Aufstand in Libyen

22. Februar 2011 14:39; Akt: 21.03.2011 16:48 Print

Söldner kämpfen Gaddafis letztes Gefecht

von Peter Blunschi - Der libysche Diktator lässt schwer bewaffnete Söldner auf sein Volk schiessen. Die Menschen aber haben ihre Angst verloren, das Regime zerfällt.

Soldaten und ausländische Söldner kontrollieren die Strassen von Tripolis. (Video: YouTube)
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Was genau in Libyen abläuft, ist unklar, die Kommunikation ist gestört oder unterbrochen. Ein namentlich nicht genannter Korrespondent der BBC berichtete, in der Hauptstadt Tripolis sei es ruhig, die Truppen von Oberst Gaddafi hätten die Kontrolle übernommen. Wer auf die Strasse gehe, riskiere die Verhaftung. Bengasi dagegen sei in den Händen der Opposition, sie habe Komitees gebildet, die das öffentliche Leben organisierten.

Zahlreiche Soldaten sind offenbar zu den Regimegegnern übergelaufen. In Tripolis dagegen haben Eliteeinheiten wie die berüchtigte 32. Brigade, die von Gaddafi-Sohn Chamis kommandiert wird, mit Unterstützung von Söldnertruppen zumindest vorläufig die Oberhand behalten. Die aus schwarzafrikanischen Ländern wie Niger und Tschad stammenden Kämpfer, die für Geld angeheuert wurden, sollen laut dem TV-Sender Al Jazeera skrupellos und teilweise mit schweren Waffen auf Demonstranten geschossen haben.

Totaler Informations-Blackout

Auch in Bengasi hetzte Gaddafi die Söldner auf das Volk, doch sie wurden überwältigt und vertrieben. In Tripolis und den Vororten wird die Lage als angespannt und chaotisch beschrieben. «Wir können niemandem vertrauen, überall sind bewaffnete Söldner, die grundlos auf uns schiessen», berichtete eine Familie einem französischen Radiosender. Eine junge Frau berichtete dem «Guardian» per Mail von einem «totalen Informations-Blackout». Die allgemeine Stimmungslage bewege sich zwischen «Hoffnung, Angst und Freude».

Trotz brutaler Gewalt, trotz Rückschlägen scheinen die Libyer aber ihre Furcht vor dem einst übermächtigen Regime zu verlieren. «Die Libyer waren verängstigt, aber nachdem sie Blut sahen, haben sie keine Angst mehr, sie sind wütend», sagte Ali Zeidan, Sprecher der libyschen Menschenrechtsliga in München, dem «Guardian». Jeder kenne jemanden, der getötet oder verwundet worden sei, deshalb seien alle sehr zornig.

Auf Angst gebaut

«Gaddafis grösser Fehler war, dass er sein Regime auf reine Angst gebaut hat», sagte Omar Amer, ein in London lebendes Mitglied des auf Facebook aktiven Libyan Youth Movement, der «Los Angeles Times». Diese Angst sei nun verschwunden, «und sie war seine letzte Zuflucht». Gaddafi habe es vollständig aufgegeben, Libyen zu zivilisieren, und Bildung und Entwicklung vernachlässigt. «Er liess die Mehrheit seines Volks im Dunkeln leben und baute seine Macht auf Folter und die öffentliche Tötung von Dissidenten», sagte Amer.

Mit jährlichen Einnahmen aus dem Ölgeschäft von 50 Milliarden Dollar und nur etwa sechs Millionen Einwohnern müsste Libyen eigentlich ein reiches Land sein. Doch viele vor allem junge Menschen leben in Armut, Schulen und Spitäler sind in einem schlechten Zustand. «Es gibt ein starkes Gefühl unter den Jungen, dass sie nichts haben: Kein Leben, keine Jobs, keinen Sport, kein Internet, keine Unterhaltung, gar nichts», sagte Ali Zeidan.

Die Geschichte wiederholt sich

Es ist das gleiche Frustpotenzial wie in den meisten Ländern in Nordafrika und im Nahen Osten. Noch ist der libysche Machtkampf nicht entschieden, Beobachter warnen davor, den Gaddafi-Clan vorzeitig abzuschreiben. Gleichzeitig meldete ein Bankangestellter namens Ahmed dem «Guardian» per Mail, dass sich auch die 7. und 9. Brigade der libyschen Armee den Aufständischen angeschlossen hätten. Es soll sich um dieselben Einheiten handeln, die 1969 Oberst Gaddafis Putsch gegen König Idris angeführt hatten.