass um 2,3 Prozent mehr als am Vorabend.

Kein Engpass in der Schweiz

Doch auch wenn der Preis steigt: Die Versorgung in der Schweiz ist gemäss der Erdölvereinigung (EVUP) nicht gefährdet. «Wir sind nicht von Libyen abhängig», sagt Philippe Cordonier, Leiter Brennstoffe bei der EVUP. Nur circa 10 Prozent des Rohöls, das in die beiden Schweizer Raffinieren fliesse, stamme aus Libyen.

Die totale Menge (Libyen und restliche Welt) aus diesen beiden Werken deckt auch nur ein Drittel des gesamten Schweizer Verbrauchs. Zwei Drittel sind fertige, importierte Produkte. «Wir sind am Markt sehr flexibel», erklärte Cordonier.

«Libyen allein produziert nicht soviel Öl, als dass es dadurch Engpässe geben könnte, selbst wenn das Land völlig kollabiert», sagt auch Rohstoffanalyst Carsten Fritsch von der Commerzbank.

Das nordafrikanische Land fördere rund 1,6 Millionen Fass Öl am Tag, während die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) Reserven von sechs Millionen Fass habe. «Es geht also mehr um die Angst, dass die Unruhen auf Länder wie Algerien, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate überspringen.»

Libyen ist der drittgrösste Ölproduzent in Afrika. Wegen der Unruhen fiel die Förderung um geschätzte 100 000 Fass am Tag, also sechs Prozent der Gesamtproduktion.

Inflationsangst

Die Angst spiegelt sich auch in den Wechselkursen. Wie häufig in Krisenzeiten haben sich die Anleger wieder auf die Weltleitwährung besonnen und Dollar gekauft oder sich in den Schweizer Franken geflüchtet. Am Nachmittag kostet ein Dollar noch 0.9407 Franken (-0,65 Prozent), der Euro gab in gleicher Grössenordnung nach auf 1.2864. Gegenüber dem Dollar rutschte der Euro um mehr als einen US-Cent auf 1.3540 Dollar ab, nachdem er sich am Vortag noch ganz gut behauptet hatte.

«Die Unsicherheit bezüglich der Situation in Nordafrika und dem arabischen Raum schürt Risikoaversion», sagte ein Devisenexperte. Doch die Kursverlust könnte auch mit der Inflationsgefahr zusammenhängen, die durch den steigenden Ölpreis entsteht.

Bei einem steigenden Ölpreis mit gleichzeitig fallendem Wechselkurs erhöhen sich nämlich die Energiekosten für Unternehmen aus dem Nicht-Dollar-Raum erheblich. In der Schweiz wird die Preiserhöhung abgeschwächt durch den starken Franken.

(sda)