Held der Armen

16. März 2013 14:11; Akt: 16.03.2013 15:24 Print

Sie nennen ihn den «Papst der Slums»

von Luis Andres Heno, AP - 45'000 Menschen leben in Villa 21-24, einem Slum in Buenos Aires. Viele Argentinier getrauen sich nicht in den Bezirk - ganz im Gegensatz zu Papst Franziskus.

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Für mehr als eine Milliarde Katholiken auf der Welt ist er Papst Franziskus. Für die Armen in Argentinien, die sich in den Elendssiedlungen von Buenos Aires drängen, ist er einer von ihnen, «papa villero», ein «Papst der Slums».

Die Villa 21-24 ist eine der grössten Elendssiedlungen in Buenos Aires, im Stadtteil Barracas gelegen. Rund 45'000 Menschen leben hier, und die Siedlung gilt als gefährlich. Viele Bewohner der Hauptstadt trauen sich nicht hinein. Aber Jorge Mario Bergoglio, der neue Papst, ist oft vorbeikommen, ohne Ankündigung, hat mit den Leuten Mate getrunken, reihum aus dem gleichen Strohhalm, und mit ihnen gelacht.

Die Leute im Slum erzählen, wie der Erzbischof von Buenos Aires mit dem Bus gekommen und durch den Schlamm zu ihrer kleinen Kapelle gelaufen ist. Er hat Geld für den Marathonlauf gegeben und für die Tischler-Klassen. Er hat alleinstehende Mütter getröstet und Drogenabhängigen die Füsse gewaschen. Er ist einer von ihnen geworden.

«Schau, ich bin immer noch am Zittern»

«Vor vier Jahren ging es mir total dreckig und ich brauchte Hilfe», erinnert sich der 27-jährige Müllsammler Marcelo Reynoso, der an einem Rehabilitationsprogramm der Kirche teilnimmt, um von seiner Kokain-Abhängigkeit loszukommen. «Als die Messe begann, kniete er nieder und wusch mir die Füsse. Das hat mich sehr betroffen gemacht. Es war so eine schöne Erfahrung.»

Als er im Fernsehen die Nachricht von der Wahl Bergoglios zum Papst gesehen habe, habe er vor Freude gejubelt. «Schau, ich bin immer noch am Zittern», fügte Reynoso hinzu. «Der Typ ist so bescheiden. Er ist ein Fan von San Lorenzo, wie ich. Man kann mit ihm wie mit einem Freund sprechen.»

Bevor Bergoglio 2001 in den Kardinalsrang erhoben wurde, lief der Erzbischof nur mit einem einfachen schwarzen T-Shirt mit weissem Kragen herum. Für die Menschen, die sich jetzt in der im Slum gelegenen kleinen Kirche Nuestra Señora de Caacupé versammeln, ist es ein Wunder, dass einer aus ihren Reihen nun Papst geworden ist.

«Das ist das Schönste, was uns passieren kann»

«Er hat immer zu unserem Slum dazu gehört», sagt die 41 Jahre alte Hausfrau Lidia Valdivieso nach einem Gebet in der Kirche. Ihre Hand legt sie dabei auf eine Statue von St. Expeditus, dem Heiligen für dringende und kaum erfüllbare Anliegen. Lidia hat einen Sohn, 23 Jahre alt, der unter Kinderlähmung leidet und an der technischen Schule der Kirche das Tischlern lernt.

«Als ich die Nachricht hörte, konnte ich es nicht glauben», sagt Lidia. «Einen papa villero zu haben, ist das Schönste, was uns passieren kann. Ich erinnere mich gut, wie er durch unsere verschlammten Strassen gelaufen ist und mit unseren Kindern gesprochen hat.»

Im Inneren der kleinen Kirche erinnert eine gemalte Tafel an die Amtseinführung Bergoglios. Ein grosses Bild würdigt Papst Johannes Paul II. Zum deutschen Papst Benedikt XVI. gibt es keinen einzigen Hinweis. In der Nähe des Altars hängt ein grosses Schwarz-Weiss-Poster von Carlos Mugica, einem Priester der Slums, der 1974 von Mitgliedern einer rechtsgerichteten Todesschwadron getötet wurde. Diese störten sich an der von Mugica vertretenen Theologie der Befreiung.

Die Armen beten zu einem Verbrecher

Bergoglio blieb stets distanziert zu dieser Richtung, wegen ihrer Verbindungen zu den linksgerichteten Guerillabewegungen in den 70er Jahren. Aber er hat viel getan, um die Arbeit Mugicas weiterzuführen und viele Arten von Programmen in den Slums des Landes unterstützt.

Die Seelsorge in den Elendssiedlungen ist eine heftige Arbeit. Priester müssen Drogenhändlern entgegentreten und ihr Leben aufs Spiel setzen. Manchmal sind Kompromisse nötig, auch in Glaubensfragen.

