Experteninterview

19. Dezember 2011 23:02; Akt: 19.12.2011 23:45 Print

«Kim Jong-ils Tod kann eine Chance sein»

Nach dem Tod des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-il droht ein Militärputsch, sagt Asienexperte Werner Pfennig. Wahrscheinlicher aber sei eine friedliche Annäherung beider Koreas.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Nach dem Tod Kim Jong-Ils liegt die nordkoreanische Bevölkerung am Boden und beweint ihren Führer. Ist die Liebe zum Diktator echt oder einfach Propaganda?
Werner Pfennig:
Es ist beides. Ein Grossteil der Bevölkerung ist verunsichert und weiss nicht, wie es jetzt weitergehen wird. Über den Nachfolger Kim Jong-Un weiss man wenig. Und natürlich sind die Bilder auch Teil der Propagandamaschinerie. Sie sollen zeigen, in welcher Trauer sich das Land befindet. Ich schliesse auch nicht aus, dass sich einzelne über den Tod des Diktators klammheimlich freuen. Da aber eine Alternative fehlt, dürfte bei vielen Trauer und Unsicherheit echt sein.

Wird sich Kim-Jong-Un als Nachfolger behaupten können?
Nordkoreas neuer Machthaber wird nicht zuletzt wegen seinem jungen Alter einen schweren Stand haben: Wir werden sehen, ob es ihm gelingt von der Militärführung ernst genommen zu werden. Sollte er das Land nicht zusammenhalten, die materielle Lage der Bevölkerung nicht verbessern können, und die Herrschaft über den Kontrollapparat verlieren, könnte die Lage schnell heikel werden. Im schlimmsten Fall droht ein Militärputsch, den ich für unwahrscheinlich halte. Der Machtwechsel kann aber auch eine Chance sein: Ich hoffe, dass die neu zusammengesetzte Führung erkennt, dass eine Normalisierung auf der koreanischen Halbinsel für alle Beteiligten nützlich ist. Sollte es zu einer solchen Entspannung kommen, könnten wichtige Ressourcen, die jetzt ins Militär gesteckt werden, zivilen Aufgaben zugeführt werden. Die Angebote aus dem Westen müssen glaubhaft erscheinen und sollten konkretisiert werden. Bei jedem Machtwechsel besteht die Chance, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Initiativen könnten von Südkorea und auch den USA ausgehen.

Wie wahrscheinlich ist die Annäherung zwischen Nord- und Südkorea?
Zum Begräbnis des ehemaligen südkoreanischen Präsidenten Kim Dae-jung kam eine Delegation aus dem Norden. Zu den anstehen Trauerfeiern könnte eine „private“ Delegation aus dem Süden nach Pyongyang reisen und dort Gespräche führen. Viel wird davon abhängen, wie die Regierung des Südens die Situation nutzt, bzw. glaubt, sie nutzen zu können.

Ist sogar eine wirtschaftliche oder politische Öffnung Nordkoreas denkbar?
Da bin ich skeptisch. Das System überlebt hauptsächlich, weil das Kontrollsystem funktioniert, die Grenzen kontrolliert werden, der Elite genug Mittel zur Verfügung stehen und es von China unterstützt wird. Durch eine wirtschaftliche oder politische Öffnung würden diese stabilisierenden Elemente an Wirkungskraft verlieren.

Kim Jong-Ils Tod versetzt Ost und West in Sorge: In Südkorea herrscht höchste Alarmbereitschaft. In Japan wurde ein Treffen des Nationalen Sicherheitsstabs einberufen. Die USA gab sich wortkarg, die Märkte haben negativ reagiert...
Die Lage hat sich aber nicht dramatisch verschlechtert. Die Gefahr eines Atomangriffs ist klein – die nuklearen Anstrengungen sind für mich weniger militärischer, sondern taktischer Art. Es ist eine Überlebensversicherung und sie sind Bemühungen, eine bessere Verhandlungsposition gegenüber den USA zu erlangen. Mit einem Angriff würde sich Nordkorea bloss sein eigenes Grab schaufeln. Beunruhigend für die USA dürfte allerdings die Weitergabe von Wissen etwa an den Iran und „internationale Terroristen“ sein. Ich denke der Tod von Kim Jong-il stellt kein internationales Sicherheitsrisiko dar, sondern kann als Möglichkeit einer friedlichen Annäherung zwischen den USA, Süd- und Nordkorea gesehen werden.

Werner Pfennig ist Ostasien-Wissenschaftler am Otto-Suhr Institut für Politikwissenschaften in Berlin.