Detroit meets Pjöngjang

28. Dezember 2011 17:45; Akt: 28.12.2011 18:13 Print

Mit dem Strassenkreuzer ins Jenseits

von Jean-Claude Gerber - Aller anti-westlichen Propaganda zum Trotz hat Nordkoreas Staatsführung dem «Geliebten Führer» für die letzte Reise einen fahrbaren Untersatz spendiert, der kapitalistischer nicht sein könnte.

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Kim Jong-Ils Trauerzug hatte es wahrlich in sich. Zehntausende in Tränen aufgelöste Nordkoreaner erwiesen dem Mann, der sie 17 Jahre blutig unterdrückte, in Pjöngjang die letzte Ehre. Apparatschiks mit steinernen Mienen begleiteten stoisch die sterblichen Überreste des Diktators zu seiner letzten Ruhestätte – zum Teil sogar zu Fuss. Und das alles bei dichtem Schneetreiben und eisigen Temperaturen. Doch was den Betrachter aus dem Westen wirklich staunen liess, war der gigantische Fuhrpark, den das Begräbniskomitee unter der Leitung von Kims Sohn und Nachfolger Kim Jong-Un auffahren liess.

Der Autokorso, der sich im Schritttempo über die Prachtboulevards der nordkoreanischen Hauptstadt wälzte, bestand – vorsichtig geschätzt – aus rund 65 Fahrzeugen. Neben rund zwei Dutzend Militärlastwagen fielen dem geneigten Betrachter dabei eine ganze Armada schwarzer S-Klasse-Mercedes der vorletzten Generation ins Auge. Ausgestattet mit allen Errungenschaften des westlichen Automobilbaus dürften die Stuttgarter Erzeugnisse den Parteibonzen trotz winterlicher Kälte eine Parade in wohliger Wärme beschert haben. Ein Luxus, der den Massen am Strassenrand vorenthalten blieb. Vielleicht haben sie deshalb so herzerweichend geweint.

Das Geheimnis der drei schwarzen Limos

Doch auch wenn die Luxusfahrzeuge mit dem Stern gemeinhin als die besten Automobile der Welt gelten und Kim Jong-Il ein ausgeprägter Mercedes-Benz-Fetisch nachgesagt wurde, gehörte die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit an diesem Tag drei schwarzen Limousinen, die vom heutigen Stand der Technik ungefähr so weit entfernt sind wie der durchschnittliche Nordkoreaner von einem Internetanschluss. Die Rede ist hier nicht etwa von sowjetischen ZIL-4104-Repräsentationskarossen oder rotchinesischen Hongqi-CA770-Parteikutschen. Die wahren Stars des Staatsbegräbnisses waren drei überlange Lincoln Continental mit Jahrgang 1976. Zwei dieser Detroiter Stahlmonster mit 7,5 Liter-V8-Motoren führten die offizielle Parade an, wobei eines ein riesiges Bildnis des toten Diktators auf seinem Dach spazieren fuhr – vielleicht um die weinenden Massen daran zu erinnern, weshalb sie an diesem garstigen Tag am Strassenrand frieren mussten.

Dem dritten Lincoln kam schliesslich die Aufgabe zu, auf seinem Dach in einem Meer weisser Kimjongilias, der Nationalblume Koreas, den Sarg des Diktators zu transportieren. Es kann davon ausgegangen werden, dass es der gleiche Wagen ist, der 1994 bereits Kims Vater und Republikgründer Kim Il-Sung zu seiner letzten Ruhestätte gefahren hatte. Und so ist es wohl dieser Präzedenzfall, der die nordkoreanischen Oberen davon abgehalten hatte, die amerikanischen Dickschiffe gegen zeitgemässere Automobile einzutauschen. Doch was ist schon zeitgemäss an der letzten stalinistischen Diktatur der Welt?

TV-Beitrag über den Trauerzug für Kim Jong-Il. (Video: YouTube)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • martin / tschuemperlin am 30.12.2011 13:36 Report Diesen Beitrag melden

    Well observed!

    Gutes Research - und gut beobachtet, wie wohl diese Edel Mercedes - trotz aller Embargos- nach Nordkorea kamen - ob gar die Chinesen diese lieferten?

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  • Mercedes-Fan am 29.12.2011 09:12 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Mercedes 600 sichtbar

    Beim Trauerzug von Kim Il-Sung waren noch jede Menge Mercedes 600 in Pullman-Ausführung zu sehen...Ersatzteilprobleme (sind schweineteuer)? Dafür eine Augenweide die vielen W126 (S-Klasse 79-91)!

  • Ford H. am 29.12.2011 02:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lincoln Continental

    was für eine geile Kiste!

Die neusten Leser-Kommentare

  • martin / tschuemperlin am 30.12.2011 13:36 Report Diesen Beitrag melden

    Well observed!

    Gutes Research - und gut beobachtet, wie wohl diese Edel Mercedes - trotz aller Embargos- nach Nordkorea kamen - ob gar die Chinesen diese lieferten?

