Interview

30. März 2011 18:55; Akt: 30.03.2011 18:56 Print

«Das war die Euphorie des Vormarsches»

von Kian Ramezani - Der Vormarsch der libyschen Rebellen gerät ins Stocken. Der ehemalige deutsche Nato-General Walter Jertz erklärt warum - und weshalb Gaddafi doch fallen wird.

Bildstrecke im Grossformat »
Die Libysche Luftwaffe ist hoffnungslos veraltet - und von den betagten Maschinen wie hier vom Typ Mig-21 (Nato-Codename Fishbed) sind viele nicht einsatzbereit. Das sowjetische Jagdflugzeug hatte seinen Jungfernflug bereits 1959 und ist mit Exemplaren der meistgebaute Kampfjet weltweit. Die Mig-25 «Foxbat» wurde von der Sowjetunion eigentlich als Abfangjäger und Aufklärer konzipiert, doch Libyen liess sich auch eine Bomber-Variante des Typs liefern. 2006 wurden die letzten fünf Maschinen eingemottet und durch ... ... die Mig-29 «Fulcrum» ersetzt. Die sowjetische Antwort auf die F-15 und F-16 der NATO ist sehr wendig. Libyen bestellte die 1998 modernisierte SMT-Version. Die Mig-23 «Flogger» kann dank schwenkbarer Flügel sehr langsam fliegen und eignet sich für die Bekämpfung von Bodentruppen. Erstflug war 1969. Die Su-24 «Fencer» ist ebenfalls ein Jagdbomber im Dienste Gaddafis. Eine der libyschen C-130 «Hercules»-Transportmaschinen des US-Herstellers Lockheed soll über dem nordafrikanischen Land angeschossen worden sein. Die modernsten Maschinen Libyens sind die französischen Mehrzweckflieger Mirage F-1. Zwei libysche Piloten setzten sich zu Beginn der Libyen-Krise mit zwei dieser Maschinen nach Malta ab. Als Transporthelikopter nutzt die libysche Luftwaffe den Mi-14 «Haze». Und auch die einzige Gefahr für NATO-Flieger kommt von einem Hubschrauber: ... ... Seit 1969 verbreitet der sowjetische Mi-24 «Hind» Angst und Schrecken. Weil die schwerbewaffneten Helikopter unter der Radarhöhe auf ihre Opfer warten und sie mit Luft-Luft-Raketen angreifen können, stellen sie für fremde Piloten die einzige Bedrohung dar. Warum die lybische Luftwaffe nicht den Hauch einer Chance gegen ihre Widersacher hat, kann anhand des US-Standardbombers F-15 «Eagle» erklärt werden. Der Jet wurde zwar schon 1975 in Dienst gestellt, doch die Technik wurde laufend aktualisiert. Und damit sind vor allem Radar und Lenkwaffen gemeint: ... ... Die US-Jets «sehen» ihre Opfer lange, bevor die sie überhaupt bemerken. Durch die hohe Reichweite der Luft-Luft-Raketen hat die F-15 den Widersacher möglicherweise sogar schon abgeschossen, bevor der selbst überhaupt in Schussweite kommt. Ausserdem kann das Flugzeug sehr hoch fliegen, was einen Abschuss weiter erschwert. Als erste im libyschen Luftraum waren die Franzosen. Sie operieren von französischen Stützpunkten und vom Flugzeugträger «Charles de Gaulle» aus. Vom Flugzeugträger aus starten Jets vom Typ Rafale-Marine, der seinen Jungfernflug 1986 absolvierte. Ausserdem ist der Marineflieger Super-Étendard-Modernisé Teil des «Charles de Gaulle»-Waffenarsenals. In Sachen Frühwarnung und elektronische Aufklärung müssen die Franzosen auf ein US-Produkt setzten: Die Grumman E-2 «Hawkeye» kann das gegnerische Radar stören und überwacht den Luftraum. Last but not least hat die «Charles de Gaulle» Helikopter vom Typ AS 565 «Panther» an Bord. Die USA und Grossbritannien haben ihre Angriffe mit «Tomahawk»-Cruise-Missiles begonnen, die von Zerstörern und U-Booten abgeschossen werden. Die Ziele wurden zuvor wahrscheinlich von sehr hoch fliegenden U-2-Aufklärern gesichtet. Auch die bewaffnete Drohne «Global Hawk» kann Marschflugkörper abfeuern. B-2-Tarnkappenbomber (vorne mittig) bringen Bomben und Cruise Missiles nach Nordafrika. Vom Flugzeugträger «USS Enterprise» im Roten Meer können F-18 Kampfbomber (vorne neben der B-2) starten. Die grösste Luftfahrt-Nation neben den USA und Frankreich, die im libyschen Luftraum patroulliert, ist Grossbritannien. Britische Soldaten setzen Tornado-Kampfbomber ein. Auch der Jäger Eurofighter Typhoon kommt am Himmel über Tripolis zum Einsatz. Bei der Royal Air Force kommt auch das Seeaufklärungs- und U-Boot-Jagdflugzeug Nimrod, das auch in Grossbritannien entwickelt wurde, zum Einsatz. Zur Luftüberwachung setzen die Briten auf ihre Sentinel-Flotte. Die niederländische Luftwaffe hilft mit ihrer Luft-Allzweckwaffe F-16, das Flugverbot über Libyen durchzusetzen. Katar hat Mirage-2000-Kampfflugzeuge im Einsatz. Die Arabischen Emirate beteiligen sich ebenfalls: Neben der Mirage 2000 verfügt die Monarchie auch über F-16-Jets. Die NATO mit ihren AWACS-Aufklärern den Luftraum und die meisten Einsätze.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Truppen des libyschen Machthabers Muammar Gaddafi sind am Mittwoch weiter auf Positionen der Aufständischen im Ölhafen Ras Lanuf vorgerückt. Die Regierungstruppen beschossen Aufständische nach deren Angaben entlang der Küstenstrasse nach Tripolis und stoppten damit ihren Vormarsch.

