Abhörskandal

03. April 2012 17:49; Akt: 03.04.2012 18:32 Print

Murdoch gibt auch sein Amt als BSkyB-Chef ab

Der Sohn von Rupert Murdoch, James Murdoch, tritt nach seinem Rücktritt bei News International auch von der Spitze des Fernsehkonzerns zurück. Er will sich stärker für den Mutterkonzern in New York engagieren.

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Die britische Boulevardzeitung «News of the World» ist nach einem der grössten Medienskandale in der Geschichte des Vereinigten Königreichs eingestellt worden. Im Folgenden eine Chronologie von Ereignissen im Zusammenhang mit dem Abhörskandal und ihren Auswirkungen. Der Königshausberichterstatter der «News of the World», Clive Goodman, schreibt einen Artikel über eine Knieverletzung von Prinz William. Der Palast schaltet die Polizei ein, die Ermittlungen aufnimmt. Auch Kate Middletons Telefonate wurden mindestens 155-mal abgehört. Die meisten Anrufe der späteren Frau von Prinz William habe er kurz vor seiner Verhaftung im gehackt, sagte Clive Goodman. Goodman (im Bild) wird zusammen mit dem Privatdetektiv Glenn Mulcaire festgenommen, weil er in das Voicemail-System von Palastmitarbeitern eingedrungen sein soll. Goodman wird zu vier Monaten Haft verurteilt, Mulcaire (im Bild) erhält eine sechsmonatige Haftstrafe. Der Redakteur Andy Coulson tritt zurück. Der konservative Oppositionsführer David Cameron bittet Coulson (rechts), sein Medienberater zu werden. Coulson sagt vor einem Parlamentsausschuss aus, er habe niemals Abhöraktionen genehmigt. Die ehemalige Chefredakteurin der «News of the World» und später der Schwesterzeitung «The Sun», Rebekah Brooks, wird Chefin des Verlagshauses News International. Der Parlamentsausschuss findet keine Beweise dafür, dass Coulson von den Abhöraktionen wusste. Die Mitglieder erklärten aber gleichzeitig, es sei unvorstellbar, dass ausser Goodman niemand davon Kenntnis gehabt habe. Cameron wird Premierminister. Coulson wird zum Kommunikationschef der neuen Regierung ernannt. Die britische Polizei nimmt erneut Ermittlungen auf. Coulson legt sein Regierungsamt nieder. «News of the World» bezahlt der Schauspielerin Sienna Miller 113'000 Euro, um Vorwürfe einer Abhöraktion aussergerichtlich beizulegen. Eine weitere aussergerichtliche Einigung folgt, dieses Mal mit ehemaligen Fussballprofi Andy Gray. Die Zeitung «The Guardian» berichtet, die «News of the World» habe das Handy der ermordeten 13-jährigen Milly Dowler angezapft. Brooks sei in dieser Zeit Chefredaktorin gewesen. Diese lehnt einen Rücktritt ab und erklärt, sie habe nichts von derartigen Aktionen gewusst. Anzeigenkunden der «News of the World» boykottieren die Zeitung. News International kündigt die Einstellung der «News of the World» an. Coulson wird vorübergehend festgenommen. Goodman wird erneut verhaftet, dieses Mal wegen Zahlung von Bestechungsgeldern an Polizisten. Cameron kündigt Untersuchungen an. Die «News of the World» erscheint zum letzten Mal. Verleger Rupert Murdoch (im Bild) fliegt wegen der Krise nach London. Der Konzern News Corp. zieht sein Angebot zurück, den Sender Sky News auszugliedern. Dieser Schritt war Voraussetzung für die geplante Übernahme des Fernsehsenders British Broadcasting (BSkyB). Berichte über versuchte Abhöraktionen gegen führende Mitglieder des Königshauses und den früheren Premierminister Gordon Brown tauchen auf. Cameron unterstützt eine Aufforderung der Opposition an Murdoch, den Kauf von BSkyB nicht länger voranzutreiben. News Corp. verzichtet auf eine vollständige Übernahme von BSkyB. Die ehemalige Chefredaktorin Rebekah Brooks trat als Chefin des Verlags News International zurück. Brooks erklärte in einer Mitteilung an die Belegschaft, der Ruf des Unternehmens stehe auf dem Spiel. Die Ex-Chefredaktorin Rebekah Brooks wird festgenommen. Mit ihr ist erstmals eine Top-Managerin des Murdoch-Imperiums in Polizeihaft genommen worden. Der Chef der Londoner Metropolitan Police, Sir Paul Stephenson, tritt zurück. Stephenson war ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, als bekannt worden war, dass er sich einen Kuraufenthalt teilweise hatte bezahlen lassen. Einen Tag nach dem Rücktritt des Chefs der Londoner Polizei hat auch dessen Stellvertreter auf die Abhör- und Bestechungsaffäre reagiert und den Hut genommen. Der zweithöchste Beamte bei Scotland Yard, John Yates, gab seinen Rücktritt bekannt.

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Nach seinem Rücktritt bei der Zeitungsholding News International tritt James Murdoch nun auch als Chef des Verwaltungsrats beim Fernsehkonzern BSkyB zurück. Der Sohn von Medienmogul Rupert Murdoch soll aber als Mitglied des Gremiums weiterarbeiten.

«Ich möchte, dass die Interessen von BSkyB nicht von Dingen untergraben werden sollen, die sich ausserhalb des Unternehmens abspielen», teilte James Murdoch am Dienstag in London mit. Er sehe sich als «Blitzableiter». Seine Nachfolge tritt Nicholas Ferguson an.

Bereits bei seiner Wiederwahl als Verwaltungsratspräsident hatte es Murdoch nicht leicht gehabt, sich gegen seine Gegner durchzusetzen. Diese hatten bei einer kleinen Palastrevolution ins Feld geführt, Murdochs Verwicklung in die Abhör- und Bestechungsaffäre könne dem Ruf des Unternehmens schaden. BSkyB gehört zu 39 Prozent der News Corporation von Rupert Murdoch (81).

Reaktion auf Abhöraffäre

Dieser musste wegen der Affäre sein Ansinnen aufgeben, die restlichen Anteile an BSkyB, das neben Bezahlfernsehen (darunter Sky Deutschland) auch Free-TV und Telekommunikation betreibt, aufzukaufen. Auch der Rückzug des 39-Jährigen wird als Reaktion auf die Vorwürfe gegen Murdoch in der Affäre um abgehörte Telefone und bestochene Polizisten gewertet.

Die inzwischen eingestellte Murdoch-Zeitung «News of the World» sowie das Boulevardblatt «The Sun» sind in die Affäre verstrickt. Auch im von BSkyB betriebenen Bezahlfernsehen soll es Unregelmässigkeiten gegeben haben, was Murdoch allerdings bestreitet.

Wahrheit verschwiegen

James Murdoch steht im Verdacht, vor einem Parlamentsausschuss zur Untersuchung der Affäre nicht die volle Wahrheit gesagt zu haben. Es ging um die Frage, wann er selbst von den illegalen Praktiken erfahren hat.

Ende Februar hatte er seine Funktionen bei der Verlagstochter News International, die neben der «Sun» auch die «Times» und die «Sunday Times» herausgibt, aufgegeben und angekündigt, sich künftig für den Murdoch-Mutterkonzern News Corporation stärker von New York aus auf die Fernsehgeschäfte zu konzentrieren.

(sda)

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