Terroranschlag

28. Februar 2011 12:48; Akt: 21.03.2011 16:28 Print

Mit Lockerbie rächte Gaddafi seine Tochter

von Peter Blunschi - Mit dem Zerfall des Gaddafi-Regimes kommt die Wahrheit über den Lockerbie-Anschlag ans Licht: Er war tatsächlich vom libyschen Diktator befohlen worden.

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Zwei wichtige Quellen haben in den letzten Tagen zu den Hintergründen des verheerenden Attentats auf eine Boeing 747 der US-Fluggesellschaft PanAm ausgepackt. Der frühere libysche Justizminister Mustafa Abdel Dschalil, der zu den Aufständischen übergelaufen ist, hatte bereits am letzten Mittwoch der schwedischen Zeitung «Expressen» gesagt, er sei im Besitz von Beweisen, dass Muammar al Gaddafi den Befehl gegeben habe.

Am Wochenende doppelte der Ex-Minister, der in Bengasi eine Übergangsregierung gebildet hat, in der Zeitung «Sunday Times» nach: Der libysche Geheimagent Abdel Basset al Megrahi, der als einziger für das Lockerbie-Attentat verurteilt wurde, habe Gaddafi erpresst und von ihm gefordert, seine Freilassung aus der Haft in Schottland zu erreichen. Andernfalls habe er gedroht, Gaddafis Rolle bei dem Anschlag von 1988 zu enthüllen.

50 000 Pfund pro Monat

Die Drohung habe sich ausgezahlt: Libyen habe monatlich 50 000 Pfund (heute rund 75 000 Franken) für Anwaltskosten und Lobbyarbeit zu Gunsten Megrahis ausgegeben. Gaddafi und seine Beamten seien entschlossen gewesen, die Rückkehr des Attentäters nach Libyen zu erreichen, «und wenn es sie jeden Cent gekostet hätte, den sie haben», zitierte die Zeitung Abdel Dschalil.

Die Bemühungen hatten Erfolg: Im August 2009 war Megrahi aus «humanitären Gründen» aus schottischer Haft nach Libyen entlassen worden. Es hiess damals, er habe wegen Prostata-Krebs nur noch wenige Monate zu leben. Eineinhalb Jahre später lebt der Attentäter immer noch, was die Angehörigen der Lockerbie-Opfer erzürnt und ein schiefes Licht auf die damalige britische Labour-Regierung wirft. Sie habe die schottische Regierung zur Freilassung gedrängt, um mit Gaddafi Geschäfte machen zu können, so der Vorwurf.

Abu Nidal war beteiligt

Bei dem Anschlag war am 21. Dezember 1988 über dem schottischen Dorf Lockerbie eine Bombe an Bord der PanAm-Maschine explodiert. Alle 259 Menschen an Bord sowie elf Menschen am Boden kamen ums Leben. Die offizielle Untersuchung machte den libyschen Geheimdienst für das Attentat verantwortlich. 2001 wurde Abdel Basset al Megrahi zu lebenslanger Haft verurteilt, Muammar al Gaddafi zahlte rund 2,5 Milliarden Dollar an die Hinterbliebenen der Opfer, ohne sich allerdings jemals zum Anschlag zu bekennen.

Mit dem absehbaren Ende seiner Herrschaft scheinen alle Zweifel an der offiziellen Tatversion beseitigt, denn noch ein weiterer Insider hat sich zu Wort gemeldet: Atef Abu Bakr, ein ehemaliger Vertrauter des berüchtigten palästinensischen Terroristen Abu Nidal, erklärte in einem Interview mit der arabischen Zeitung «Al Hayat», dass der Anschlag vom libyschen Geheimdienst und Abu Nidals Organisation gemeinsam geplant und ausgeführt worden sei – mit persönlicher Einwilligung des «Revolutionsführers».

Bombe via Malta transportiert

Das Attentat sei ein Racheakt gewesen für den US-Bombenangriff auf Tripolis und Bengasi zwei Jahre zuvor, bei dem Gaddafis Adoptivtochter Hanna ums Leben gekommen war. Die in einem Transistorradio versteckte Bombe sei von Abu Nidals Experten im Südlibanon gebaut und nach Tripolis gebracht worden, sagte Abu Bakr. Danach sei sie via Malta und Frankfurt nach London und dort an Bord des Jumbos transportiert worden, was die Version der Anklage im Lockerbie-Prozess bestätigt.

Später habe Gaddafi die Ermordung von Agenten angeordnet, die an der Planung des Anschlags beteiligt gewesen waren. Abu Nidal starb 2002 in Bagdad unter nie ganz geklärten Umständen. Der Fall von Gaddafis Regimes werde zu weiteren Enthüllungen über seine Beteiligung an zahlreichen Gräueltaten führen, kündigte Atef Abu Bakr an.