20 Minuten Online befragte Walter Jertz, Generalleutnant a.D. der deutschen Luftwaffe, über die Gründe dieser neuerlichen Wendung, ob weitere Luftschläge der Alliierten nötig sind und wie man zivile von militärischen Todesopfern unterscheiden kann. Walter Jertz war während des Kosovokriegs 1999 militärischer Pressesprecher der Nato und ist heute Buchautor.

20 Minuten Online: Zu Beginn der alliierten Luftschläge sah es danach aus, als können die libyschen Rebellen die Unterstützung nicht zu ihrem Vorteil nutzen. Dann machten sie plötzlich riesige Geländegewinne. Wo sehen sie die Gründe für diesen Umschwung?
Walter Jertz: Die Truppen Gaddafis standen damals kurz vor Bengasi im Osten des Landes, waren also über ein grosses Territorium gedehnt. Die ohnehin langen Nachschubwege wurden durch die alliierten Luftschläge unterbrochen. Dem Gegenangriff der Rebellen hatten sie mittelfristig nicht mehr viel entgegen zu setzen.

Ist das der Grund, warum der Gegenangriff bereits wieder ins Stocken gerät?
Das ist in der Tat so, Gaddafis Truppen sind jetzt nicht mehr gedehnt und können ihre Kräfte wieder konzentrieren, zumal an Orten weiter westlich, wo sie über Depots verfügen. Ausserdem können sie militärisches Gerät in zivile Gebiete bringen, um dieses vor Angriffen zu schützen.

Noch vorgestern liessen die schnell vorrückenden Rebellen verlauten, sie brauchen die Unterstützung aus der Luft gar nicht mehr. Teilen Sie diese Einschätzung?
Das war wohl die Euphorie des Vormarsches und das Gefühl der Überlegenheit angesichts der Desertationen in den Reihen von Gaddafis Truppen. Ich teile diese Einschätzung nicht. Die Rebellen sind aufgrund ihrer mangelhaften militärischen Ausrüstung und Ausbildung weiterhin auf Hilfe aus der Luft angewiesen.

Hat es Waffenlieferungen an die Rebellen gegeben?
Das wurde an der Libyen-Konferenz gestern in London hinter vorgehaltener Hand andiskutiert. Offiziell lässt das UNO-Mandat Waffenlieferungen nicht zu. Ich gehe davon aus, dass sich einige darüber hinwegsetzen, vielleicht sogar um Geschäfte zu machen, doch dafür gibt es derzeit keine Beweise. Generell lässt sich sagen, je mehr Soldaten Gaddafis zu den Rebellen überlaufen, desto mehr moderner werden deren Waffen.