Wenige Schritte von der Kirche entfernt gibt es einen Schrein mit zusammengeschmolzenen Kerzen, der dem Volkshelden Antonio «Gauchito» Gil gewidmet ist, einem Verbrecher aus dem 19. Jahrhundert, der seine geraubte Beute mit den Armen teilte. Viele Arme beten ebenso zu dem eher heidnischen «Gauchito» wie zu den katholischen Heiligen. Aber Bergoglio störte sich nicht an dem Schrein neben der Kirche.

Priester ist überzeugt: «Die Kirche wird sich wandeln»

«Mehr als 20 Jahre lang ist er hierher gekommen», sagt der Priester der Gemeinde, Lorenzo «Toto» de Vedia. «Er war uns immer nah, und seine Wirkung in dieser Siedlung ist gewaltig.» Auf dem Tisch des Priesters liegt eine Zeitung mit der grossen Schlagzeile, die nur aus einem Wort besteht: «FRANCISCO».

Der Priester ist überzeugt: «Die Kirche wird sich wandeln. Allein, dass er den Namen Francisco gewählt hat, sagt alles. Das bedeutet: Hört auf herumzupfuschen und widmen wir uns den Armen.» Dies sei die Botschaft des Heiligen Franziskus gewesen und nun könne sie neu gelebt werden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Missy am 16.03.2013 15:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Papst der Armen...

    ..nimmt Platz auf seinem goldenen Stuhl - na dann Prost!

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  • Leser am 16.03.2013 17:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Blindenhundgeschichte!

    Diese Geschichte zeigt, was dieser Papst wahrscheinlich für ein Mensch ist! Franziskus scheint gut zu passen!

  • Haha am 16.03.2013 21:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wird sich noch zeigen

    Es wird sich noch zeigen, wie gut er wirklich ist. Selbst wenn er ein so guter Mensch ist, kann er dennoch nicht viel erreichen, wenn sich die Anderen querstellen. Aber er ist noch selbst zu konservativ um in gewissen Bereichen etwas zu verändern... Hoffen wir, dass es ihm gelingt, seine Vorhaben umzusetzen, aber erwarten wir nicht zu viel.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Haha am 16.03.2013 21:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wird sich noch zeigen

    Es wird sich noch zeigen, wie gut er wirklich ist. Selbst wenn er ein so guter Mensch ist, kann er dennoch nicht viel erreichen, wenn sich die Anderen querstellen. Aber er ist noch selbst zu konservativ um in gewissen Bereichen etwas zu verändern... Hoffen wir, dass es ihm gelingt, seine Vorhaben umzusetzen, aber erwarten wir nicht zu viel.

  • Kein Katholik am 16.03.2013 19:44 Report Diesen Beitrag melden

    Normalerweise

    interessiere ich mich nicht für die Pabstwahl. Ich bin nicht Katholisch. Aber die Medien sind voll und man kommt nicht drumherum. Er wirkt auf mich Sympatisch. Erwarte von Ihm aber nicht dass er "Modernisiert". Da sind viel zuviele um Ihn verum die dies verhindern werden. Wenigstens das mit den Kondomen sollte aber mal klappen. Ist ja auch in Ihrem Sinne wenn sich die Schäfchen mit keinen Krankheiten anstecken

    • Ein Halbkatholik am 17.03.2013 13:38 Report Diesen Beitrag melden

      lange Sicht

      Ich stimme dir grundsätzlich zu. Bezogen auf die Kirchenlehre sollten wir uns zu Fragen zur Sexualität keine grossen Hoffnungen machen; die Kirche hat zurzeit andere Probleme. Ich hoffe aber auf eine pragmatische Lösung, vorbei an der Kirchenlehre. Ein hoher Geistlicher hat auf die Frage warum sich die Kirche nicht dem gesell. Wandel anpasst gesagt, dass die Kirche bewusst sehr träge reagiert, schliesslich existiere man seit 2000 Jahren und denke in grösseren Zeitspannen. Hätte die Kirche jede gesell. Erscheinung gleich mitgetragen, wäre dies auf lange Sicht auch nicht gut gewesen..

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  • m.ruchti am 16.03.2013 18:25 Report Diesen Beitrag melden

    herzen

    dieser pabst hat in kurer zeit mehr herzen bewegt, als sein vorgänger in den letzten 8 jahren. lang lebe francesco

  • Leser am 16.03.2013 17:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Blindenhundgeschichte!

    Diese Geschichte zeigt, was dieser Papst wahrscheinlich für ein Mensch ist! Franziskus scheint gut zu passen!

  • Elisabeth H-B am 16.03.2013 15:50 Report Diesen Beitrag melden

    Neue Wege gehen im Christlichen Sinn

    JETZT IST DIE MENSCHHEIT BEREIT, NEUE WEGE ZU GEHEN IM CHRISTLICHEN SINN. Einander beistehen, helfen dort wo es not-wendig ist. Fsd rnflivh TUN, wo JESUS-CHRISTUS, Sohn Gottes, vorgelebt hat, gezeigt hat, darauf aufmerksam gemacht....

    • Rüssel Toni am 16.03.2013 16:08 Report Diesen Beitrag melden

      Schon

      tragisch wieviele Realitätsverweigerer es auf der Welt gibt.

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