Auswüchse eines Kults

23. Dezember 2011 13:33; Akt: 23.12.2011 15:49 Print

Kims Tod lässt den heiligen Berg leuchten

Die Trauer um Machthaber Kim Jong-Il kennt in Nordkorea keine Grenzen. Nach neuesten Meldungen zeigen sogar Gletscher, Berge und ein Kranich Gefühle.

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Von der Natur begünstigt: Die nordkoreanischen Führer Kim Il-Sung (links) und sein Sohn Kim Jong-Il umgeben von einer blühenden Landschaft. Das Motiv zierte eine Briefmarke. (Bild: Keystone)

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Die staatliche Nachrichtenagentur Nordkoreas, die Korean Central News Agency (KCNA), überschlägt sich mit bizarren Meldungen über den Tod des «Geliebten Führers». Nach herzzerreissenden Bildern von trauernden Nordkoreanern widmet sie sich nun der Natur.

Laut KCNA seien am Sterbetag Kim Jong-Ils am Berg Paektu, an der Jong-Il-Spitze und dem Tonghung-Hügel «besondere Naturwunder» zu beobachten gewesen. Diese «ungewöhnlichen Phänomene» beweisen laut KCNA, dass auch die Natur um den Machthaber trauert.

Brechendes Eis und leuchtende Berge

Am Morgen des 17. Dezembers sei das dicke Eis im Chon-See am Berg Paektu mit einem ohrenbetäubenden Getöse geborsten. Es klang, «als seien Himmel und Erde erschüttert worden», meldet KCNA. Eine Gruppe von Forschern berichtete, man habe noch nie einen so lauten Knall an diesem Berg gehört. Die Temperatur in der Region sei an diesem Tag auf ungewöhnliche 22,4 Grad unter Null gesunken.

Die Forscher berichten weiter von einem schweren Schneesturm, der von einer Minute auf die andere aufgehört habe zu toben. Die dunklen Wolken hätten sich verzogen und gegen 8.05 Uhr «begann sich der Himmel zu röten und die Berggipfel leuchteten» - die Sonne ging auf. Der vor Jahren von Kim Jong-Il persönlich in den Fels geschlagene Schriftzug «Berg Paektu, heiliger Berg der Revolution» leuchtete in grellem Rot. Dieses Schauspiel habe exakt bis 17.00 Uhr gedauert.

Der Jong-Il-Gipfel habe ein zweites Mal geleuchtet. Und zwar am 19. Dezember zwischen 16.50 und 17.20 Uhr. Dies sei genau jener Zeitpunkt gewesen, als das nordkoreanische Volk vom Ableben des Führers erfuhr. Nie zuvor habe man Ähnliches beobachten können. Der Paektu wird von Süd- wie Nordkoreanern als heiliger Berg verehrt, im stalinistisch geprägten Nordkorea gilt er auch als Symbol der Herrscherfamilie.

Kranich in Trauerhaltung

Die Nachrichtenagentur berichtete von einem weiteren Naturwunder in der Nähe der Statue von Kim Jong-Ils Vater Kim Il-Sung in der Stadt Hamhung. Dort wurde am Dienstag gegen 21.20 Uhr ein Kranich beobachtet, wie dieser dreimal um das Denkmal flog bevor er sich auf einem Baum niederliess. Dort habe er recht lange mit gesenktem Kopf in eindeutiger Trauerhaltung verharrt.

«Sogar der Kranich schien den Abschied von Kim Jong-Il, dem im Himmel Geborenen, zu betrauern», formulierte es KCNA. «Auch er kann ihn nicht vergessen.» Gegen 22.00 Uhr sei der Vogel Richtung Pjöngjang davongeflogen. Ob der Kranich, der in Asien als Symbol für Langlebigkeit gilt, in der Hauptstadt weiter trauert, wurde von der Agentur nicht überliefert.

Blumen, die den Naturgesetzen trotzen

Die skurrilen Meldungen über Naturwunder im Zusammenhang mit Ehren- oder Sterbetagen der Machthaber haben in Nordkorea Tradition. Im Vorfeld des ersten Todestags von Kim Il-Sung, dem ersten kommunistischen Führer, berichtete KCNA über «blühende Bäume» mitten im Sommer, die «sich den Gesetzen der Natur widersetzen». Bienen hätten die Statuen von Kim umschwärmt, meldete KCNA am 7. Juli 1995. Und auch von Kranichen, die Ehrenrunden um die Denkmäler fliegen, sei damals schon die Rede gewesen, berichtet die österreichische Zeitung «News».

