Tunnelsystem

27. Juli 2014 23:06; Akt: 28.07.2014 15:38 Print

Israel sucht ein Rezept gegen die Hamas-Tunnel

Dutzende Tunnel nach Israel hat das Militär bei seiner Bodenoffensive bereits zerstört. Doch Experten glauben, das werde nicht reichen. Eine Idee zur Abwehr: ein Abwasserkanal an der Grenze.

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Das israelische Militär nennt es den «tiefergelegten Gazastreifen»: das umfassende Tunnelsystem, mit dem die radikalislamische Hamas die seit 2007 geltende Blockade ihres winzigen Herrschaftsgebiets zwischen der Mittelmeerküste und Israel im wahrsten Sinne des Wortes untergraben hat.

Das Ziel der aktuellen Offensive der israelischen Streitkräfte im Gaza: Tunnel zerstören, die dort gelagerten Arsenale vernichten, die Gefahr für Israel ausschalten. 31 Tunnel wurden bereits entdeckt. Doch die Aufgabe, die Bedrohung auszuschalten, ist schwierig. Und eine langfristige Lösung fehlt.

«Israel wusste, dass es ein Problem mit den Tunneln gab, aber es hat sich ihre Bedeutung nicht voll bewusst gemacht», sagt der pensionierte israelische General Schlomo Brom. «Zu jedem beliebigen Zeitpunkt könnte die Hamas Dutzende Extremisten durch verschiedene Tunnel schicken und israelische Gemeinden angreifen.»

Täter buddelten sich unter Grenze durch

Das Prinzip erprobten militante Palästinenser bereits 2006 bei der Entführung des Soldaten Gilad Schalit. Damals buddelten sich die Täter unter der Grenze durch bis zu einem israelischen Militärlager. Den verschleppten Schalit hielten sie fünf Jahre in ihrer Gewalt, bis er 2011 gegen 1000 Palästinenser ausgetauscht wurde.

Seit Beginn der israelischen Blockade des Gazastreifens 2007 ging es dann richtig los mit dem Tunnelbau – nach Ägypten und nach Israel.

So sollen auch zumindest Teile des riesigen Raketenarsenals geliefert worden sein, das die Hamas und andere Radikale auf Israel abfeuern. Mehr als 2000 Geschosse regneten seit dem 8. Juli über Städten wie Aschkelon und Aschdod, aber auch über Jerusalem und Tel Aviv nieder.

Tunnel werden systematisch zerstört

Die Hamas verdiente am Handel mit, denn sie erhob Zoll auf die über Ägypten kommende Schmuggelware. Doch seit einem Jahr ist es damit vorbei: Das nicht mehr vom Muslimbruder Mohammed Mursi, sondern vom Ex-General Abdel-Fattah al-Sisi regierte Ägypten zerstört die Tunnel systematisch. Die darauf folgende Finanzkrise der Hamas gilt als einer der Hintergründe für die jüngste Zuspitzung im Nahost-Konflikt.

Nach der israelischen Bodenoffensive von 2009 baute die Hamas auch ihre unterirdischen Verbindungen nach Israel aus. Mehrere hohe Vertreter der Palästinenserorganisation haben der Nachrichtenagentur AP bestätigt, dass dies Teil eines militärischen Taktikwechsels war.

Tunnel, um zu kidnappen und zu töten

«Die Hamas hat terroristische Tunnel unter Kliniken, Moscheen, Schulen, Häusern gegraben, um auf unser Territorium einzudringen, um Israelis zu kidnappen und zu töten», sagte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu diese Woche. Viele Israelis sind jedoch irritiert, dass das Land kein nachhaltiges Rezept gegen die Tunnel-Bedrohung findet.

Wie man des Problems ein für allemal Herr werden könnte, ist allerdings unklar. Vorgeschlagen wurde ein mit Abwasser gefüllter Kanal, so dass etwaige Eindringlinge quasi in Gülle versumpfen würden. Bedenken bestehen jedoch wegen hoher Kosten und wegen des möglicherweise ungeeigneten sandigen Bodens. Eine andere Lösung wäre bessere Technik zur Entdeckung der Stollen, etwa durch akustische oder seismische Geräte. Aber sie gelten nicht als hundertprozentig zuverlässig.

(kmo/sda)