Libyen

20. Februar 2011 09:57; Akt: 21.03.2011 17:25 Print

«Heute hat sich eine Tragödie abgespielt»

Gaddafis Schergen gehen weiter brutal gegen Demonstranten vor. Söldner veranstalten in Benghasi ein Massaker. Einige Soldaten hätten sich mit Demonstranten verbündet.

In mehreren Städten Libyens gingen die Leute auf die Strasse. (Video: YouTube/ CNN)
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Sniper schiessen in die Protestmenge, sogar aus Helikoptern wird auf die Menschen geschossen. Mit Hämmern und Schwertern greifen Gaddafis Schläger offenbar die Bevölkerung an. Es sind die schwersten Unruhen in Gaddafis 40-jähriger Herrschaft.

Der Leiter der Intensivstation eines Spitals in Benghasi, der zweitgrössten Stadt des Landes, sagte, 50 Menschen seien am Sonntag getötet worden, rund 100 weitere seien schwer verletzt. «Heute hat sich eine echte Tragödie abgespielt», berichtete der Arzt per Telefon gemäss einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters.

In der Hafenstadt versammelten sich erneut Zehntausende Menschen, um gegen den libyschen Machthaber Muammar Gaddafi zu protestieren. Teile der Streitkräfte sollen sich den Aufständischen angeschlossen haben. Einige Städte Libyens sollen laut Oppositionellen ganz oder zum Teil «befreit» sein, wie die Nachrichtenagentur dpa meldete.

Unruhen auch in Tripolis

Gemäss einem Bericht des arabischen Fernsehsenders Al-Dschasira kam es am Sonntag auch in der libyschen Hauptstadt Tripolis zu Zusammenstössen zwischen Tausenden Demonstranten und Gaddafi-Unterstützern. Ein Hotelangestellter sagte der Nachrichtenagentur Reuters, es gebe Unruhen. Augenzeugen berichteten von Schüssen und brennenden Autos.

Eine unabhängige Bestätigung für die Berichte gab es nicht. Journalisten ist der Zugang verwehrt. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hatte am Sonntagnachmittag noch von 173 Demonstranten berichtet, die seit Dienstag getötet wurden. Allein am Samstag sollen es 90 gewesen sein.

Ein Spitalarzt aus Benghasi, wo sich die heftigsten Zwischenfälle ereigneten, berichtete von mindestens 200 Demonstranten, die von Einsatzkräften getötet wurden. Die Website «Libya al-Youm» sprach am Sonntag von 208 Toten.

Experten: Sturz Gaddafis unwahrscheinlich

Experten halten es für unwahrscheinlich, dass die Proteste zum Sturz Gaddafis führen könnten. Im Osten des Landes, wo die Stadt Benghasi liegt, ist die Unterstützung für den Machthaber von jeher geringer als in anderen Landesteilen.

Libyens Regierungschef Al-Baghdadi al-Mahmudi rechtfertigte am Sonntagabend das Vorgehen. Libyen habe das Recht alle Massnahmen zu egreifen um die Einheit des Landes zu bewahren. Er sprach bei einem Treffen mit den EU-Botschaftern von terroristischen Destabilisierungsplänen, wie die libysche Nachrichtenagentur Jana berichtete.

Mitglieder eines arabischen «Netzwerks» festgenommen

Die libyschen Behörden haben am Samstag nach eigenen Angaben dutzende Mitglieder eines arabischen «Netzwerks» zur Destabilisierung des Landes festgenommen. Zu der Gruppe hätten Tunesier, Ägypter, Sudanesen, Palästinenser und Syrer sowie Türken gehört.

Die in mehreren Städten des Landes festgenommenen Agenten seien ausgebildet gewesen, «die Stabilität Libyens, die Sicherheit der Bürger und die nationale Einheit» zu beschädigen, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Jana. Die Ermittler schlössen nicht aus, dass Israel hinter dem Netzwerk stecke, berichtete Jana.

Den Festgenommenen wird demnach «Anstiftung zu Plünderungen und Sabotage, etwa durch Brandstiftung in Spitälern, Banken, Gerichten, Wachen der Polizei und der Militärpolizei sowie öffentlichen und privaten Gebäuden» vorgeworfen.

Mit Verweis auf die seit Dienstag anhaltenden landesweiten Unruhen schrieb Jana, die Verdächtigen hätten versucht, aus Polizeistationen Waffen zur eigenen Verwendung zu erbeuten.

Verurteilung aus Washington, London und Brüssel

Die US-Regierung zeigte sich tief besorgt über die Lage in Libyen. Es gebe glaubhafte Berichte über Hunderte Tote, sagte der Sprecher des Aussenministeriums, P.J. Crowley. Washington habe mehreren Spitzenvertretern der Regierung in Tripolis, darunter Aussenminister Mussa Kussa, verdeutlicht, dass man tödliche Gewalt gegen friedliche Demonstranten klar verurteile.

Die Regierung in Tripolis müsse sich an ihre Selbstverpflichtung halten und wie versprochen das Recht auf friedliche Demonstrationen schützen. Sicherheitskräfte, die sich dem widersetzten, müssten zur Verantwortung gezogen werden.

Auch Grossbritannien forderte die Regierung in Tripolis zu Reformen und einem Dialog mit den Demonstranten auf. Das harte Durchgreifen der Regierung sei inakzeptabel und werde weltweit verurteilt, sagte Aussenminister William Hague am Sonntag Seif al Islam, einer der Söhne Gaddafis, in einem Telefonat.

EU-Aussenministerin Catherine Ashton ermahnte am Sonntagabend Libyen zum Ende der Gewalttätigkeiten. Ashton zeigte sich anlässlich eines Sondertreffens von EU-Aussenministern zur Lage in der islamischen Welt beunruhigt über die Entwicklung in Libyen. Dieser Einschätzung schlossen sich die Minister an.

Als Reaktion auf die Kritik drohte Gaddafis Regime der EU damit, afrikanische Flüchtlinge ungehindert nach Europa reisen zu lassen.


Anti- und Pro-Demos in Libyen

(Video: YouTube/Reuters)


(Quelle: APTN-Video)

(rub/aeg/sda/ap)