Machtwechsel

27. Dezember 2011 23:43; Akt: 27.12.2011 23:43 Print

Nordkorea wird weiter hungern

von Peter G. Achten, infosperber.ch - Die Propaganda präsentiert Kim Jong-Un bereits als neuen Führer Nordkoreas. Bis er seine Macht konsolidieren kann, dürften jedoch Jahre vergehen.

Infografik zu Nordkoreas Erbdynastie.

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Noch bis im September letzten Jahres kannte ihn niemand. Auch in Nordkorea nicht. Jetzt soll der noch nicht einmal 30 Jahre alte Kim Jong-Un Nachfolger seines Vaters Kim Jong-Il werden, dem Halbgott und «Präsidenten in alle Ewigkeit». Wird es Kim Jong-Un, dem dritten Spross der Kim-Dynastie, gelingen die Macht zu erobern und behalten? Und falls ja, was sind die Folgen für die koreanische Halbinsel, Ostasien und die Welt?

Erst vor etwas über einem Jahr erhielten die Nordkoreaner zum ersten Mal Gelegenheit, den jungen Kim auf einem Foto kennenzulernen. Sofort ist südkoreanischen Experten die Ähnlichkeit mit seinem Grossvater Kim Il-Sung aufgefallen. Und sofort hiess es, Kim Jong-Un sei unter dem Messer von plastischen Chirurgen zur Kopie seines in Nordkorea wie ein Gott verehrten Grossvaters geworden.

Diese Gerüchte sind typisch für das fast hermetisch abgeschlossene Land. Wie einst bei der Einschätzung der Sowjetunion und des maoistischen China ist wenig bis nichts gesichert. Selbst der südkoreanische, japanische und amerikanische Geheimdienst wurden vom Tod Kim Jong-Ils überrascht. Auch die befreundeten Chinesen sind nicht viel klüger über die Interna Pjöngjangs.

Weinen und Schluchzen haben Tradition

Mit Erstaunen, ja Unverständnis werden im Ausland und insbesondere im Westen die Bilder der trauernden, weinenden und schluchzenden Nordkoreaner betrachtet. Alles Propaganda, heisst es dann schnell. Nicht ganz. Nordkorea lässt sich nicht nur als stalinistischer Staat interpretieren, sondern als Nation mit konfuzianischen Wurzeln. Weinen und Schluchzen ist beim Tod vor allem des Vaters ein akzeptierter Teil der konfuzianischen Kultur, selbst in Südkorea. Kommt dazu, dass der extreme Personenkult um Vater Kim Il-Sung und Sohn Kim Jong-Il seit gut 60 Jahren eine proto-religiöse Aura geschaffen hat.

Ob der junge Kim Jong-Un die Macht wirklich erringen wird, ist eine weit offene Frage. Die Propaganda jedenfalls wird derzeit nicht müde, die Machtergreifung als Fait accompli darzustellen. Der junge Kim wird bereits als «der vom Himmel Gesandte», als «Geliebter Junger General» und als der «Grosse Nachfolger» apostrophiert. Das Volk wird aufgefordert, sich um «die Führerschaft von Genosse Kim Jong-un zu scharen».

Macht-Konsolidierung kann Jahre dauern

Aus dieser Propaganda-Offensive lässt sich nur eines mit Sicherheit sagen, nämlich dass die schmale Elite, deren Privilegien von der Kim-Dynastie abhängen, an einer Fortsetzung des Status quo interessiert ist. Wer wirklich die Macht ausübt, ist eine Frage der Interpretation. Kim Jong-Un ist erst vor rund 15 Monaten zum Viersterne-General, zum Mitglied des Zentralkomitees der Koreanischen Arbeiterpartei sowie zum Vize-Vorsitzenden der alles entscheidenden Zentralen Militärkommission ernannt worden.

Seither wurde er in den nordkoreanischen Medien immer an der Seite seiner Vaters gezeigt. Kim Jong-Il selbst war fast 20 Jahre von Kim Il-Sung auf seine Aufgabe vorbereitet worden. Kein Vergleich zu den knapp anderthalb Jahren, die Kim Jong-Un verblieben, um sich in Partei und Armee eine Gefolgschaft zu sichern. Aber auch der «Geliebte Führer» musste nach dem Tod von Kim Il-Sung 1994 drei Jahre warten, bis er alle Ämter seines Vaters in Staat, Partei und vor allem Militär formell besetzen konnte. Beim jüngsten Kim wird es vermutlich ähnlich lang gehen.

Kleiner Machtzirkel

Derzeit ist Kim Jong-Un Vorsitzender des 200-köpfigen Komitees für die Tauerfeiern am 28. Dezember, ein Hinweis darauf, dass er schon einige Macht auf sich vereinigt hat. Die meisten Auguren und Experten gehen aber davon aus, dass der Thronfolger von einem engen Kreis aus Familie und Militär beraten und gelenkt wird. Allen voran die Schwester des Verstorbenen, Vierstern-Generalin Kim Kyong-Hui, und ihr höchst einflussreicher, 65 Jahre alter Ehemann Jang Song-Taek.

Zu diesem engsten Kreis soll auch der 65-jährige Vize-Marschall und Generalstabschef Ri Yong-He gehören. Zum weiteren Machtzirkel zählen der 65-jährige Generalleutnant Kim Yong-Chol, Chef des militärischen Geheimdienstes und Mentor des neuen Machthabers, sowie der 81-jährige Premierminister Choe Yong-Rim und das 83-jährige Politbüromitglied Kim Yong-Nam.