Die Alliierten gehen vermehrt gegen Stellungen und Panzer Gaddafis vor. Braucht es dazu Sondereinheiten auf dem Boden?
Grundsätzlich gilt: Je präziser die Aufklärung vor Ort, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, ein Ziel zu treffen – und nur dieses. Dazu sind Sondereinheiten natürlich hervorragend geeignet und vermutlich sind solche eingesickert. Offiziell lässt das UNO-Mandat Bodentruppen allerdings nicht zu.

Hätten Sie als Luftwaffen-Kommandant einen solchen Einsatz ohne Sondereinheiten gutgeheissen?
Das ist eine politische Entscheidung und das Militär muss mit den verfügbaren Mitteln und unter den spezifischen Bedingungen seinen Auftrag erfüllen. Ich persönlich habe den Eindruck, dass die Aufklärungsarbeit der Alliierten sehr gut war.

Vielleicht hatten die Alliierten Hilfe von den Rebellen.
Das glaube ich weniger. Wenn überhaupt von übergelaufenen Fliegerleitoffizieren, die über die nötige militärische Ausbildung verfügen. Ob das so geschehen ist, wissen wir aber nicht.

Wird Gaddafi fallen?
Da bin ich mir sicher. Er wird hoffentlich bald erkennen, dass es so nicht weitergehen kann. Gewisse alliierte Kreise wollen ihn vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag bringen. Andere bieten ihm Exil an. Ich persönlich halte es nicht für klug, ihm heute schon zu sagen, er könnte dereinst wie der ehemalige serbische Präsident Slobodan Milosevic enden. Mit der Pistole an der Brust wird ein Einlenken Gaddafis sehr unwahrscheinlich.

Die USA behaupten, Gaddafi gebe seine gefallenen Soldaten als getötete Zivilisten aus. Was halten Sie davon?
Das lässt sich nicht ausschliessen. Gaddafi könnte die Zahlen aufbauschen in der Hoffnung, dass die internationale Allianz gegen ihn daran zerbricht.

Wie überprüft man denn, ob Tote Zivilisten oder Soldaten sind?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus dem Kosovokrieg. Einmal hatte die Nato dort angeblich ein Krankenhaus bombardiert. Journalisten wurden in die sogenannten «Gräuelbusse» gepackt und hingefahren, damit sie Fotos machen können. An der blütend weissen Rot-Kreuz-Fahne, die offenbar nachträglich auf die Ruine gepflanzt wurde, konnte man erkennen, dass es sich vermutlich nicht um ein Krankenhaus handelte und die Toten folglich auch keine Zivilisten waren.

Wie realistisch ist die Annahme, bei den Luftangriffen der Alliierten seien keine Zivilisten ums Leben gekommen?
Militärische Aktionen ganz ohne zivile Todesopfer sind tatsächlich nicht realistisch, auch wenn der Westen alles versucht, sie zu vermeiden. Man sollte das akzeptieren und nicht behaupten, es gebe keine.

Wie beurteilen Sie das Verhalten der deutschen Regierung in der Libyen-Frage?
Wir haben das Primat der Politik, hinter der die militärische Komponente zurücktritt. Als Soldat hätte ich mir gewünscht, dass sich Deutschland bei der Abstimmung im UNO-Sicherheitsrat anders verhalten hätte. In der Nato haben wir uns damit ein bisschen isoliert und das ist nie gut. Wenn man in den entscheidenden Gremien nicht dabei ist, kann man auch nicht mitbestimmen.

Wie realistisch wäre es denn gewesen, ja zu stimmen und dann militärisch doch nicht mitzumachen?
Das ist natürlich eine schwierige Frage. Ich finde es einfach eine unklare Haltung, sich der Stimme zu enthalten, obwohl man weiss, dass es zum Krieg kommen wird. Wenn man wirklich gegen den Krieg ist, sollte man mit nein stimmen. Die deutsche Regierung hat sich hier nicht klar genug positioniert beziehungsweise hat nicht deutlich genug gemacht, dass sie grundsätzlich alle Massnahmen gegen Gaddafi unterstützt. Das war eine politische Entscheidung, die ich als Demokrat mittrage. Ob ich sie gut finde, ist eine andere Frage.