Libyen

18. Februar 2011 15:20; Akt: 21.03.2011 17:28 Print

Polizei stoppt Demonstranten

Libyens Präsident Gaddafi klammert sich an die Macht. In der Stadt Benghasi liess er die Polizei gegen Demonstranten aufmarschieren. Er selber liess sich in Tripolis von Anhängern feiern.

In mehreren Städten Libyens gingen die Leute auf die Strasse. (Video: YouTube/ Al Jazeera)
Zum Thema
Fehler gesehen?

Ein massives Polizeiaufgebot hat am Freitag in der libyschen Stadt Benghasi für Ruhe gesorgt, nachdem es zu schweren Zusammenstössen zwischen Sicherheitskräften und Gegnern von Machthaber Muammar al-Gaddafi gekommen ist. Unklar blieb die Lage in der Stadt Al-Baida.

Nach Angaben von libyschen Oppositionsgruppen im Exil übernahmen dort Regierungsgegner die Kontrolle über die Stadt im Osten des Landes. Einige Polizisten hätten sich in Al-Baida auf die Seite der Protestierenden geschlagen, teilten zwei Exilgruppen in Genf mit.

Lage unklar

«Al-Baida ist in der Hand des Volkes», sagte ein Sprecher der Gruppe «Libysche Menschenrechtssolidarität» der Nachrichtenagentur Reuters. Die Gruppe «Libysches Komitee für Wahrheit und Gerechtigkeit» bestätigte die Darstellung.

Beide Gruppen beriefen sich auf telefonische Kontakte in die 250 000 Einwohner zählende Stadt. Ein unabhängige Bestätigung gab es nicht. Das Ausmass der Proteste in Libyen ist schwer abzuschätzen, da die Medien einer strengen staatlichen Zensur unterliegen.

Wut und Trauer

In der Hafenstadt Benghasi hatten in der Nacht mehrere tausend Regierungsgegner gegen die Tötung von Demonstranten durch Sicherheitskräfte bei früheren Kundgebungen demonstriert.

In Benghasi, im östlichen Landesteil Cyrenaika, ist der Widerstand gegen Gaddafi besonders stark. Die Region fühlt sich vom Präsidenten vernachlässigt, da ein Grossteil der Erlöse aus dem Verkauf der reichen Erdölvorkommen in den Westen des Landes fliesst.

Ein Bewohner Benghasis berichtete, die Auseinandersetzungen in der Nacht seien sehr schwer gewesen: «Ich hörte Schüsse. Ich sah eine Person niederstürzen.» Einen Überblick über die Opferzahlen habe er aber nicht.

Bis zu 50 Tote

Unklar blieb die genaue Opferzahl seit Beginn der Proteste am Dienstag. Soziale Netzwerke berichteten von bis zu 50 Toten. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) töteten Sicherheitskräfte mindestens 24 Demonstranten.

Polizisten hätten auf Demonstranten geschossen, um die Mengen auseinanderzutreiben, erklärte die Menschenrechtsorganisation am Freitag unter Berufung auf Augenzeugen. Demonstranten haben die Möglichkeit, per SMS Kundgebungen und Übergriffe der Polizei zu melden, die dann in einer Google-Map übertragen werden.

Die schwersten Zusammenstösse hätten sich in Al-Baida ereignet. Das Personal des dortigen Spitals habe zusätzliches Material angefordert, nachdem rund 70 mit Schusswunden verletzte Demonstranten eingeliefert worden seien. In Bengasi sollen mit Messern bewaffnete Männer in Zivil unter den Sicherheitskräften gewesen sein.

(Quelle: APTN-Video)

Auftritt von Gaddafi

Machthaber Gaddafi selbst zeigte sich am Freitag kurz vor Anhängern auf einem Platz in der Hauptstadt Tripolis, Er liess sich feiern, gab aber keine Stellungnahme ab.

Gaddafi ist bereits seit mehr als 40 Jahren an der Macht. Viele Libyer beklagen Arbeitslosigkeit, Ungerechtigkeit und begrenzte politische Freiheiten. Gleichwohl halten Beobachter einen Volksaufstand wie im Nachbarland Ägypten für unwahrscheinlich. Denn die libysche Führung kann den Öl- und damit auch den Geldhahn aufdrehen und die meisten sozialen Probleme mildern.

Offenbar will der Staatschef nun einen seiner Söhne im Zentrum des Aufstands zum Rechten sehen lassen. Die libysche Zeitung «Al-Watan» meldete, Al-Saadi al-Gaddafi - international bisher vor allem als Spieler bei italienischen Fussballvereinen aufgefallen - wolle nach Benghasi umziehen. Der 37-Jährige soll dort einen Aktionsplan zur Verbesserung der Infrastruktur umsetzen.

Anti- und Pro-Demos in Libyen

(Video: YouTube/Reuters)

(sda/ap)