Über den Charakter des jüngsten Sprosses der Kim-Dynastie ist wenig bekannt. Nordkorea-Experten meinen, dass er so intelligent, genusssüchtig, durchsetzungsfähig und skrupellos wie sein Vater Kim Jong-Il sei. Nicht von ungefähr mehren sich Gerüchte, vor allem aus Quellen von nordkoreanischen Flüchtlingen in Südkorea, dass der neue Machthaber bereits in grossem Stile Verhaftungen und Exekutionen zur Machtsicherung befohlen habe, genau so wie es sein Vater 1994 nach dem Tode Kim Il-Sungs getan hat. Verifizierbar sind solche Gerüchte nicht.

Baldige Reformen nicht in Sicht

Bis sich der Nebel über Nordkorea lichtet, werden Wochen, wenn nicht Monate oder Jahre vergehen. Die Grossmächte USA und Japan, aber auch das Nachbarland China sowie Südkorea sind am Status Quo interessiert, nicht zuletzt wegen des nordkoreanischen Atomprogramms und der strategischen Lage als Pufferstaat.

Dass es im wirtschaftlich am Boden liegenden Nordkore zu schnellen Reformen in chinesischen Stil kommen könnte, ist eher unwahrscheinlich. Einige Ökonomen meinen zwar, dass Kim Jong-Un – weil zum Teil im Ausland, auch in einer Schweizer Schule in Köniz erzogen – eher reformfreundlich sei. Doch baldige Reformen wären eine Kritik am Kurs seines Vaters, also unwahrscheinlich. Nordkorea wird weiter hungern.

Festivitäten und hungerndes Volk

In naher Zukunft darf man einige Daten rot anstreichen. Am 28. Dezember finden in Pjöngjang die Trauerfeiern für Kim Jong-Il statt, am 8. Januar wird Kim Jong-Un 28 oder 29 Jahre alt, am 16. Februar wäre der jetzt verstorbene «Geliebte Führer» 70 Jahre alt geworden, und am 15. April feiert Nordkorea den 100. Geburtstag von Staatsgründer Kim Il-Sung. Bis zu diesem Datum soll Nordkorea eine «prosperierende, aufstrebende Grossmacht» sein. Die internationale Gemeinschaft und das hungernde Volk können sich auf einige Überraschungen gefasst machen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Charlie Amstutz am 28.12.2011 04:02 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Aenderung in Sicht

    Sehr gute Einschaetzung der Lage in Nord Korea. Solange der "Machtzirkel" der alten Garde die Politik von Kim Jong Un mit beinflussen, wenn nicht sogar steuern, wird sich nichts aendern. Und auch der "geliebte junge General" wird seine Macht und seinen Status halten wollen.

  • Jonas am 28.12.2011 00:07 Report Diesen Beitrag melden

    Marionette

    Dieser Emporkömmling, der in Saus und Braus gross geworden ist und nichts kennt, ausser Reichtum und Überfluss und die Lügen, die ihm seit Kindesbeinen erzählt wurdne, wird nichts Gutes für sein Land bringen. Schade. Tut mir leid um das Volk, das weiterhin leiden muss, damit eine dekadente "Elite" das Land weiter gängeln kann.

  • Simon Wegert am 28.12.2011 11:27 Report Diesen Beitrag melden

    Die Nordkoreaner sind selber schuld

    Natürlich werden die Menschen in diesem Land weiter hungern. Aber - entschuldigung - da sind sie leider selber schuld. Jedes Volk hat die Macht, ihren Despoten zu stürzen. Ein Anfang wäre gewesen, die heuchlerische Trauer zu verweigern. Stellt man sich vor, alle hätten die Trauerporpaganda verweigert, dann wäre Kim Jong-Un wahrscheinlich nicht an die Macht nachgerückt. Freiheit kostet etwas - manchmal Blut und Schweiss - aber geschenkt wir die Freiheit nicht. Man muss sie sich nehmen - so wie die Mächtigen sich die Macht nehmen - mit brachialer Gewalt wenn nötig.

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  • Simon Wegert am 28.12.2011 11:27 Report Diesen Beitrag melden

    Die Nordkoreaner sind selber schuld

    Natürlich werden die Menschen in diesem Land weiter hungern. Aber - entschuldigung - da sind sie leider selber schuld. Jedes Volk hat die Macht, ihren Despoten zu stürzen. Ein Anfang wäre gewesen, die heuchlerische Trauer zu verweigern. Stellt man sich vor, alle hätten die Trauerporpaganda verweigert, dann wäre Kim Jong-Un wahrscheinlich nicht an die Macht nachgerückt. Freiheit kostet etwas - manchmal Blut und Schweiss - aber geschenkt wir die Freiheit nicht. Man muss sie sich nehmen - so wie die Mächtigen sich die Macht nehmen - mit brachialer Gewalt wenn nötig.

  • Charlie Amstutz am 28.12.2011 04:02 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Aenderung in Sicht

    Sehr gute Einschaetzung der Lage in Nord Korea. Solange der "Machtzirkel" der alten Garde die Politik von Kim Jong Un mit beinflussen, wenn nicht sogar steuern, wird sich nichts aendern. Und auch der "geliebte junge General" wird seine Macht und seinen Status halten wollen.

  • Jonas am 28.12.2011 00:07 Report Diesen Beitrag melden

    Marionette

    Dieser Emporkömmling, der in Saus und Braus gross geworden ist und nichts kennt, ausser Reichtum und Überfluss und die Lügen, die ihm seit Kindesbeinen erzählt wurdne, wird nichts Gutes für sein Land bringen. Schade. Tut mir leid um das Volk, das weiterhin leiden muss, damit eine dekadente "Elite" das Land weiter gängeln kann.