Die Natur schien auch Kims Sohn und Nachfolger Kim Jong-Il wohlgesinnt: In Pjöngjang machten am 23. Juni 1995 KCNA zufolge heftige Stürme den Tag zur Nacht. Erst als Kim Jong-Il das erstmal als neuer Führer öffentlich erschien, brachen Sonnenstrahlen durch die schwarzen Wolken.

Zwei Jahre später sollen nordkoreanische Fischer auf wundersame Weise sogar eine seltene Albino-Seegurke gefangen haben - dieses seltene Tier sei aufgetaucht, um das Ereignis der Wahl des Genossen Kim Jong-Il zum Generalsekretär der Partei am 29. September zu begrüssen, so die Interpretation von KCNA.

Naturphänomene gehören zum Personenkult

Übernatürliche Phänomene begleiten die beiden nordkoreanischen Führer schon seit der Geburt. Kim Jong-Il, der den bizarren Personenkult von seinem Vater übernommen hatte, war nach der offiziellen Legendenbildung 1942 auf dem heiligen Berg Paektu im Norden der koreanischen Halbinsel geboren. Nach westlichen Quellen kam Kim ein Jahr zuvor, weniger heldenhaft, in einem sowjetischen Ausbildungslager in Sibirien zur Welt.

Kim war nach offizieller Darstellung am Samstag im Alter von 69 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Sein drittältester Sohn, Kim Jong-Un, den er schrittweise auf die Nachfolge vorbereitet hatte, soll nun die Kim-Dynastie an der Macht in dritter Generation fortsetzen. Man darf gespannt sein, von welchen Naturphänomenen seine «Inthronisation» begleitet wird.

(hag)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • ulieni am 23.12.2011 13:47 Report Diesen Beitrag melden

    Oh Wunderland

    Nur die Nahrung für das Volk spriesst leider nicht. Dafür wachsen Kanonen und Atombomben in den Himmel.

  • Werner Streit am 23.12.2011 14:29 Report Diesen Beitrag melden

    Auch in der Schweiz

    Auch bei uns hat die Natur getrauert, es hat gestern den ganzen Tag geregnet.

  • Sandro Soletto am 23.12.2011 14:21 Report Diesen Beitrag melden

    Weitere Zeichen

    Doch doch, das mag wohl alles stimmen. Also meine Katze hat genau zum Zeitpunkt als der "Geliebte Führer" starb, erstmals in die linke Ecke des Katzen-Klos gepieselt. Katzen gelten aus der ägyptischen Geschichte scheinbar als Wächter der Unterwelt. Seither schmatzt meine Katze beim essen nicht mehr so wie vorher. Nicht zu vergessen das Wetter bei uns. Pünktlich als der Führer starb, schneite es ununterbrochen und als der Himmel die Trauergemeinde sah, regnete es. ;-p

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter Rappo am 26.12.2011 01:19 Report Diesen Beitrag melden

    Glauben macht Seelig

    da sieht man wie diese Nordkoreaner manipulierbar sind, alle Komunisten Staaten haben ein Führer und die Leute laufen Blind hinter her.

  • Mini Cooper am 25.12.2011 19:43 Report Diesen Beitrag melden

    Es stimmt!

    Verstehe gar nicht, warum sich hier Leute ständig lustig machen. Alles ist war. Ich habe es selbst gesehen. Und zwar am 19. Dezember zwischen 16.50 und 17.20 Uhr Koreanischer Zeit. An meinem Mini Cooper haben beide Scheinwerfer geleuchet. Mein Weg wurde erleuchtet!

  • M.C. am 25.12.2011 14:06 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts besonderes

    Die Sonne geht auch hierzulande erst dann hoch, wenn ich aufstehe - und umgekehrt. Aber ich hab mich daran gewöhnt und erachte es nicht mehr als Besonderheit...

  • Roman am 23.12.2011 20:06 Report Diesen Beitrag melden

    Leider real

    Wäre Nordkorea nicht real würde man sich in einem fiktiven Roman wähnen. "1984" in seiner reinsten Form! Haarsträubend

  • Jakob Bösch am 23.12.2011 15:52 Report Diesen Beitrag melden

    Au bi eus, au bi eus

    Was ist denn das schon? Das Churer Rothorn ist auch errötet, als Eveline Widmer-Schlumpf zur Bundespräsidentin gewählt wurde!

    • C. Hurer am 23.12.2011 17:41 Report Diesen Beitrag melden

      Vor Freude...

      Ja, nämlich vor Freude! :-)

    • Gehteuchnix An am 25.12.2011 18:12 Report Diesen Beitrag melden

      @C. Hure

      Ich denke das war wohl eher Schamesröte...

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