    • R. Meyer am 31.12.2011 18:47 Report Diesen Beitrag melden

      Embargo erst seit 2006

      Vor 2006 gab es ja keine Embargo für Luxusgüter gegen NK, also können ältere Wagen ganz legal ins Land gekommen sein. Neue Wagen kommen anscheinend über chinesische Zwischenhändler ins Land, gibt auch MB mehr oder weniger offen zu... Ausserdem sollen die Nordkoreaner in den 80er und 90er über "reverse engineering" - sprich auseinanderschrauben, sich das Wissen zur Herstellung von 190er "Baby Benz" Limos angeeignet haben, bzw. wenigstens die Karrosserien - die Technik drunter ist noch made in UdSSR...

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  • Pilatius Montalban am 29.12.2011 10:32 Report Diesen Beitrag melden

    Niveaulose Berichterstattung

    Solch unverschämte Äusserungen hätte man vielleicht im Blick erwartet, vielleicht war das ja der frühere Arbeitgeber von J.C. Gerber...

    • K. Rotte am 29.12.2011 18:28 Report Diesen Beitrag melden

      Mir gefällt die Berichterstattung

      Geprägt von grosser Sachkenntnis und gewürzt mit einer kleinen Prise Sarkasmus. Genauso muss es sein!

    • Freier Mensch am 29.12.2011 23:08 Report Diesen Beitrag melden

      Wieso niveaulos????

      Was ist daran niveaulos?? Kim Jong-Il hat so viele Menschenleben und Existenzen auf dem Gewissen. Mir ist der Artikel viel zu freundlich.

    • Richard H. am 30.12.2011 13:32 Report Diesen Beitrag melden

      Niveauvoll!

      Intelligent, recherchiert, mir ironischem Unterton - so soll die Beschreibung dieses lächerlichen stalinistischen Gebahrens sein. Kim Jong-Il war ein Diktator, dem sein Volk egal war und der Erhalt seiner Macht und die seiner Familie und Parteifreunde 1. Priorität hatte - er verdient es darum absolut nicht besser. Im Gegenteil, in diesem Sinn ist der Artikel hier sogar noch viel zu lieb.

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  • Mercedes-Fan am 29.12.2011 09:12 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Mercedes 600 sichtbar

    Beim Trauerzug von Kim Il-Sung waren noch jede Menge Mercedes 600 in Pullman-Ausführung zu sehen...Ersatzteilprobleme (sind schweineteuer)? Dafür eine Augenweide die vielen W126 (S-Klasse 79-91)!

  • B. Anker am 29.12.2011 08:35 Report Diesen Beitrag melden

    Vorurteile Amischlitten

    In unserer Familie wird seit meinen beiden Grossvätern mit Autos aus Amerika gefahren - auch ich fahre seit über 30 Jahren ausschliesslich Amis. Die genannten Verbrauchszahlen und despektierlichen Aeusserungen über die Fertigung sind absoluter unsinn. Amis hatten zudem auch schon in den70ern geregelte Kat und bleifreies Benzin, als erste Headup-Display, Nachtsichtgeräte etc etc. Und sehr stabil, deshalb ja auch nach 35 Jahren noch im Einsatz! Vorreiter in der Technik und Haltbarkeit - auch heute noch.

    • Marcel Tschanz am 29.12.2011 10:58 Report Diesen Beitrag melden

      und vieles mehr

      Auch das dritte Bremslicht, Klimaanlage, Automat, Tempomat, ABS, Cupholder und vieles mehr verdanken wird den Amis!

    • Stahl, Hans am 29.12.2011 19:04 Report Diesen Beitrag melden

      Benzman...

      Äh, Tempomat und ABS sind "directamente" von Mercedes/Bosch entwickelt worden...

    • Freier Mensch am 29.12.2011 23:13 Report Diesen Beitrag melden

      Wohl nicht ganz korrekt!

      Da möchte ich deutlich widersprechen. ABS, Tempomat, Airbag sind erstmals in Mercedes-Fahrzeugen erhältlich gewesen! Mit Leiterrahmen, Starrachse und Blattfedern ist bei den allermeisten europäischen Autos schon lange Schluss - im Gegensatz zu nicht wenigen amerikanischen Autos...

    • HJolly am 30.12.2011 12:50 Report Diesen Beitrag melden

      B.Anker hat schon recht

      @Freier Mensch. Mercedes hat nicht alles erfunden was in Autos eingebaut wird auch wenn das hier zu Lande so dargestellt wird. ABS kam zuerst in den USA auf den Markt genau wie B.anker schreibt. Starrachsen gibts es genau wie in Europa in günstigen Fahrzeugen. Mein Pontiac von 1992 hat Einzelradaufhängung und Head up Display

    • Chevy-Fan am 30.12.2011 14:57 Report Diesen Beitrag melden

      USA = schlecht!?

      ist halt Mode alles was aus USA kommt schlecht zu reden. Wir würden besser mal vor der eigenen Haustüre wischen. Aber seien wir froh dass dem so ist sonst würden Audi/VW, BMW und Mercedes keine Autos mehr verkaufen... und ich möchte mein Auto auch nicht an jeder Strassenecke sehen wie einen Golf oder 3er ;-)

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  • tom cat am 29.12.2011 08:22 Report Diesen Beitrag melden

    fast geschafft...

    ... der Kim-Jong-Il wolle wohl mindestens einmal in seinem Leben mit einem richtigen Auto fahren. Naja - er hat ja es offensichtlich fast geschafft, nur ein paar Tage fehlten ;-)!