Flüchtlingsdrama

04. März 2011 14:11; Akt: 21.03.2011 16:17 Print

«Dem Tod von der Schippe gesprungen»

von Hadeel al Schalchi, AP - Hunderttausende Menschen strömen aus dem umkämpften Libyen. Flüchtlinge erzählen von ihrem steinigen Weg in die Freiheit.

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Aus Libyen nach Tunesien geflohene Ausländer erzählen Horrorgeschichten von brutaler Einschüchterung durch Gefolgsleute von Staatschef Muammar al Gaddafi. Der ägyptische Seemann Taher Nasri und seine Kollegen wurden an einer Tankstelle angehalten und aus dem Auto geholt. «Sie zerrten uns aus dem Auto, liessen uns niederknien und feuerten auf den Boden neben uns, um uns Angst einzujagen.»

Nasri kommt mit dem Leben davon, doch wie so viele andere Flüchtlinge, die schliesslich die tunesische Grenze erreichten, steht er unter schwerem Schock.

Tausende in Libyen lebende Ägypter, Inder, Türken und Tunesier haben seit vergangener Woche die Flucht ergriffen. Mit sich tragen sie die wenigen Besitztümer, die ihnen geblieben sind, sowie die Erinnerungen an die Gewalt, die Libyen erfasst hat. Bereits zu Beginn der Flüchtlingswelle in der Vorwoche überquerten pro Tag mehr als 7000 Menschen die Grenze nach Tunesien, erzählt Khaled Fakeeh, ein Mitarbeiter des Roten Halbmonds. Sie erhalten Decken gegen den eisigen Wind, Suppe und Brot, bevor sie in Notunterkünfte gebracht werden.

Zu Fuss über die Grenze

Viele von ihnen sind zu Fuss an die Grenze gekommen. So wie der ägyptische Bauarbeiter Ali Mohammed. Fünf Tage lang hatte er sich in seinem Haus in der umkämpften Stadt Sawija verschanzt, so lange, bis seine Vorräte aufgebraucht waren. Von draussen hörte er Schreie und Gewehrschüsse. Schliesslich mieteten er und andere Arbeiter für rund 115 Euro - zehnmal so viel wie üblich - einen Wagen.

Drei Kilometer vor der Grenze wurden sie mit all ihrem Gepäck vom Fahrer abgesetzt, erzählt Mohammed, sie mussten den restlichen Weg zu Fuss zurücklegen. An der zu diesem Zeitpunkt noch von den libyschen Streitkräften kontrollierten Grenze wurden Mohammed und seine Kollegen von Soldaten aufgehalten und die lange Flucht hätte beinahe ein Ende genommen. «Wir mussten sie schliesslich bestechen, um über die Grenze zu kommen.»

Einige Kilometer von der libysch-tunesischen Grenze entfernt stellen sich Ägypter an einem Wasserschlauch an, um sich die Gesichter zu waschen. In dem Flüchtlingscamp, das die tunesische Armee aufstellen liess, finden 5000 Menschen Platz. Die Unterkünfte an der Grenze konnten die Flüchtlingsmassen längst nicht mehr aufnehmen. Das Rote Kreuz, Pfadfinder, die tunesische Gewerkschaft, alle haben freiwillige Ärzte, Krankenschwestern und Helfer organisiert, die sich um die Flüchtlinge kümmern.

Drei Tage in der Wüste versteckt

Auch eine kleine Gruppe Inder ist unter den Menschen, die hier betreut werden. Sie hatten auf einem Ölfeld der Firma BP in der Sahara in der Küche gearbeitet. «Alles lief normal und dann eines Tages wurde uns gesagt, wir sollten einfach nur weglaufen. Wir wussten gar nicht, wer die Angreifer waren», sagt Anthony Caruz.

Drei Tage lang mussten sie sich in der Wüste verstecken, bevor ihre Firma ein Rettungsflugzeug schicken konnte. In der Zwischenzeit wurden ihre Unterkünfte geplündert, zerstört, all ihr Hab und Gut gestohlen. «Es war traumatisierend. Wir konnten nicht schlafen, wir waren panisch, liefen in der Wüste, ohne zu wissen, wohin, so weit weg wie möglich. Wir sind dem Tod von der Schippe gesprungen», erzählt Caruz und versucht seine Tränen zurückzuhalten.

Laufend kommen in dem Camp an der Grenze neue Hilfslieferungen an. Eine Gruppe von Lehrern aus der Provinz Sidi Bouzid, wo im Dezember die massiven Unruhen in Tunesien ausgebrochen waren, bringt Essen und Medikamente. «Wir waren das erste Land der Revolution», sagt Hassan Adi, einer der Organisatoren der Hilfslieferung. «Wir haben die Pflicht, unseren libyschen Brüdern zu helfen... bei ihrer Rebellion.»

Araber beschwören Einheit

Auch die Ägypter danken den Tunesiern für die Solidarität. Während sie auf Busse zum nächsten Flughafen warten, rufen sie Parolen der arabischen Einheit und verdammen das Gaddafi-Regime, das sie aus ihrer Wahlheimat vertrieben hat. Wenig später kommt bereits eine neue Hilfslieferung an, die «Karawane des Sieges». Auf den Lastwagen ist Gaddafis Kopf in einer Schlinge zu sehen. 18 Lastautos prall gefüllt mit Essen und Medikamenten hat Mohammed ben Mohammed durch eine Spendenkampagne via SMS und Facebook organisiert und sie von Tunis bis an die Grenze gebracht. Immer wieder stiegen junge Männer zu und brachten neue Hilfslieferungen.

«Wir, als Tunesier, entdecken uns nach dem Sturz von Ben Ali neu», sagt Mohammed stolz. «Unsere Führer haben stets versucht, uns Araber zu trennen, aber dieses Ereignis hat bewiesen, dass wir zusammenstehen können.»