Angst im Gaza-Streifen

12. Juli 2014 14:03; Akt: 13.07.2014 11:47 Print

«Wo ist das Haus? Wo ist meine Familie?»

von Khaled Kazziha und Josef Federman, AP - Die Menschen im Gazastreifen leben in ständiger Angst. Die Israelis wollen Hamas-Stellungen im Gazastreifen zerstören. Dabei kommen immer wieder Zivilisten ums Leben.

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Der Tod kommt leise. Die Palästinenserfamilie Al-Hadsch hörte nichts. Gegen 2.00 Uhr morgens schlug die Rakete in ihr Haus im Gazastreifen ein - und mit einem Mal war eine achtköpfige Familie tot.

Die israelischen Raketen trafen das Haus der Familie im palästinensischen Flüchtlingslager Chan Junis im Süden des schmalen Territoriums. Der Angriff war Teil der Offensive des Militärs gegen die radikalislamische Hamas.

Israel attackierte seit Dienstag mehr als 1100 Ziele, die es als Zentralen oder Unterschlüpfe von Terroristen identifiziert. Die Bilanz: Über 100 Tote, darunter Dutzende Zivilisten wie die Al-Hadschs. Am Samstag starben fünf Jugendliche.

«Mehr Unterdrückung kann es nicht geben»

Jasser al-Hadsch überlebte als einziger Angehöriger, weil er zur Zeit des Angriffs Donnerstagnacht nicht zu Hause war. «Ich will meine Familie sehen», klagt er. «Wo ist das Haus? Wo ist meine Familie?»

Sein Nachbar Ijad Hamad sagt, unter den Toten der israelischen Angriffe seien Kinder, Frauen und alte Menschen. «Mehr Unterdrückung kann es nicht geben. Sehen die nicht, was mit den Menschen hier passiert?»

Die, das sind die Israelis, aber auch die Mitglieder der internationalen Gemeinschaft. Israels Militärsprecher Peter Lerner sagt, der Fall der Familie Al-Hadsch werde untersucht. Die Armee hat mehrfach versichert, dass sie zivile Opfer bei der Offensive gegen die Radikalen vermeiden will.

Erst Platzpatrone, dann explosiver Beschuss

Dazu trifft das Militär mehrere Vorsichtsmassnahmen, wie Lerner erklärt. Wenn Israel ein Haus als «Kommando- und Kontrollzentrum» der Hamas ausmache, würden die Bewohner zunächst angewiesen, das Gebäude zu verlassen. Dann werde als erstes eine Art Platzpatrone ohne Sprengkraft auf das Dach abgefeuert, als Warnung, sagt Lerner. Dadurch hätten die Menschen Zeit, das Haus zu verlassen. Erst dann folge der explosive Beschuss.

Wenn Extremisten ein ziviles Haus zur Deckung benutzten, werde dieses Gebäude aber zu einem legitimen Ziel, rechtfertigt Lerner. Durch so eine Taktik brächten sie auch die Menschen um sich herum in Gefahr. «Die Hamas mischt sich absichtlich unter die zivile Bevölkerung», sagt er.

Um Ziele im Gazastreifen zu identifizieren, setzt das Militär elektronische Überwachungstechnik und ein Netz aus Informanten und Spitzeln ein. Seit Jahren geht Israel mit gezielten Tötungen durch Luftangriffe gegen die Hamas vor. Dabei kommen immer wieder Zivilisten um.

Hochzeit im Bunker

Rechtlich liegt Israels Vorgehen in einer Grauzone: Das Völkerrecht verbiete die gezielte Tötung von Zivilisten, sagt Robbie Sabel, ehemaliger Berater im israelischen Aussenministerium. Doch räumt das Recht ein, dass Zivilisten bei Angriffen auf militärische Ziele in Mitleidenschaft gezogen werden können. Die Angriffe müssten jedoch «verhältnismässig» sein, erklärt er. Was verhältnismässig sei, ist sei dem Recht schwer zu definieren und weiche leicht von der öffentlichen Wahrnehmung ab.

Doch auch auf der anderen Seite der Grenze leben die Menschen in Angst. Hunderte Raketen feuert die Hamas aus dem Gazastreifen auf Israel – auch Jerusalem und Tel Aviv sind betroffen. Der Alltag in Israel wird vom ständigen Raketenalarm bestimmt. Wenn Sirenen heulen, ziehen die Menschen in die Luftschutzbunker. Lian Assajag aus Aschkelon wollte ihre Hochzeit gross feiern. Doch Raketenalarm störte die Feier. Letztlich heiratete sie Donnerstagnacht in einem Luftschutzbunker. «Alles ist durcheinander», sagte sie dem Sender Kanal 10. «Aber es ist okay.»