Proteste gegen Gaddafi

22. Februar 2011 13:09; Akt: 21.03.2011 17:20 Print

Wie Herr Kolb aus Libyen flüchtete

Der in Zürich lebende Bohrmonteur C. Kolb arbeitete in der libyschen Wüste. Später fand er sich mitten im Aufstand wieder. Für 20 Minuten Online schildert er seine Flucht.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

«Vor drei Wochen flog ich mit einem Arbeitskollegen nach Libyen. Für ein deutsches Bohrtechnik-Unternehmen sollten wir auf einer Bohrstation 450 Kilometer südlich von Bengasi Instandhaltungsarbeiten machen. Ich war nicht beunruhigt. Schliesslich arbeitete ich bereits im Januar und Juli 2009 in Libyen, das lief alles glatt.

Danach sah es auch diesmal aus. Mit Zwischenhalt in Tripolis flogen wir nach Bengasi, wo alles ruhig war. Wir lösten dort unseren «Desert Passport», ohne den man nicht in die Wüste darf. Die folgenden zweieinhalb Wochen gingen wir auf der Erdölbohrstation in der Wüste unserer Arbeit nach.

Familien in Sicherheit bringen

Am Donnerstag lasen wir auf 20 Minuten Online, dass es in Bengasi Unruhen gebe. Wir fragten unseren Arbeitgeber in Deutschland, ob er das bestätigen könne. Die Firma antwortete, dass es Unruhen gebe, wir sollten noch abwarten.

Die Arbeiter der Bohrstation waren aber schon unruhig. Am Freitag, als die Lage eskalierte, waren sie dermassen in Sorge um ihre Familien in Bengasi, dass sie für die Arbeit nicht mehr zu gebrauchen waren. Die arabische Arbeitswelt ist streng hierarchisch. Weil das Management den Arbeitern keine Befehle mehr gab, liefen sie am Freitagmorgen planlos durch die Bohrstation. Wir liessen sie gehen, damit sie ihre Familien in Sicherheit bringen konnten.

Denunzianten

Die Leute dort unten sind wirklich arme Schweine. Alles Geld fliesst nach Tripolis, dort ist alles neu und schön. Aber in Bengasi und den Wüstenstädten leben die Leute auf der Strasse. Ich habe Verständnis für den Aufstand. Ob unsere Arbeiter aufseiten der Demonstranten waren, weiss ich nicht. Sie waren verschlossen. Es habe unter den Kollegen viele Denunzianten, sagten sie uns.

Am Samstagmorgen wollten wir zum Flughafen Bengasi, um von dort aus über Tripolis nach Hause zu fliegen. Aber die Strassen zum Flughafen waren gesperrt, wir kehrten wieder zurück. Unser Arbeitgeber und das libysche Management der Bohrstation arbeiteten mehrere Evakuationspläne für uns aus. Wir entschieden uns für einen Flug von einem Wüstenflugplatz nach Tripolis.

Geisterstadt

Am Sonntagabend kamen wir in der Hauptstadt an. Es war gespenstisch. Normalerweise herrscht ein heilloses Gehupe und Gewusel auf den Strassen. An diesem Abend war niemand auf den Strassen von Tripolis.

Wir checkten im Hotel ein, in dem wir jedes mal wohnen, ein schönes Viersternhotel im Zentrum, in dem vor allem Geschäftsleute absteigen. Wir waren die einzigen Gäste. Der junge Rezeptionist, der aufseiten der Demonstranten stand, sagte uns, gestern sei ziemlich was los gewesen.

Wir beschlossen, das Hotel nicht zu verlassen. Das Essen nahmen wir im Hotelrestaurant ein, in dem wir die einzigen Gäste waren. Der Kellner kam mit der Speisekarte an unseren Tisch, zeigte auf einige wenige Gerichte und sagte, er habe nur noch diese anzubieten. Man könne kaum mehr Lebensmittel beschaffen.

Brennende Müllcontainer

Um zehn Uhr gingen wir ins Bett. Etwa um halb zwei weckte uns ein Knall. Wir zogen uns an und fuhren mit dem Lift in den achten Stock des Hotels, von wo man eine Panoramaaussicht über Tripolis hat.

Da wurde uns richtig mulmig zumute. Auf den engen Strassen vor dem Hotel hatten die Demonstranten die Kontrolle übernommen. Es kam mir vor wie im Mittelalter. Sie waren mit Baseballschlägern, Heugabeln und Schaufeln bewaffnet. Alle hundert Meter errichteten sie Strassensperren und kontrollierten die Autos. Sie füllten Müllcontainer mit Sprit und zündeten sie an, damit die Autos langsamer fahren mussten. Vielleicht fürchteten sie verdeckte Polizisten.

Wie im Krieg

Die Ordnungskräfte sah ich nicht. Aber irgendwo in der Nähe ratterte ein Maschinengewehr. Hinter dem Hotel stand ein Gebäude in Flammen. Die ganze Stadt war von Rauch vernebelt. Es war wie im Krieg.

Wir gingen wieder hinunter in unsere Zimmer, denn oben waren wir perfekte Zielscheiben. Wir konnten nicht wirklich einschlafen. Am Montagmorgen holte uns eine Gesandtschaft unserer Firma ab und fuhr uns zum Flughafen, der ausserhalb von Tripolis liegt.

Unterwegs sah ich ausgebrannte Autos, vor allem aber riesige Autoschlangen, die vor Tankstellen und Supermärkten standen. Die Leute wollten sich mit Vorräten für die kommenden Tage eindecken.

Chaos am Flughafen

Von der Friedensbrücke aus, die Gaddafi einst baute, sahen wir Rauch aufsteigen, wie man auf den Fotos sieht. Auf einer Seite der Brücke standen Jeeps mit aufmontierten Maschinengewehren und Soldaten. Sie liessen uns passieren.

Beim Flughafen herrschte das reinste Chaos. Verkehrspolizisten versuchten den Verkehr zu regeln, vergebens. Es war ein einziges durchquetschen. Im Gebäude selbst herrschte ein tierisches Gedränge. Nicht nur Ausländer wollten weg, sondern auch viele Einheimische.

Kopilot verschwunden

Wir hatten Glück, dass wir ein Business-Class-Ticket hatten. Kroatische Geschäftsleute, mit denen wir ins Gespräch kamen, hatten nur ein Economy-Ticket ohne nummerierte Sitzplätze. Die waren nicht sicher, ob sie es rausschafften. Einen Platz ergatterte nur, wer schnell genug beim Gate war.

Im Warteraum am Gate trafen wir einen Geschäftsmann aus Singapur, der seit Sonntagmittag auf einen Flug nach Dubai wartete. Der Flieger stand zwar längst bereit, aber der Kopilot war verschwunden.

Wir hatten Glück, unsere Maschine startete mit nur einer Stunde Verspätung. Gestern Nachmittag kam ich müde und froh in Zürich an.»

Aufgezeichnet von Joel Bedetti