McCanns vor Gericht

09. Juli 2014 09:08; Akt: 09.07.2014 09:08 Print

«Mein Sohn fragte, ob wir Maddies Leiche verstecken»

Die Berichterstattung rund um den Fall der vermissten Madeleine McCann hatte schwere Folgen für die Familie. Sogar der jüngste Sohn habe zeitweise die Eltern für schuldig gehalten.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die McCanns befinden sich seit Anfang Woche in Lissabon. Die Eltern der im Mai 2007 verschwundenen Maddie ziehen in Portugal gegen den ehemaligen Chefermittler Gonçalo Amaral wegen übler Nachrede vor Gericht. Das Ehepaar wirft dem Mann vor, in seinem Buch «Die Wahrheit über die Lüge» Unwahrheiten über sie zu verbreiten. Sie fordern nicht nur ein Verkaufsverbot für das Buch, die McCanns verlangen auch 1,2 Millionen Euro (1,45 Millionen Franken) Schadenersatz.

Nach der Anhörung am Dienstag erzählten die McCanns vor versammelten Medien – darunter der englische «The Telegraph» – wie die Berichterstattung rund um das Verschwinden der kleinen Maddie das Familienleben beeinflusst habe. Amarals Anschuldigungen hätten «schwere Folgen» gehabt, sagte Gerry McCann. «Unser Sohn Sean fragte meine Frau, ob wir Maddie versteckt hielten», so der Vater. Das Kind habe während einer Fahrt im Schulbus einen Bericht über Amarals Buch im Radio gehört.

Der Junge und seine Zwillingsschwester Amelie, heute neun Jahre alt, schliefen im selben Zimmer des Ocean Club Resorts in der Nacht, als Maddie verschwand.

Neuer Verleumdungsprozess

Ex-Chefermittler Amaral hatte im Sommer 2008 sein Buch veröffentlicht. Darin wirft er den Eltern der verschwundenen Maddie vor, den Tod des Mädchens zu vertuschen. Gonçalo Amaral behauptet, die damals Dreijährige sei bei einem Unfall in der Hotelanlage an der Algarve ums Leben gekommen. Die McCanns hätte daraufhin eine Entführung vorgetäuscht und die Leiche verschwinden lassen.

Kate McCann habe ihrem Sohn Sean später erklärt, dass Amaral «einen Haufen Dummheiten» gesagt habe. Vor Gericht erzählte sie zudem, wie sie sich und ihre Kinder vorbereiten, um mit der Berichterstattung zurechtzukommen. «Es ist schon sehr anstrengend für uns als Erwachsene. Für die Kinder ist es noch schlimmer», meinte die Mutter. Sean und Amelie seien bereits in einem Alter, in dem sie in der Schule und zu Hause Zugang zu Computern hätten.

«Wir überwachen alles»

Die Hoffnung, ihre Tochter lebend zu finden, haben die Eltern nie aufgegeben. Während der Anhörung sagte das Paar: «Wer auch immer Madeleine entführt hat, lacht heute mit Sicherheit über den Inhalt des Buches von Herrn Amaral.» Die Eltern betonten einmal mehr, es gebe bisher keine Anzeichen dafür, dass Maddie tot sei. Sie würden die Suche daher nicht aufgeben.

Erst vergangene Woche hatte es im Fall eine neue Wende gegeben: Die portugiesische Polizei hat mehrere Verdächtige verhört. Es handele sich um vier Portugiesen und einige Männer russischer Abstammung, meldeten portugiesische Medien unter Berufung auf Ermittlerkreise. Britische Fahnder seien ebenfalls an den Verhören beteiligt gewesen.

(kle)