Gaza-Krieg

29. Juli 2014 18:53; Akt: 29.07.2014 18:53 Print

Zum Verzweifeln – und Wegschauen?

von Martin Suter - Von zornigen Sympathisanten abgesehen, haben viele genug vom immer gleichen Kleinkrieg zwischen Hamas und Israel. Dabei ist diesmal einiges anders – in dreierlei Hinsicht.

Bildstrecke im Grossformat »
Unheimliche Bilder vom Gaza-Krieg im Juli 2014: Wie ein Monster erhebt sich die Rauchwolke nach einem Bombenabwurf über Gaza Stadt. Solche Bilder dienten israelischen und palästinensischen Kritikern der Bombardierungen als Vorlage für Kunstwerke. Minarette vor orangenem Hingergrund. Bis zum 25. Juli forderte der Krieg im Gazastreifen über 850 Tote, 817 Palästinenser und 35 Israelis. Politiker verhandeln seit Tagen über eine mögliche Waffenruhe. Offizielles Ziel des israelischen Angriffs ist die Zerstörung des weitverzweigten Tunnelnetzes, durch das die Hamas Waffen in den Gazastreifen schmuggelt. Ein Kampfhelikopter feuert Blitze ab. Seit dem 8. Juli feuerte die Hamas über 2100 Raketen auf Israel ab. Ein Grossteil der Opfer auf palästinensischer Seite sind Zivilisten, bei den Israelis kamen vorwiegend Soldaten ums Leben. Die Sonne kämpft sich durch den Rauch. Internationale Kritik gab es, weil die Israelis auch Schulen und Moscheen bombardierten, in denen Zivilisten Schutz suchten. Israel wehrt sich mit dem Argument, dass die Hamas ihre Kämpfer und ihre Waffen in zivilen Anlagen verstecke. Mit den Leuchtbomben sorgen die Israelis für Licht für die Bodenoffensiven. Der Uno-Menschenrechtsrat forderte eine Untersuchung wegen möglicher Kriegsverbrechen. Weder Israel noch die Hamas würden genügend tun, um die Zivilbevölkerung zu schützen, kritisierte Uno-Menschenrechtskommissarin Navi Pilay. Der Gazastreifen ist sehr dicht besiedelt. Hunderttausende versuchen zu fliehen, doch die Grenzen sind geschlossen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Mit jedem gebrochenen Waffenstillstand wächst die Desillusionierung all jener, die sich im Nahost-Konflikt um Verständnis für beide Seiten bemühen. Beispielsweise fragte US-Generalleutnant Michael Flynn, der abtretende Chef des militärischen Nachrichtendiensts, am Wochenende an einem Forum in Aspen: «Wird es im Nahen Osten Frieden geben?» Seine Antwort: «Nicht zu meinen Lebzeiten.»

Zur gleichen Zeit gehen engagierte Parteigänger auf die Barrikaden. Sie liefern sich Leserbrief-Gefechte, feuern Twitter-Salven ab. Auf dem New Yorker Union Square brüllten sich am Wochenende pro-palästinensische Demonstranten und Anhänger Israels die Kehlen heiser. In europäischen Hauptstädten lieferten sich aufgebrachte Muslime zu Hunderten Querelen mit der Polizei.

Auch die früheren Kriege um Gaza in den Jahren 2009 und 2012 riefen enttäuschte Abwendung und Wut hervor. In mancherlei Hinsicht ist der aktuelle Konflikt aber anders, wie drei Überlegungen zeigen:

1. Die Wahrheit ist besonders schwer auffindbar

Wer die Moralität der Kriegsführung beurteilen will, muss die wahren Sachverhalte kennen. Doch ein bislang unerreicht heftiger Propagandakrieg verschleiert die Fakten. Für die Hamas ist jedes nicht uniformierte Opfer ein Zivilist und jeder Minderjährige ein Kind. Dabei ziehen sich die teils jugendlichen Hamas-Kämpfer oft keine Uniformen über. Von den angeblich über 1000 palästinensischen Toten seien 75 Prozent Zivilisten, wird behauptet. Doch das israelische Meir Amit Center kam letzten Mittwoch nach Überprüfung aller Fakten zum Schluss, dass von damals 775 Toten bloss 267 nachweislich Zivilisten waren.

Umgekehrt schlachtete Israel die Ermordung dreier junger Juden im Juni propagandistisch aus. Womöglich um einen Vorwand für eine Militäraktion zu schaffen, wurde sofort die Hamas beschuldigt. Erst vergangenen Freitag gab Polizeisprecher Micky Rosenfeld zu, dass nicht die Hamas-Führung, sondern eine unbekannte Radikalengruppe die Entführung und Ermordung verantwortet.

2. Die starken Makler-Mächte fehlen

Den letzten Waffenstillstand handelten die USA als Fürsprecher Israels mit Ägypten als Verbündeten der Hamas aus. Seitdem sind jedoch in Kairo die Muslimbrüder entmachtet worden. Die neue Militärführung fasst die Hamas als Gegnerin auf und lässt Israel freie Hand.

Die USA wiederum haben sich in Jerusalem viel Goodwill verscherzt: Anders als Vorgängerin Hillary Clinton zeigt US-Aussenminister John Kerry nach israelischer Auffassung zu viel Verständnis für die Hamas, weshalb er nicht mehr allzu ernst genommen wird. Wie aber sollen sich Hamas und Israel ohne Ägypten und die USA auf irgendetwas einigen?

3. Beide Seiten wollen zu Ende kämpfen

Die Hamas kann sich rühmen, 43 israelische Soldaten getötet und den Flughafen von Tel Aviv zeitweise lahmgelegt zu haben. Trotzdem muss sie weiterkämpfen, glaubt Zakaria al-Qaq, ein palästinensischer Soziologe. «Wenn sie einen Deal eingeht, ohne etwas für das Volk in Gaza erreicht zu haben, wird sie alles verlieren und sich selbst begraben», sagte al-Qaq zur «New York Times».

Auch die Israeli glauben, es gebe noch viele Raketenstellungen zu zerstören und Tunnels zu sprengen, bevor die Bedrohung aus dem Gazastreifen neutralisiert ist. Premierminister Benjamin Netanjahu hat sein Volk am Montag auf längere Kampfhandlungen vorbereitet.

Wenn beide Seiten mit fortdauernden Kämpfen nichts zu verlieren haben, sondern zu gewinnen glauben, ist ein Ende des Krieges in weiter Ferne.