Aufstand in Libyen

21. Februar 2011 15:08; Akt: 21.03.2011 16:51 Print

«Gaddafi ist kein Bruder mehr»

von Peter Blunschi - Für Muammar al Gaddafi wird es eng, denn die Libyer wissen, was ihnen beim Scheitern der Revolte droht. Es kursieren Gerüchte, der Diktator sei geflüchtet.

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Muammar Gaddafi lässt sich im libyschen Fernsehen feiern (l.), doch das Volk wünscht seinen Sturz: «Nieder mit Gaddafi und dem Regime» besagt die Aufschrift in der Oppositions-Hochburg Bengasi. (Bild: Keystone)

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Der libysche Botschafter in China, Hussein Sadik al Musrati, behauptete am Sonntagabend gegenüber dem Fernsehsender Al Jazeera, Gaddafi sei nicht mehr im Land und befinde sich auf der Flucht Richtung Venezuela. Erhärten liess sich das Gerücht bislang nicht, die Situation in Libyen ist schwer durchschaubar. Und doch mehren sich die Indizien, dass das Land dem seit 42 Jahren anhaltenden eisernen Griff Gaddafis entgleiten könnte.

So griffen die Proteste auf die Hauptstadt Tripolis über. In der Nacht auf Montag kam es zu schweren Kämpfen, mehrere Regierungsgebäude wurden verwüstet. Der Genfer Nahost-Spezialist und Libyen-Kenner Hasni Abidi sieht darin ein alarmierendes Signal für den Gaddafi-Clan, wie er am Sonntag in der Tagesschau des Westschweizer Fernsehens erklärte: «Wenn sich Tripolis bewegt, befindet sich das Regime in einer sehr schwierigen Lage, denn es möchte die Hauptstadt als Hort der Ruhe bewahren.»

«Verzweifelte Rede eines verzweifelten Sohnes»

Gaddafis Sohn Saif al Islam versuchte es am Fernsehen mit Zuckerbrot und Peitsche: Einerseits drohte er mit einem Bürgerkrieg, andererseits kündigte er Reformen an. Marwan Bishara, leitender Polit-Analyst von Al Jazeera, sprach von «einer verzweifelten Rede eines verzweifelten Diktatoren-Sohnes, der das libysche Volk mit der Drohung eines Blutbads zu erpressen versucht». Dies könnte der Anfang eines «Albtraum-Szenarios» für Libyen sein, befürchtet der Kommentator.

Die meisten Beobachter sind überzeugt, dass Muammar al Gaddafi niemals freiwillig das Feld räumen wird, wie es seine Kollegen in Tunesien und Ägypten getan haben. «Für Gaddafi heisst es: Töten oder getötet werden», sagte der in London lebende Schriftsteller Ashur Shamis dem «Guardian». Nun sei er «zum Töten entschlossen». Gleichzeitig mehren sich jedoch Berichte, wonach Soldaten und Polizisten zu den Demonstranten übergelaufen sind, vor allem in Bengasi, der Hochburg der Gaddafi-Opposition.

Stämme drohen mit Ölstopp

BBC-Nahostkorrespondent John Leyne zeigte sich in seiner Analyse überzeugt, dass Saifs Ansprache die Anstrengungen der Libyer, das Regime zu stürzen, nur verstärken werde: «Sie wissen, dass sie mit furchtbarer Vergeltung rechnen müssen, wenn sich Oberst Gaddafi an der Macht halten kann.» Tatsächlich hat sich der «Revolutionsführer» in der Vergangenheit immer wieder grausam an Aufständischen gerächt. «Nach mehr als 40 Jahren Terrorherrschaft sind wir entschlossen, Gaddafi zu entmachten», bekräftigte ein Regimegegner aus Yafran, rund 160 Kilometer südwestlich von Tripolis, auf Al Jazeera.

Ungemach droht dem Diktator auch von mächtigen Stämmen: Der Clan der Warfala mit rund einer Million Angehörigen, einem Sechstel der libyschen Bevölkerung, hat sich den Protesten angeschlossen: Ein Anführer sagte, Muammar Gaddafi sei «kein Bruder mehr», er müsse das Land verlassen. Der Anführer des Suwaija-Stammes im Osten Libyens drohte, die Erdölexporte würden «innert 24 Stunden» gestoppt, wenn die Unterdrückung nicht aufhöre. Das Öl ist die mit Abstand wichtigste Einnahmequelle der Regierung. Ausserdem sollen rund 50 libysche Muslimführer die Sicherheitskräfte aufgefordert haben, keine Zivilisten mehr zu töten.

Noch ist es zu früh, Nachrufe auf Gaddafis Herrschaft zu verfassen. Die meisten Experten bleiben skeptisch, noch immer kann er die Revolte in Blut ertränken. Doch wie in den Nachbarländern scheint das Volk die Angst vor einem despotischen Regime verloren zu haben. «Libyen ist nicht Tunesien oder Ägypten», betonte Saif al Islam in seiner Rede mehrfach. Seine Untertanen sind drauf und dran, ihn eines Besseren zu belehren.