Gaza-Streifen

01. Juli 2014 08:01; Akt: 01.07.2014 11:19 Print

Israel fliegt Vergeltungsangriffe

Die israelische Luftwaffe hat in der Nacht zum Dienstag Angriffe gegen Ziele im Gazastreifen geflogen. Es seien Präzisionsschläge gegen 34 Ziele geführt worden, teilten die Streitkräfte mit.

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Mitte Juni wurden in den von Israel besetzten Gebieten des Westjordanlandes drei israelische Jugendliche entführt. Darauf reagierte Israel mit einer gigantischen Suchkampagne. Am 30. Juni kam dann die traurige Gewissheit: Die drei Jungen sind tot. Man fand die Leichen auf einem Feld in der Nähe von Hebron. Die israelische Luftwaffe hat in der Nacht zum Vergeltungsanschläge gegen Ziele im Gazastreifen geflogen. Kurz nach dem Leichenfund meldeten sich zahlreiche internationale Politiker. Der britische Premier David Cameron verurteilte etwa die Tötung als «unentschuldbaren Akt des Terrorismuses» und der französische Präsident Francois Hollande sprach von einem «feigen Mord». US-Präsident Barack Obama nannte die Tat einen «sinnlosen Terrorakt gegen unschuldige Jugendliche». UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon hoffte, dass Israelis und Palästinenser «zusammen arbeiten werden, um schnell die Verantwortlichen zu finden und vor Gericht zu stellen» Für Israel ist die Täterschaft schon lange klar: Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu drohte der Hamas, dass diese für den Tod der Jugendlichen «bezahlen» werde. Bei der Suche handelte sich um die grösste Militäraktion im Westjordanland seit zehn Jahren. Die Soldaten schauten scheinbar in jedes Loch. Dabei wurden auch militärische Drohnen in das Gebiet geschickt, das eigentlich unter der Verwaltung der palästinensischen Autonomiebehörde steht, aber de facto von Israel besetzt ist. Die Suche wurde auch von den palästinensischen Polizeien unterstützt. Oder in diesem Fall: Beobachtet. Die israelischen Kräfte gingen bei der Suche nicht zimperlich vor. Sie verhafteten im Verlauf der Suche mehrere Hundert Palästinenser. Darunter auch einen Parlamentarier. Bei einer Razzia tötete die Armee mehrere palästinensische Jugendliche. Darunter auch einen 15-jährigen. Der tote Mohammed starb bei Zusammenstössen mit der Armee in Ramallah. So sieht eine Wohnung nach einer Razzia durch die israelische Armee aus. Palästinensische Polizisten verhindern ein weiteres Eskalieren der Proteste der Bevölkerung gegen das Vorgehen der israelischen Armee. In Israel dominierte nur ein Thema: Wo sind die drei Jungen? Sogar in New York wurde für eine Aufklärung der Entführung von Gilad Schaar (16), Naftali Frenkel (16) und Eyal Yifrach (19) demonstriert.

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Sicherheitsleute der radikalislamischen Hamas erklärten, es seien mehr als 25 Luftangriffe innerhalb von weniger als zehn Minuten gewesen. Augenzeugen sprachen von Dutzenden von Explosionen.

Ziele seien Militäreinrichtungen der Hamas und des Islamischen Dschihad gewesen. Die Einrichtungen seien in Erwartung israelischer Luftangriffe bereits vorher evakuiert worden. Auch von der See habe die israelische Marine den nördlichen Gazastreifen beschossen. Nach Angaben des medizinischen Dienstes im Gazastreifen wurden bei Chan Junis vier Menschen verletzt. Eine Person wurde vermisst.

Leichen der vermissten Jugendlichen gefunden

Wenige Stunden vor den Luftschlägen waren die Leichen von drei vermissten israelischen Jugendlichen im Westjordanland gefunden worden. Israel hatte die Hamas-Bewegung seit dem Verschwinden der drei Talmudschüler für deren Entführung verantwortlich gemacht und bei einem Grosseinsatz 420 Palästinenser festgenommen, die meisten von ihnen Hamas-Mitglieder. Fünf Palästinenser wurden getötet.

Die israelischen Luftschläge erfolgten nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts unter Vorsitz von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, bei der über eine Reaktion auf die Leichenfunde beraten wurde. Das Kabinett hat nach Medienangaben keine unmittelbare Entscheidung über harte Massnahmen getroffen. Das Gremium werde am Dienstag nach der Beerdigung erneut zusammentreten, sagte ein hoher israelischer Beamter nach Angaben der Zeitung «Haaretz».

Tödliche Razzia in Flüchtlingslager

Im Westjordanland erschoss die israelische Armee nach Angaben aus palästinensischen Sicherheitskreisen in der Nacht zu Dienstag einen Jugendlichen. Soldaten hätten eine Razzia gegen das Flüchtlingslager Dschenin im Norden des Westjordanlandes unternommen und dabei den 18-Jährigen getötet, hiess es aus Sicherheitskreisen und von Ärzten.

Demnach hatte der Vorfall nichts mit den Armeeaktionen im Süden des Westjordanlandes nach der Entführung und Ermordung der drei israelischen Jugendlichen zu tun. Die israelische Armee äusserte sich zunächst nicht zu dem Bericht.

Zuvor hatte die Armee laut Zeugen in Hebron die Häuser von zwei Männern zerstört, die als Hauptverdächtige im Falle der Entführung gelten. Die beiden Hamas-Mitglieder waren demnach auf der Flucht. Menschenrechtsorganisationen hatten zuvor gewarnt, dass Israel zu der Praxis zurückkehren könnte, die Häuser mutmasslicher Attentäter zu zerstören, wie dies bis 2005 immer wieder geschehen war.

Schusswechsel am Montag

Der israelische Rundfunk berichtete am Montagabend, nördlich der Stadt Hebron seien starke Truppenverbände im Einsatz. Es sei zu Schusswechseln mit Palästinensern gekommen. Es sei auch im Gebiet der Kleinstadt Chalchul zu gewaltsamen Konfrontationen zwischen der Armee und Palästinensern gekommen, hiess es. Die Stadt Hebron wurde abgeriegelt.

Seit dem Verschwinden der Jugendlichen auf dem Heimweg am 12. Juni hat die israelische Armee bei Razzien nach eigenen Angaben etwa 420 Palästinenser festgenommen, die meisten davon Hamas-Mitglieder.

(sda)