Libysche Waffenschmiede

20. Juni 2011 23:04; Akt: 21.06.2011 07:46 Print

Improvisation ist alles

von Hadeel al Shalchi, AP - Der Hass auf Diktator Gaddafi lässt aus Schneidern Waffenschmiede werden. Von Granaten und Munition haben sie keinen blassen Schimmer – tödlich sind ihre Waren trotzdem.

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Im Stahlwerk arbeitete Aref Abu Seid mit Schwermaschinen. Jetzt leitet der Techniker eine Mannschaft von 80 Leuten, die zwölf Stunden am Tag Waffen herstellen. Ingenieure, Mechaniker und Geschäftsleute betreiben in der Rebellenhochburg Misrata die improvisierten Rüstungsschmieden für den Aufstand gegen Muammar al Gaddafi, der zum Bürgerkrieg geworden ist.

«Keiner von uns hier hat irgendetwas mit dem Militär zu tun», sagt Abu Seid, ein freundlicher 50-Jähriger mit graumeliertem Bart. «Dass wir unser Heim, unser Leben und unsere Stadt schützen mussten, hat uns zu dieser Kriegsarbeit gezwungen.»

In Misrata befindet sich das grösste Stahlwerk des Landes, die Libyan Iron and Steel Company. An Metall herrscht hier kein Mangel. «Besitzer von Materiallagern haben einfach ihre Tore geöffnet», berichtet Abu Seid. «Sie sagten uns: 'Nehmt, was ihr wollt.' Andere bringen uns stapelweise Geld, damit wir kaufen können, was wir brauchen.»

Zu Beginn der Kämpfe in Misrata reparierten Mechaniker Waffen zu Hause und in der Garage. Doch mit der Zeit merkten sie, dass die Aufgabe grösser und organisierter angelegt werden musste. Acht Schulen in der Stadt wurden zu Rüstungswerkstätten erklärt, Freiwillige meldeten sich zur Mitarbeit.

Keine Zeit zu lernen

Abu Seids Betrieb in einer Gewerbeschule ist ein weitläufiger Komplex von Werkstätten, in denen Jugendliche in metallverarbeitenden Berufen und Maschinenbau ausgebildet wurden. Heute gehen hier detaillierte Aufträge von der Front ein, was an Waffen und Gerät gebraucht wird. Metall scheppert, Schweissgeräte sprühen Funken, der Boden ist übersät mit Kabelresten und Blechteilen. An den Wänden hängen noch alte Lehrplakate und Sicherheitshinweise.

Zwei Männer sind dabei, auf der Ladefläche eines Pickups Grad-Raketen zu installieren. Sie verarbeiten alte Autoteile, Altmetall und erbeutete Raketenwerfer. Der Kleintransporter ist einer von Hunderten, wie sie die Rebellen in Gaddafis Regierungs- und Militäranlagen vorfanden: Chao Yung Highlander, chinesische Nachbauten eines Allrad-Toyotas. «Ohne diese chinesischen Wagen hätten wir den Krieg in Misrata nicht gewonnen», sagt Abu Seid und streicht übers Blech. Wenn die Bewaffnung montiert ist, wird der Transporter schwarz lackiert, mit der Aufschrift «Revolution des 17. Februar» in Weiss und der dreifarbigen Flagge der Aufständischen an den Seiten gekennzeichnet.

In einer anderen Werkstatt werden die hölzernen Gewehrkolben von Kalaschnikows repariert und ersetzt. An einer anderen Wand lehnt ein Stoss selbst gemachter rostbrauner Geschosshülsen an der Wand, daneben liegen von den Streitkräften erbeutete Raketen. Überall werkeln und tüfteln Mechaniker, Techniker und Schweisser, die sich mit ihrer Erfahrung aus dem Zivilberuf auf einmal in Waffen- und Munitionsdesign versuchen mussten. «Wir hatten keine Zeit zu lernen, wir mussten uns einfach etwas einfallen lassen», sagt Ali Ibrahim, der früher Lastwagen fuhr und jetzt Raketen baut. Anfangs hätten sie sich aufs Gefühl verlassen, inzwischen könnten sie von den erbeuteten sowjetischen Waffen Gaddafis abkupfern.

Aus der Boutique ans Schweissgerät

Viele seiner Kollegen allerdings hatten mit Technik und Mechanik noch überhaupt nichts am Hut. Vor Kriegsbeginn führte Mohammed al Ahmar das Damenbekleidungsgeschäft «Der Prinzessinnenpalast» an der Tripolis-Strasse. Die Gegend war tagelang schwer umkämpft. «Gaddafis Soldaten haben mein Geschäft zerstört, und ich habe zwölf Freunde bei den Kämpfen verloren», sagt er. «Wie hätte ich meinen Laden einfach reparieren und wieder aufmachen können?»

Er habe das Andenken seiner toten Freunde ehren wollen, erklärt der 38-Jährige. So erschien er eines Tages einfach in der Oberschule, wo, wie er gehört hatte, jetzt Waffen gewartet würden. Jetzt trägt er einen grauen Mechanikerkittel und bohrt ein Loch in ein Metallstück, das Teil eines Maschinengewehrs werden soll.

«Die Jungs hier haben Nachsicht mit mir. Sie wissen, dass bei dieser Art von Arbeit meine Fertigkeiten begrenzt sind, deshalb lehren sie mich jeden Tag etwas Neues. Ich mache Kleinigkeiten wie Schweissen und Blechschneiden», erklärt Al Ahmar. «Sobald Gaddafi stürzt, kehre ich ganz gewiss wieder ins Bekleidungsgeschäft zurück.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • fritz am 21.06.2011 09:34 Report Diesen Beitrag melden

    Interessant

    schon witzig was die leute vorher waren ;) erfinderisch sind sie allemal auchwenn damit spöter menschen getötet werden..

Die neusten Leser-Kommentare

  • fritz am 21.06.2011 09:34 Report Diesen Beitrag melden

    Interessant

    schon witzig was die leute vorher waren ;) erfinderisch sind sie allemal auchwenn damit spöter menschen getötet werden..